Der österreichische Energiekonzern OMV bekommt voraussichtlich erstmals eine Chefin. Der ‌Nominierungsausschuss habe ⁠die langjährige BP-Managerin Emma Delaney als neue Vorstandsvorsitzende und Nachfolgerin von Alfred Stern vorgeschlagen, teilte das Unternehmen am Freitag in Wien ⁠mit. Die 52-jährige Irin solle das Amt zum 1. September 2026 übernehmen. Ihr Vertrag laufe zunächst über drei Jahre und könne in beiderseitigem Einvernehmen um zwei ‌weitere verlängert werden. Die Zustimmung des Aufsichtsrats steht noch aus, wird aber allgemein als Formsache ‌angesehen. Zudem empfahl der Ausschuss, den Vertrag von Finanzvorstand Reinhard ​Florey um zwei Jahre zu verlängern.

Die designierte OMV-Chefin ist seit 1995 für BP tätig. Zuletzt leitete sie dort das Kunden- und Produktgeschäft mit mehr als 50.000 Beschäftigten, das unter anderem das Tankstellennetz, Schmierstoffe und die Ladeinfrastruktur für Elektroautos umfasst. Laut OMV bringt sie zudem profunde Kenntnisse im Up- und Downstream- sowie im Flüssiggas-Geschäft (LNG) mit. BP teilte unterdessen mit, Delaney habe Vorstandschefin Meg O'Neill ‌über ihren Weggang informiert. Richard Harding werde ab dem 13. April kommissarisch die Leitung ihres bisherigen Bereichs übernehmen. Harding war erst im Februar nach einer zweijährigen Auszeit zu BP zurückgekehrt und verantwortet seitdem den Vertrieb und das Marketing unter Delaney.

Um die Schuldenlast zu senken ​und die Profitabilität zu steigern, baut BP den von Delaney verantworteten Bereich derzeit um. Der britische ​Konzern veräusserte zuletzt Teile seines Einzelhandelsnetzes und verkaufte Ende vergangenen Jahres eine Mehrheitsbeteiligung ​an seinem grössten Schmierstoffgeschäft Castrol. Darüber hinaus schichtet BP Milliarden aus dem Geschäft mit CO2-armen Energien in den klassischen Öl- und Gassektor um.

Delaney übernimmt das ‌Ruder bei der OMV in einer geopolitisch und strategisch überaus anspruchsvollen Zeit. Der scheidende OMV-Chef Stern hatte die Führung von Österreichs grösstem Industriekonzern im September 2021 übernommen. Sein Vertrag läuft Ende August 2026 aus. Unter seiner Führung trieb die OMV den strategischen Umbau weg ​vom klassischen ​Öl- und Gasgeschäft hin zur Chemie und Kreislaufwirtschaft voran. Als seinen ⁠grössten Erfolg bezeichnete der 61-Jährige die mit dem arabischen Kernaktionär Adnoc ausgehandelte ​Fusion von Borealis und Borouge sowie ⁠die Übernahme der kanadischen Nova Chemicals. Die lange verhandelte Gründung des neuen Konzerns Borouge International wurde inmitten des Iran-Krieges Ende März abgeschlossen. ‌Durch den Zusammenschluss entsteht der weltweit viertgrösste Polyolefin-Produzent mit einer Kapazität von 13,6 Millionen Tonnen pro Jahr.

Der Nahost-Konflikt hinterlässt bei dem Unternehmen jedoch Spuren: Nach einem iranischen Angriff auf Anlagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten musste ‌Borouge Teile seiner Produktion vorübergehend stilllegen. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters Ende März betonte ​Stern dennoch die hohe Profitabilität des neuen Konzerns. Dem Manager zufolge lag die operative Marge auf Pro-forma-Basis in den vergangenen fünf Jahren bei rund 25 Prozent. Zudem mache die weltweite Aufstellung das Unternehmen weniger anfällig für Störungen in den Lieferketten, sagte Stern.

(Reuters)