Die Aktien der europäischen Onlinemarktplätze blicken auf zwölf schwarze Börsenmonate zurück. Innert Jahresfrist ging es mit den Kursen von Vend (-24 Prozent) und Scout24 (-40 Prozent) sowie der seit September 2025 kotierten Swiss Marketplace Group (-47 Prozent) massiv bergab. Noch übler erwischte es die in London gelisteten Baltic Classified (-50 Prozent) und Hemnet (-72 Prozent). 

Nicht nur die Swiss Marketplace Group (SMG) war nach dem Debüt an der SIX also in Schieflage, sondern die gesamte Branche. Immerhin haben sich durch die Kurskorrektur die Bewertungen gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) normalisiert. Zum Vergleich: Das KGV für Hemnet liegt bei 16 - nach 62 vor Jahresfrist und dasjenige für Scout24 bei 20 nach 50. Der Sektor wird deshalb von Analysten als nicht mehr überbewertet eingestuft. 

Ein Blick auf einzelne Kennziffern zeigt gemäss nachfolgender Tabelle, dass der SMG (mit Portalen wie Ricardo oder Homegate) vor allem bei der Dividendenrendite und der Gewinnmarge im Konkurrenzvergleich überzeugen kann. 

Firma KGV Dividenden-Rendite Umsatz- Wachstum Gewinn- Marge
Baltic Classified 18 1,9 % 1,9 % 57 %
Hemnet 16 1,2 % 9 % 34 %
Rightmove 15 2,4 % 9 % 55 %
Scout24 20 2,0 % 14 % 35 %
SMG Holding 37 3,2 % 12 % 46 %
Vend 25 1,0 % 9 % -3 %

Quelle: Bloomberg, S&P 500

Auf den ersten Blick erscheinen die Valoren von SMG aufgrund des hohen KGV nach wie vor als teuer bewertet. Allerdings gilt es, dies zu relativieren, weil bei der in Zürich ansässigen Firma die hohen Kosten für den Börsengang das Ergebnis in der Jahresrechnung 2025 gedrückt hatten. Mit dem Wegfall dieser Einmalkosten und den erwarteten, operativen Fortschritten dürfte es 2026 zu einem deutlichen Gewinnsprung kommen. Das vorwärtsgerichtete KGV steht deshalb bei 20 und bewegt sich somit in der gleichen Grössenordnung wie die Konkurrenz. 

Das KI-Rennen ist lanciert

Bei den tiefen Kursen am 23. Juni trat Berenberg auf den Plan. Die Expertin des deutschen Vermögensverwalters nahm die Abdeckung für SMG mit der Einstufung «Buy» und einem Kursziel von 35 Franken auf. Die nach dem Börsengang erfolgte Kurskorrektur um 45 Prozent aufgrund von KI-Bedenken hält die zuständige Analystin Chiara Di Giammari für übertrieben.

Die Gründe: Die führende Marktposition von SMG in der Schweiz in den Bereichen Immobilien, Automobil und General Marketplaces, ein hohes Ertragspotenzial sowie Spielraum für Margensteigerungen dürften ihres Erachtens ein zweistelliges Wachstum beim Gewinn pro Aktie vorantreiben, so die Berenberg-Expertin. 

Vor der Hochstufung durch Berenberg waren positive Analystenstimmen indes Mangelware. So reduzierte die US-Investmentbank JPMorgan Mitte Juni das Rating für den Titel auf «Neutral» von «Overweight» und strich das Kursziel auf 26 von 35 Franken zusammen. 

Das Team von JPMorgan um Marcus Diebel führt für SMG zwar die gleichen positiven Argumente an wie die Berenberg-Expertin - allerdings mit einem grossen «Aber». JPMorgan sieht demnächst viel mehr direkte Konkurrenz von Firmen, die LLMs - sogenannte Large Language Models - anbieten. Diese würden entgegen der Markterwartungen nicht nur in klassische E-Commerce-Segmente, sondern auch in den Bereich der klassifizierten Anzeigen vorstossen. Dies zwinge die Firmen wie Hemnet, SMG & Co, noch stärker und vor allem höhere Summen in den KI-Bereich zu investieren. 

Der Onlinemarktplatz integriere verstärkt KI in seine Produkte, erklärte indessen Christoph Tonini, CEO der Swiss Marketplace Group, bereits an der Analystenkonferenz vom 18. März. «Deshalb führen wir die Konversationssuche noch in diesem Jahr in allen Branchen ein. Für eine begrenzte Nutzerbasis im Immobilien- und Automobilbereich gibt es bereits Betaversionen.» Zudem stehe die Suche auf Ricardo mit einem Konversationstool nun allen Nutzern im Web zur Verfügung, ergänzte Tonini.

