Die Entscheidung der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), aus der Opec und der Opec+ auszutreten, legt jahrelange Spannungen mit Saudi-Arabien offen. Der Schritt markiert einen strategischen Bruch mit der von der Führung in der saudischen Hauptstadt Riad dominierten Ölpolitik und spiegelt eine Machtverschiebung wider, die auch durch den Krieg mit dem Iran geprägt ist. Politische Analysten und Experten aus der Region bewerten den für Freitag angekündigten Austritt aus dem Ölkartell als mehr als nur einen Streit um Förderquoten. Dies zeige vielmehr einen tiefen Riss in den bilateralen Beziehungen.
«In den saudisch-emiratischen Beziehungen geht etwas Ernstes vor sich (...), ein viel ernsterer Bruch, als wir denken», sagt Fawaz Gerges von der London School of Economics. «Was wir jetzt sehen, ist eine Art Zerfall der Beziehungen zwischen den beiden grössten Mächten am Golf.» Die Vereinigten Arabischen Emirate stellten die Autonomie des Landes über eine Unterordnung unter Riad und nutzten das Öl als Instrument, um Unabhängigkeit zu demonstrieren, so die Experten. Das Zerwürfnis reiche über die Politik hinaus bis in die persönliche Beziehung zwischen dem VAE-Präsidenten Mohammed bin Said und dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman.
Mit der Motivation der VAE vertraute Personen bezeichnen den Opec-Austritt als Höhepunkt einer Entfremdung mit Saudi-Arabien. Diese sei durch jahrelange Meinungsverschiedenheiten über die Konflikte im Jemen und im Sudan, über Energiequoten sowie konkurrierende Visionen für die Golfregion befeuert worden. Der emiratische Analyst Abdulchalek Abdulla sieht den Schritt der «neuen, selbstbewussteren VAE» als teils durch den Krieg und teils durch eine Neubewertung der nationalen Interessen motiviert. Die Opec habe heute wenig Ähnlichkeit mit der Organisation, der die VAE vor sechs Jahrzehnten beigetreten waren. Das System werde faktisch von den grössten Produzenten gesteuert. «Saudi-Arabien und Russland diktieren und manipulieren (...), sie tun alles, um ihre eigenen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen. Sie hören auf niemanden», beschreibt Abdulla die Lage.
Nähe zu Israel und den USA
Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die Instabilität in der Region deutlich verschärft. Teheran greift Golfstaaten an, in denen sich US-Militärstützpunkte befinden, und hat die Strasse von Hormus – eine Hauptschlagader für die weltweite Energieversorgung – weitgehend blockiert. Der Konflikt habe den wirtschaftlichen Druck auf die VAE erhöht und den Anreiz vergrössert, sich von den Opec-Quoten zu befreien, sagten die Insider. Starre Quotensysteme passten nicht mehr zur Realität in einer Region, die mit Instabilität, Versorgungsrisiken und der ständigen Gefahr von Unterbrechungen der Energieströme konfrontiert sei, erklärt Ebtesam Al-Ketbi, Präsidentin des Emirates Policy Center.
Das Energieministerium der VAE betont, die Entscheidung sei sorgfältig abgewogen worden und das Ergebnis einer umfassenden Überprüfung der Produktionspolitik sowie der aktuellen und künftigen Kapazitäten. Der Schritt basiere auf nationalen Interessen und der Verpflichtung, effektiv zur Deckung des dringenden Marktbedarfs beizutragen.
Sicherheitsbedenken spielen in den VAE seit Kriegsbeginn eine zentrale Rolle. Präsidentenberater Anwar Gargasch rügte die Golf-Verbündeten für ihre Reaktion auf die iranischen Angriffe: Dass sie sich weitgehend darauf beschränkt hätten, Raketen und Drohnen abzuschiessen, nannte er die «schwächste in der Geschichte». Nach Ansicht des ehemaligen US-Unterhändlers Aaron David Miller hat Abu Dhabi erkannt, dass seine Sicherheit von den USA und Israel abhänge, die dem Land in der Krise fest zur Seite gestanden hätten. Israel habe den VAE neben einem Luftabwehrsystem auch Abfangraketen geliefert. Dies unterstreiche das strategische Kalkül der Emirate, die Beziehungen zu Washington zu vertiefen und eine Sicherheitspartnerschaft mit Israel zu festigen.
Solche Entscheidungen sind Teil eines schleichenden Wandels in den Beziehungen zwischen den VAE und Saudi-Arabien. Nach den arabischen Aufständen 2011 gingen beide Länder noch im Gleichschritt vor, um den politischen Islam einzudämmen, dem Iran entgegenzutreten und eine stabile regionale Ordnung durchzusetzen. Doch hinter dieser Übereinstimmung verbarg sich eine grundlegende Asymmetrie: Während sich Saudi-Arabien als natürliches Machtzentrum am Golf sah, verfolgten die VAE ein agileres, vernetztes Modell, das auf Häfen, Finanzen und lokalem Einfluss aufbaute.
Konflikte im Jemen und Sudan angeheizt
Der Konflikt im Jemen zwischen den Huthi und den Regierungstruppen verdeutlicht diese Spaltung besonders. Eine anfangs gemeinsame Intervention ist konkurrierenden Zielen gewichen: Riad unterstützte einen vereinten Staat, der auf seine Interessen ausgerichtet war, während Abu Dhabi südliche Kräfte förderte, um seinen maritimen Einfluss zu sichern. Der Riss weitete sich auf den Sudan aus, wo die VAE und Saudi-Arabien im Bürgerkrieg rivalisierende Fraktionen unterstützten.
Auch in den Beziehungen zu Israel zeigt sich die zunehmende Distanz. Die VAE unternahmen im Rahmen der sogenannten Abraham-Abkommen frühzeitig Schritte zur Normalisierung und vertieften die sicherheitspolitischen sowie wirtschaftlichen Verbindungen. Saudi-Arabien hielt sich dagegen zurück – gebremst durch innenpolitische, religiöse und geopolitische Überlegungen.
(Reuters)

