Die geopolitische Situation auf der Welt spitzt sich immer mehr zu, was sich auch unter Anlegern bemerkbar macht. «Die Unsicherheiten rund um den Iran-Krieg und die potenziell stagflationären Auswirkungen belasten die Börsen. Hinzu kommen die Hiobsbotschaften aus dem Bereich Privatkredite», fasst Matthias Geissbühler, Anlagechef von Raiffeisen Schweiz, die Lage zusammen. 

Wenig hilfreich ist dabei die Vorgehensweise von US-Präsident Donald Trump. Das mittlerweile als «TACO» (Trump Always Chickens Out) bekannte Phänomen, das heisst, zieht seine Aussagen und Handlungen oftmals kurz später wieder zurück oder schwächt sie ab. Diese Unentschlossenheit sorgt für zusätzliche Verunsicherung an den Märkten. Entsprechend reagieren Anleger mit Vorsicht und ziehen sich aus dem Börsengeschehen zurück - oder reduzieren zumindest ihren Einsatz.

Die Nervosität an den Märkten lässt sich auch in Zahlen messen: Der Volatilitätsindex VIX notiert Ende März deutlich höher als noch beim Jahreswechsel. Seit dem 1. Januar ist das «Angstbarometer» um rund 86 Prozent gestiegen und bewegt sich inzwischen im Bereich von etwa 29 Punkten. Allein in der vergangenen Woche stieg der VIX erneut um fast 20 Prozent. Wenn der VIX in den vergangenen Jahren unter 20 gehandelt wurde, galt der Markt als stabil - während Werte von 30 und mehr auf eine hohe Volatilität hingedeutet haben.

Gemäss dem aktuellen Wert befinden sich die Märkte zwar nicht im Ausnahmezustand, aber er signalisiert dennoch eine grosse Unsicherheit. Dennoch widerspiegelt der VIX lediglich die Erwartung kurzfristiger Volatilitäten, sowohl nach unten als auch nach oben. Laut Raiffeisen-Anlagechef Geissbühler müssen Anlegerinnen und Anleger auch in den kommenden Wochen mit hohen Schwankungen rechnen.

In solchen Phasen dominieren Emotionen das Handeln, rationale Entscheidungen werden schwieriger. Dies führt häufig dazu, dass Anleger ruckartig ihre Aktien verkaufen statt sich in Geduld zu üben. Dabei gilt an den Börsen seit jeher eine einfache Regel: Investiert bleiben, langfristig denken und sich nicht von kurzfristigen Turbulenzen aus der Ruhe bringen lassen.

Eine solche Strategie empfiehlt auch Geissbühler: «Anlegerinnen und Anleger sollten sich von den Kursschwankungen nicht aus dem Konzept bringen lassen und an ihrer langfristigen Anlagestrategie festhalten.» In volatilen Phasen empfehle es sich, die Handelsaktivitäten eher tief zu halten. Nicht das «Market Timing», sondern «Time in the Market» sei für den langfristigen Erfolg entscheidend. «Wichtig sind eine breite Diversifikation und ein klarer Qualitätsfokus bei der Titel- und Produktauswahl.»

Diese Grundsätze gelten auch in der aktuellen Situation. Dennoch ist Volatilität nicht nur Risiko, sondern auch eine Chance. Für Anleger mit kühlem Kopf und etwas Mut eröffnen sich gerade in solchen Phasen Möglichkeiten, von übertriebenen Marktreaktionen zu profitieren.

Antizyklisches Trading

Eine Möglichkeit, die Volatilität zu nutzen, ist, die empfohlene «Buy-and-Hold»-Strategie zu übergehen und eine antizyklische Trading-Strategie anzuwenden. Also bewusst gegen den Strom zu handeln. Konkret bedeutet das: Kaufen, wenn die Angst am grössten ist und Kurse übertrieben stark gefallen sind, und verkaufen, wenn Euphorie dominiert und Bewertungen kurzfristig überzogen wirken. Auf Deutsch fasst es das Zitat «Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Violinen spielen» zusammen.

Allerdings ist diese Strategie sehr anspruchsvoll und verlangt ein klares Vorgehen. «Antizyklisches Handeln braucht viel Know-how und Disziplin», warnt Geissbühler. Solche Anleger arbeiten mit festen Regeln, etwa definierten Einstiegsniveaus, Stop-Loss-Marken und einer strikten Positionsgrösse, um emotionale Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Ebenso wird oftmals der zeitliche Aufwand vergessen, betont Geissbühler. Wer kurzfristige Marktbewegungen nutzen will, muss Entwicklungen permanent verfolgen und bereit sein, schnell zu reagieren. Orientierung bieten dabei Indikatoren wie der VIX, starke Kursausschläge einzelner Titel oder auch ungewöhnlich hohe Handelsvolumen. Entscheidend ist, nicht impulsiv zu handeln, sondern gezielt auf Übertreibungen zu warten und gestaffelt ein- und auszusteigen, um das Timing-Risiko zu reduzieren.

Call- und Put-Optionen

Eine weitere Option ist der Handel mit Call- oder Put-Optionen. Bei einer Put-Option - ein Schutz vor fallenden Preisen - kann der Anleger seine Aktie zu einem festen Preis verkaufen. Egal, wie tief der Preis fällt. Wenn eine Aktie 100 Franken wert ist, kann der Anleger eine Put-Option für 95 Franken kaufen, dann wird sie zu diesem Preis verkauft, auch wenn der Wert darunter liegt. Bei der Call-Option - eine Gewinnchance bei steigenden Preisen - wäre die Aktie beispielsweise 50 Franken wert, könnte aber bald auf 70 Franken steigen. Also kauft der Anleger eine Call-Option für 55 Franken, welche dann den effektiven Kaufbetrag festlegt. Wird die Aktie direkt nach dem Kauf wieder verkauft, resultiert ein Gewinn von 15 Franken, abzüglich des Optionspreises.

