Die Valoren von Nvidia zündeten nachbörslich den Turbo und legen nach US-Börsenschluss am Mittwoch um 5 Prozent zu. Der Chiphersteller übertraf die ohnehin hohen Erwartungen der Wall Street erneut. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg der Umsatz um 106 Prozent auf 96,2 Milliarden Dollar gegenüber erwarteten rund 92,2 Milliarden Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie erreichte 2,22 Dollar und lag ebenfalls über dem Konsens.

Die drei Schweizer Halbleiterzulieferer Comet (+2,1 Prozent auf 352,00 Franken), Inficon (+1,4 Prozent auf 171,80 Franken) und VAT (+1,5 Prozent auf 617,40 Franken) legen an der Schweizer Börse bis am Donnerstagmittag «verhältnismässig» bescheiden zu. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits zeichnete sich bereits am frühen Donnerstagmorgen im asiatischen Aktienhandel eine verhaltene Reaktion bei den dortigen Halbleiter-nahen Werten ab. Die US-Aktienfutures gaben zudem ihre Gewinne teilweise wieder ab, da der positive Effekt von Nvidias Umsatzprognose und den über den Erwartungen liegenden Gewinnen nachliess, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Der Future auf den Nasdaq 100 stieg am frühen Donnerstagmorgen zwischenzeitlich um rund 1,2 Prozent, reduzierte den Anstieg im europäischen Handel aber auf ein Plus von 0,6 Prozent.

Andererseits nahm die Volatilität sowohl bei den US-Halbleiterwerten als auch bei den europäischen und asiatischen Pendants in den vergangenen drei Wochen ab. Das lässt sich an der Schwankungsanfälligkeit des grössten Halbleiter-ETFs «iShares Semiconductor ETF» ablesen, die sich innert Monatsfrist auf 40 Prozent zurückgebildet hat und deutlich unter dem historischen Durchschnitt von 52 Prozent steht.

Diese geringere Volatilität lässt sich auch an der Kursentwicklung von Comet ablesen. Vom Jahrestief Anfang März bei 227 Franken verdoppelte sich der Wert innerhalb dreier Monate nahezu auf 437 Franken, ehe der Titel wieder auf 350 Franken zurückgebunden wurde. Seit Ende Juni bewegt sich die Aktie in einer Bandbreite von plus respektive minus 12 Prozent. 

VAT in einer soliden Position

An Kaufempfehlungen mangelt es den Schweizer Halbleiterzulieferern nicht. Comet stufen sieben Analysten mit «Kaufen», drei mit «Halten» und einer mit «Verkaufen» ein. Das durchschnittliche Kursziel steht bei 460 Franken. Bei Inficon stehen sechs «Kaufen» vier «Halten» gegenüber, während keine Verkaufsempfehlung vorliegt. Das zeigen Daten des AWP‑Analysers. Das durchschnittliche Kursziel beläuft sich bei Inficon auf 188 Franken. Bei VAT Group gibt es acht Ratings «Kaufen» und dieselbe Anzahl «Halten» mit einer Verkaufsempfehlung bei einem Kursziel von 708 Franken. Somit hat VAT mit 22 Prozent das höchste Kurspotenzial unter den drei Valoren. 

Dabei scheint gerade VAT gut positioniert, loben doch verschiedene Analysten die hohe Qualität des Unternehmens und das robuste Geschäftsmodell. Unter diesen Umständen erstaunt es nicht, dass eine US-Investmentbank ein deutlich über dem Durchschnitt liegendes Kursziel aufruft. Die Citigroup sieht bei der Aktie von VAT noch reichlich Luft nach oben: Das Preisziel wird mit 850 Franken beziffert.

Im Nachgang zu den überzeugenden Zahlen für das zweite Quartal hatte der zuständige Citigroup-Analyst Pavan Daswani Ende Juli seine Prognosen massiv nach oben korrigiert. Der Experte beobachtete boomende Endmärkte mit einer deutlich stärker als erwarteten Nachfrage nach Kapazitäten für Advanced Logic sowie für Speicher mit hoher Bandbreite. Zudem sorgen volle Auftragsbücher bei VAT dank eines anhaltend hohen Polsters an Bestellungen für eine hohe Visibilität. Flankiert werde diese positive Entwicklung vom China-Geschäft, denn die Nachfrage aus diesem wichtigen Markt präsentiere sich laut dem Analysten der Citigroup weiterhin äusserst robust.

Risiken nicht ausser Acht lassen

Obwohl Nvidia mit aussergewöhnlichem Wachstum punkten kann und sich der positive Ausblick für die Halbleiterbranche dank dem Ausbau der KI-Infrastruktur verbessert hat, sollten Anleger die Entwicklung mittelfristig im Auge behalten. Serge Nussbaumer, Kapitalmarktexperte bei Maverix, verweist denn auch auf die Margenentwicklung bei Nvidia als kritischen Punkt. Für das kommende Quartal erwartet Nvidia eine Bruttomarge von rund 74 Prozent. Aufgrund stark steigender Speicher- und Komponentenkosten könnte diese im vierten Quartal aber auf 71 Prozent bis 72 Prozent sinken.

Das sei zwar nach wie vor ein aussergewöhnliches Niveau, konstatiert der Maverix-Experte. Zudem gebe es einen wichtigen Gegenpunkt. Bereits vor den Quartalszahlen wurde berichtet, dass Nvidia seine Kunden über Preiserhöhungen von mehr als 15 Prozent bei bestimmten AI-Serversystemen informiert hatte. Als wesentlicher Grund gelten die stark gestiegenen Kosten für Speicher und andere Komponenten. Nvidia deutete zudem an, zu Beginn des kommenden Geschäftsjahres höhere Produktpreise durchsetzen zu wollen. Damit bekommt der erwartete Margenrückgang eine andere Qualität, so Nussbaumer von Maverix weiter. 

Daraus lassen sich zwei Folgerungen ableiten. Erstens dürfte die Nachfrage bei den Schweizer Halbleiterzulieferern hoch bleiben. Zweitens stellt sich aber die Frage, ob die Preiserhöhungen von Nvidia Auswirkungen auf die Preissetzungsmacht der Zulieferer haben. Es wird sich deshalb über die nächsten Monate zeigen müssen, ob diese wegen der höheren Nvidia-Chippreise unter Druck geraten.

Bei den KI‑Modellen hat der Preiskampf längst begonnen, auch wenn die Hersteller von KI- und Memorychips noch nicht betroffen sind. Drei Beispiele: Ein kostenloses Modell namens Ox Alpha erschien online und erreichte nahezu die Grenzen des Machbaren im Bereich KI. Im Vergleich zu Claude von Anthropic kostet der Token ein Sechstel. OpenAI wiederum senkte gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg die Preise für sein Flaggschiffmodell zum dritten Mal innerhalb eines Monats und gleichzeitig ist der Token-Preisindikator weiter gefallen. Damit scheint Künstliche Intelligenz als Produkt in Echtzeit an Wert zu verlieren.

Entsprechend dürfte der Preiskampf nicht nur bei den KI-Modellen von Anthropic, Deepseek, Gemini oder OpenAI stattfinden, sondern auf mittlere Frist auch bei den Herstellern von den KI- bis zu den Memorychips zunehmen. Oder so wie es Nussbaumer von Maverix bei Nvidia formuliert: «Der zentrale Konflikt der Nvidia-Story ist heute die enorme Preissetzungsmacht als eine der grössten Stärken des Unternehmens – und gleichzeitig der stärkste wirtschaftliche Anreiz für seine Kunden, morgen Alternativen zu entwickeln.»

Thomas Daniel Marti
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