Der EZB-Rat hob am Donnerstag den Einlagensatz von 2,0 auf 2,25 Prozent an. Über ihn steuert die Notenbank massgeblich ihre Geldpolitik. Zuletzt hatten die Währungshüter im September 2023 die Zinsen erhöht. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen rechnen für September mit einer weiteren Zinsanhebung.
Ökonomen und Finanzexperten sagten zum EZB-Beschluss in ersten Reaktionen:
Mark Wall, Chefökonom Europa von der Deutschen Bank:
«Dies ist ein bedeutender Moment. Es handelt sich nicht nur um die erste Zinserhöhung der EZB seit 2023, sondern auch um die erste Zinserhöhung einer der großen globalen Zentralbanken als Reaktion auf den Energieschock. Die EZB erklärt, dass eine Strategie des „Durchschauens“ keine wirksame Antwort darstellt. Die Frage ist, wie weit dieser Straffungszyklus noch gehen kann. Unsere Antwort lautet: nicht weit. Es besteht zwar ein Aufwärtsrisiko für die Inflation, aber auch ein Abwärtsrisiko für das Wachstum. Eine weitere Zinserhöhung im September, und dann ist Schluss.»
Clemens Fuest, Präsident IFO-Institut:
«Da die Inflation im Euroraum drei Prozent überschritten hat und wenig Aussicht auf Entspannung im Iran-Konflikt besteht, ist eine Zinserhöhung jetzt der richtige Schritt. Die EZB folgt damit nur dem, was die Märkte schon eingepreist haben.»
Lena Dräger, IFW-Institut Kiel:
«Die Zinserhöhung wird den Ölpreis nicht senken. Sie dient vielmehr dazu, die Glaubwürdigkeit der EZB im Kampf gegen die Inflation zu wahren und die Erwartungen zu stabilisieren, bevor sich der Angebotsschock durch den Iran-Krieg dauerhaft festsetzt. Die frische Erinnerung an die Inflationswelle 2022 erhöht das Risiko von Zweitrundeneffekten, auch wenn das Lohnwachstum bislang moderat bleibt. Es sollte jedoch vorerst ein einzelner Zinsschritt vorgenommen werden, keine vorab festgelegte Serie. Eine zu aggressive geldpolitische Straffung würde die fragile Konjunktur abwürgen, ohne den Energiepreisschock direkt adressieren zu können. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sollte die Tür für weitere Schritte offenhalten, falls sich der Preisdruck verfestigt, zugleich aber Flexibilität signalisieren, sollte der Energiepreisdruck nachlassen.»
Jörg Asmussen, Ex-EZB-Direktor und Hauptgeschäftsführer GDV:
«Die Zinsanhebung ist angesichts einer Inflation von zuletzt 3,2 Prozent im Euroraum und einer Kerninflation von 2,5 Prozent folgerichtig. Die EZB muss handeln, bevor sich der Preisdruck von den Energiepreisen auf andere Bereiche der Wirtschaft ausweitet. Sie kann es sich nicht leisten, erneut hinter der Inflationsdynamik zurückzubleiben.
Bei einem Angebotsschock wie dem Iran-Krieg bleibt der geldpolitische Spielraum jedoch begrenzt. Zinspolitik dämpft Nachfrage, beseitigt aber nicht den Angebotsschock selbst und damit nicht die eigentliche Inflationsursache. Im Vordergrund der Entscheidung steht deshalb weniger die unmittelbare Bekämpfung des Energiepreisschocks als die Verhinderung von Zweitrundeneffekten und die Wahrung der geldpolitischen Glaubwürdigkeit.»
Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Banken (BDB):
«Mit der heutigen Zinsentscheidung beweist die Europäische Zentralbank Fingerspitzengefühl. Die Erhöhung ist absolut nachvollziehbar und mit Blick auf die Preisentwicklung im Euroraum sehr passend. Wichtig ist aber auch: Mit dem heutigen Schritt ist kein Automatismus für eine weitere Zinserhöhung im Juli verbunden. Mit der heutigen Entscheidung gewinnt die EZB Zeit, die weitere Preis- und Wirtschaftsentwicklung über den Sommer hinweg sorgfältig zu beobachten. Zur Sitzung des EZB-Rats im September liegen auch wieder neue Inflationsprognosen vor. Diese dürften dann – ähnlich wie heute – eine wichtige Grundlage für die zinspolitische Entscheidung im Herbst sein.»
Valentino Guggia, Ökonom Migros Bank:
«Der EZB-Zinserhöhung war von den Finanzmärkten vollständig eingepreist. Im Einklang damit rechnen wir mit keiner deutlichen Bewegung des Franken zum Euro und prognostizieren eine Seitwärtsentwicklung in einem engen Kanal. Zwar spräche die ausgeweitete Zinsdifferenz für einen höheren Euro-Kurs, dies wird aber mehr als kompensiert durch die im Vergleich zur Euro-Zone bessere Konjunkturlage und tiefere Inflation der Schweiz sowie durch die Rolle des Frankens als sicherer Hafen. In der gegenwärtigen Phase dämpft der starke Franken den Preisanstieg bei importierten Produkten - darunter auch bei Erdölprodukten - und verhindert somit eine Überschreitung des oberen Inflationszielwerts der Schweizerischen Nationalbank von 2 Prozent. Demzufolge ist keine Massnahme der SNB anlässlich ihrer nächsten geldpolitischen Lagebeurteilung am 18. Juni erforderlich. Wir rechnen weiterhin damit, dass die SNB ihren Leitzins unverändert lässt.»
(Reuters/cash)