Eine Möglichkeit sind Barrier Reverse Convertibles (BRC). «Da die Volatilität derzeit hoch ist, können durch den Verkauf der unterliegenden Optionen höhere Prämien verdient werden, was die Verzinsung der Produkte erhöht», sagt Matthias Geissbühler. Jedoch ist es fundamental, dass man die Risiken versteht und Aktien wählt, deren Kursschwankungen man realistisch einschätzen kann.

Solche Produkte werden von grossen Banken und Emittenten wie UBS, Julius Bär oder Vontobel laufend ausgegeben und sind über Börsen wie die SIX oder direkt über die Handelsplattformen vieler Banken zugänglich. Anleger finden sie über Suchen via strukturierte Produkt, beispielsweise auf den Websites der Emittenten oder auf Vergleichsplattformen, wo sich Renditen, Barrieren und Laufzeiten gezielt filtern lassen.

Hedgefonds

Volatile Märkte sind für die Mehrheit der Anleger eine Herausforderung - für spezialisierte Hedgefonds hingegen bieten sie Chancen. Diese Fonds arbeiten mit besonderen Strategien, um von starken Kursschwankungen zu profitieren, egal ob die Märkte steigen oder fallen.

Hedgefonds sind aktiv gemanagte Investmentvehikel, die oft auf Derivate, Leverage oder Short-Positionen setzen. Ziel ist es, Renditen zu erzielen, die nicht direkt von der allgemeinen Marktentwicklung abhängen. Dabei beobachten die Fonds die Märkte ständig, reagieren auf kleinste Kursbewegungen und passen ihre Positionen flexibel an. In der Praxis bedeutet das: Wer auf steigende Kurse wettet, kann ebenso profitieren wie bei fallenden Kursen - vorausgesetzt, der Trade gelingt.

Geissbühler von Raiffeisen betont jedoch: «Dies ist kein Selbstläufer. Gerade in stark schwankenden Märkten kann ein falscher Schritt teuer werden. Das Risiko, auf der falschen Seite eines Trades zu stehen, ist hoch, ebenso wie das Verlustpotenzial.» Hedgefonds sind primär für erfahrene Anleger oder institutionelle Investoren geeignet, die hohe Risiken kalkulieren und entsprechende Risikomanagement-Systeme nutzen. 

Fonds und ETFs

Volatilitätsfonds investieren gezielt in Instrumente, die auf Kursschwankungen setzen – etwa den VIX oder ähnliche Derivate. Anders als klassische Aktienfonds profitieren sie unabhängig von steigenden oder fallenden Märkten, solange die Kurse stark ausschlagen. Für risikofreudige Anleger bieten sie eine Möglichkeit, gezielt auf Unsicherheit zu setzen, ohne einzelne Titel aktiv handeln zu müssen.

Ähnlich funktionieren börsengehandelte Fonds (ETFs), die Volatilität abbilden. Sie bilden Long- oder Short-Positionen auf den VIX oder Volatilitäts-Futures nach und ermöglichen Privatanlegern einen vergleichsweise einfachen Zugang zu Schwankungen. Besonders in Phasen hoher Nervosität können sie kurzfristige Bewegungen im Portfolio gezielt nutzen – vorausgesetzt, man versteht die Mechanismen und die Risiken der zugrunde liegenden Derivate.

Ein solcher Volatilitätsfonds ist etwa der «iPath Series B S&P 500 VIX Short-Term Futures ETN», welcher gezielt auf Schwankungen setzt und im März zulegen konnte. Auf ETF-Seite sind Produkte wie der «ProShares VIX Short-Term Futures ETF (VIXY)» eine Möglichkeit. Er verzeichnet dank der jüngsten Schwankungen ebenfalls eine positive Performance. 

Futures und Swaps

Für erfahrene Investoren bieten klassische Derivate wie Futures oder Swaps die Möglichkeit, direkt auf die Richtung oder Volatilität von Märkten zu setzen. Futures sind standardisierte Verträge, bei denen sich Käufer und Verkäufer verpflichten, einen Basiswert zu einem festgelegten Preis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu handeln. Swaps sind individuell ausgehandelte Vereinbarungen, bei denen Zahlungsströme auf Basis von Kursentwicklungen, Zinssätzen oder anderen Parametern getauscht werden.

Der Vorteil liegt im Hebeleffekt: Schon mit relativ kleinem Kapitaleinsatz lassen sich überproportionale Gewinne erzielen - gleichzeitig können Verluste stark steigen. Deshalb sollten Futures und Swaps nur von Investoren genutzt werden, die die Märkte laufend beobachten, klare Positionsgrössen, Stop-Loss-Marken und Ausstiegsstrategien definieren. In turbulenten Phasen eröffnen sie Chancen, die klassische Anlagen nicht bieten – vorausgesetzt, die Entscheidungen werden rational, diszipliniert und auf Basis fundierter Analyse getroffen.

Aisha Gutknecht arbeitet seit Juli 2024 als Redaktorin für cash.ch.
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