Die Aufträge der deutschen Industrie sind im April fast doppelt so stark eingebrochen wie erwartet. Das Neugeschäft fiel um 3,8 Prozent geringer aus als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang von 2,0 Prozent gerechnet. In ersten Reaktionen hiess es dazu:
Alexander Krüger, Chefökonom Hauck Aufhäuser Lampe:
«Der Rückgang ist im Wesentlichen eine Reaktion auf den kräftigen Zuwachs im Vormonat. So richtig ist der Funke vom Fiskalpaket noch nicht übergesprungen. Immerhin ist die Lage etwas besser als vor einem Jahr. Das Fiskalpaket wird weiter für eine beständige Auftragszufuhr sorgen. Nicht die Auftragslage ist zurzeit das Problem, sondern die Umsetzung in Produktion. Durch den Iran-Krieg stockt jedoch die Zufuhr von Produktionsmitteln. Das A und O für die Industrie ist es deshalb, dass die Strasse von Hormus befahrbar wird. Erst dann werden Aufträge auch für Produktion sorgen.»
Jörg Krämer, Chefökonom Commerzbank:
«Der Einbruch der Auftragseingänge im April ist vor allem eine Gegenbewegung zum starken Anstieg im März. Denn im ersten Monat des Nahost-Kriegs hatten viele Unternehmen laut Wirtschaftsministerium Bestellungen aus Angst vor kriegsbedingten Lieferproblemen vorgezogen. Abgesehen von diesem Sondereffekt bewegen sich die um Grossaufträge bereinigten Auftragseingänge weiter auf niedrigem Niveau seitwärts. Der Einbruch von Stimmungsindikatoren wie dem Ifo-Geschäftsklima lässt keine baldige Erholung erwarten. Vielmehr dürfte die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal etwas schrumpfen. Der Nahost-Krieg fordert seinen Tribut.»
Sebastian Dullien, Wissenschaftlicher Direktor IMK-Institut:
«Der Rückgang der Auftragseingänge der Industrie im April ist ein spürbarer Rückschlag und könnte ein erstes Indiz sein, dass der Iran-Krieg die deutsche Industrie merklich belastet. Zwar folgt das Minus auf ein starkes Plus im März und die Zahlen der vergangenen Monate sind durch wiederholte Grossaufträge schwer zu interpretieren. Allerdings deuten die Details der Auftragseingänge darauf hin, dass die wachsende Unsicherheit auf die Bestellungen drückt. So gingen vor allem die Auftragseingänge der Automobilindustrie und im Maschinenbau sowie bei elektrischen Ausrüstungen zurück. Hier dürften sich Privathaushalte und Unternehmen zunehmend Kaufentscheidungen aufschieben, weil sie von den gestiegenen Energiepreisen belastet sind.»
(Reuters)