Trotz dieser Initiativen müsse SMG noch mehr tun, meint der JPMorgan-Analyst und verweist auf den Konkurrenten Scout24, welcher im Bereich von neuen KI-basierten Lösungen führend sei. Scout24 scheint der Konkurrenz denn auch einen deutlichen Schritt voraus. Das Unternehmen nutze bereits Systeme und Daten, um eine wettbewerbsfähige und KI-fähige «Maklerfabrik» für die Zukunft zu schaffen, so die Experten von JPMorgan.

Die Produktpipeline sei beeindruckend und liefere gemäss Ansicht der JPMorgan-Experten ein überzeugendes Argument dafür, dass Scout24 auch in Zukunft das führende Tool für Eigentümer, Makler und Immobiliensuchende bleiben werde. 

KI-Tools wie von Scout24 gehen allerdings ins Geld. Seit 2021 hatte das Münchner Unternehmen über 400 Millionen Euro in die proprietäre Technologie für Dateninfrastruktur, Maklersoftware, Bewertungssoftware investiert. Dadurch sei eine Investitionslücke entstanden, die die Konkurrenz bisher nicht schliessen konnte, so Diebel von JPMorgan.

Für vergleichbare Unternehmen dürften weitere Investitionen erforderlich sein, welche die Betriebskosten, Investitionsausgaben und gezielte Fusionen und Übernahmen umfassen, um den Kompetenzaufbau zu beschleunigen, mahnt der Experte von JPMorgan an und ergänzt: «Vor diesem Hintergrund liegen unsere Schätzungen, mit Ausnahme von Scout24, weiterhin unter den Konsensprognosen.»

Dies spiegele eine vorsichtigere Einschätzung wider, wie schnell sich neue Produkte monetarisieren lassen und wie viel Reinvestitionen nötig seien, um den Wettbewerbsvorteil zu sichern, meinen die Analysten von JPMorgan weiter. Unternehmen, die neue Produkte noch nicht in grossem Umfang eingeführt haben, werden sich Fragen von Investoren stellen müssen, warum Lücken im Vergleich zum Angebot von Scout24 bestehen und wie lange die Aufholjagd dauern werde. Deshalb sei eine kurzfristige Erholung der Aktien unwahrscheinlich.

Zusammen mit dem Entscheid, das Rating und Kursziel von SMG in einer Branchenstudie Mitte Juni zu reduzieren, wurden gleichzeitig die Kursziele der Konkurrenten Baltic Classified, Hemnet und Rightmove ebenfalls gesenkt. Den Vorzug geben die JPMorgan-Analysten Scout24 mit einem Rating «Overweight» und einem Aufwärtspotenzial von 24 Prozent. 

Attraktiver Dividendentitel

Für Schweizer Anlegerinnen und Anleger hält SMG mit den angestrebten Dividendenerhöhungen ein Argument in der Hand. Die Ausschüttung soll von 0,82 Franken (Auszahlung 2026) schrittweise auf 0,96 Franken (2028) beziehungsweise 1,02 Franken (2029) angehoben werden. Das entspricht einem Anstieg von rund 24 Prozent über die nächsten drei Jahre.

Die Ausschüttungsquote dürfte von über 100 Prozent für das Geschäftsjahr 2025 mit den hohen IPO-Einmalkosten auf 65 bis 75 Prozent des Nettogewinns sinken, da die Gewinne durch den Wegfall der Sondereffekte deutlich schneller wachsen als die Dividende selbst. 

Daraus ergibt sich eine Dividendenrendite von knapp 4 Prozent im Jahr 2029. Und selbst bei einem Szenario, bei dem mehr Geld in KI-Lösungen investiert werden muss, dürfte die aktuelle Dividendenrendite von 3,1 Prozent kaum unterschritten werden. Deshalb ist der Titel für Anlegerinnen und Anleger mit einem mittelfristigen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren eine Überlegung wert, zumal das Management bei den publizierten Zahlen in den letzten zwei Quartalen die Analystenerwartungen erfüllen konnte. 

Ferner bleibt festzuhalten, dass SMG-CEO Tonini verhältnismässig bescheidene Zusatzkosten durch KI auf das Unternehmen zukommen sieht. Er betonte an der Analystenkonferenz im März, man könne mit einer sehr begrenzten Anzahl an Ressourcen diese neuen KI-Funktionen kontinuierlich in die Produkte integrieren. Wichtig sei dabei, die neuen Skills und Funktionen durch Effizienzgewinne zu kompensieren. 

«KI ist keine Revolution. Diese KI-Entwicklung innerhalb von SMG ermöglicht es uns, dies mit der bestehenden Kostenstruktur zu betreiben und zu beschleunigen und somit die Skalierbarkeit von SMG aufrechtzuerhalten», so Tonini.

Thomas Daniel Marti
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