Passive Geldanlage - Investieren mit ETF wird immer anspruchsvoller

Börsengehandelte Indexfonds sind mitunter sehr komplex geworden. Und auch die Index-Anbieter werden laufend kreativer. Anleger sollten deshalb bei ETF genau hinschauen.
26.06.2017 19:00
Von Ivo Ruch
Der Schweizer ETF-Markt dürfte bald die Marke von 100 Milliarden Franken knacken.
Der Schweizer ETF-Markt dürfte bald die Marke von 100 Milliarden Franken knacken.
Bild: ©stockWERK/fotolia.com

Letzte Woche ereignete sich für viele Investoren wichtiges. Doch die meisten Anleger dürften es nicht einmal bemerkt haben: China wird künftig im MSCI-Index für Schwellenländer vertreten sein. 222 Aktien des chinesischen Festlands kommen ab August bei der Berechnung des Index zum Zug.

Diese Veränderung betrifft Anleger, die auf passive Art und Weise mit einem ETF dem Schwellenländer-Index folgen. Sie können in Zukunft China-Aktien nicht mehr umgehen. Zwar werden die chinesischen Festlandaktien nur 0,7 Prozent des "MSCI Emerging Markets" ausmachen, doch die Veränderung zeigt: Auch passive Anleger müssen sich aktiv um ihr Portfolio kümmern, wenn sie das wahre Ausmass ihres Investments kennen wollen.

Überhaupt wird die ETF-Landschaft immer unübersichtlicher, weil die Auswahl an passiven Anlageprodukten laufend grösser wird. "Das macht es für Anleger zusehends anspruchsvoll, sich einen Überblick zu verschaffen", sagt Alex Hinder, der mit seiner Vermögensberatung Hinder Asset Management vor allem auf Indexanlagen setzt.

Alleine an der Schweizer Börse SIX sind mittlerweile 1230 ETF handelbar. Der Grund dafür: Beim Versuch, möglichst viele Anlegergelder anzuziehen, kennt die Kreativität der ETF-Anbieter fast keine Grenzen.

Smart Beta in der Nische

So gibt es beispielsweise Produkte, die auf besonders "nachhaltige" Aktien setzen oder Unternehmen mit schlechter Corporate Governance ausschliessen. Daneben entstand unter dem Label "Smart Beta" eine neue Produktgruppe. Diese versuchen, einen Index zu übertreffen, indem sie beispielsweise auf dividendenstarke Aktien setzen. Für Privatanleger könne das aber verwirrend sein, sagt Andri Peer von der Finanzberatung Peersuna: "Sie haben das Bewusstsein, ein ETF bilde einen Index 1:1 ab".

Solche traditionellen Produkte, die einen ganzen Aktienmarkt abbilden, sind denn auch am beliebtesten. Schätzungen gehen davon aus, dass momentan immer noch rund 80 Prozent des Geldes in herkömmliche ETF fliesst. "Spezial-ETF müssen sich erst noch bewähren, denn auf die Dauer werden die grossen Produkte überleben", sagt Andri Peer. Ein deutlicher Rücksetzer an den Börsen könnte diesbezüglich zu einem Selektionsprozess und zum Umdenken bei Investoren führen.

Augen auf den Index

Ein anderes Beispiel verdeutlicht die zunehmende Komplexität des ETF-Marktes, der eigentlich mit dem Ziel entstand, möglichst einfach und transparent zu sein: Ein lokaler Aktienmarkt kann über verschiedene Indizes abgebildet werden. Die einzelnen Aktien können dann eine stark abweichende Gewichtung erhalten. Im "UBS ETF MSCI Switzerland" hat Nestlé ein Gewicht von 22 Prozent. Im "iShares SLI UCITS ETF" sind es hingegen nur 10 Prozent.

Experte Andri Peer rät ETF-Anlegern deshalb, in jedem Fall die Zusammensetzung des zugrunde liegenden Index anzuschauen und sich zu fragen, ob diese mit den eigenen Zielen übereinstimme.

Beliebt sind ETF aber nach wie vor. Per Ende Mai belief sich das verwaltete Vermögen im Schweizer ETF-Markt auf 97,3 Milliarden Franken. Vor einem Jahr waren es noch 22 Milliarden weniger. Das dürfte sich so schnell auch nicht ändern. Einerseits aus Kostengründen: Passive Indexprodukte sind viel günstiger als aktiv geführte Anlagefonds. Andererseits investiere "eine Mehrheit aktiver Fondsmanager" weiterhin nahe am eigenen Benchmark, sagt Alex Hinder. Dadurch brächten sie keine Outperformance gegenüber den entsprechenden ETF zustande.