Rally - Goldpreis – Immer weiter, immer höher?

Unsicherheiten am Markt und Milliarden-Geldspritzen der Politik treiben Gold in Richtung eines Allzeithochs. Vor allem Gold-ETF sind gefragt. Doch es könnte auch die Stunde der Goldminen-Aktien bevorstehen.
25.05.2020 08:00
Von Henning Hölder
Der Bär oder der Bulle: Wer übernimmt beim Goldpreis das Ruder?
Der Bär oder der Bulle: Wer übernimmt beim Goldpreis das Ruder?
Bild: imago images / Westend61

Man kann es nicht anders sagen: Gold hat einen Lauf. Der Dollarpreis für eine Unze Gold verzeichnet seit gut einem Jahr einen fast linearen Anstieg (siehe Grafik unten). Trotz einer zwischenzeitlichen Konsolidierung im vierten Quartal 2019 und einer kurzen, aber heftigen Corona-Delle im März steht ein Plus von über 35 Prozent in den letzten zwölf Monaten zu Buche.

In US-Dollar befindet sich der Goldpreis auf einem Sieben-Jahres-Hoch und kratzt an der 1800-Dollar-Marke. Selbst das Allzeithoch von 1920 Dollar aus dem Jahr 2011 liegt so langsam in Sichtweite. Gegenüber dem Euro bewegt sich der Goldpreis bereits seit Monaten auf einem Allzeithoch.  

Goldpreis-Entwicklung in den letzten 12 Monaten, Quelle: cash.ch

Und ein Ende der Rally scheint kein Thema zu sein. Berühmte Hedge-Fonds Manager wie Paul Singer oder David Einhorn setzen weiter auf einen steigenden Goldpreis. Vor einigen Wochen sorgte die Bank of America für Aufsehen, als sie das Kursziel für Gold auf 3000 Dollar je Unze setzte. Das triviale und doch vielsagende Fazit der Bank: "Die Fed kann kein Gold drucken."

Denn die wohl grössten Treiber von Gold sind das tiefe Zinsniveau und die Liquiditätsschwemmen von Notenbanken und Regierungen, die Inflationsängste schüren. Durch die Corona-Krise mussten auch die USA als letzte grosse Zinsbastion die Zinsen wieder auf null senken. Und: Selbst in Washington gehen Diskussionen über mögliche Negativzinsen los.

Falls die neu geschaffene Liquidität anders als bei der Finanzkrise diesmal nicht primär in die Bilanzen der Banken, sondern zu grossen Teilen – so zumindest der Plan – tatsächlich in die Wirtschaft fliesst, scheint die Angst vor einer Inflation mittelfristig durchaus berechtigt. Das alles treibt Anleger in sichere und inflationsgeschützte Häfen wie Gold.

Gold-ETF nachgefragt

Dabei sind es sowohl Privatanleger als auch institutionelle Investoren, die sich vermehrt dem Gold zuwenden und die Nachfrage nach Gold nach oben schiessen lässt – seit der Corona-Krise noch einmal verstärkt. Das spürt derzeit insbesondere der Markt für Gold-ETF. Laut dem Finanzdienstleister DailyFX hat die Nachfrage nach solchen physisch gedeckten Indexfonds im ersten Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahresquartal um ganze 300 Prozent zugenommen.

Die steigende Lust der Anleger auf Gold-ETF zeigen auch Daten des World Gold Council. Laut diesen flossen im ersten Quartal 2020 rund 23 Milliarden Dollar in den ETF-Markt. Das sind knapp 300 Tonnen, bei einem geschätzten Gesamtbestand von 3185 Tonnen. Und die Tendenz zeigt nach oben: Allein im vergangenen Monat April kamen noch einmal rund neun Milliarden Dollar – oder 175 Tonnen Gold – hinzu. Das zeigt: Die Bewegung des Goldpreises wird vor allem von Gold-ETF angetrieben.

Der regelrechte Gold-ETF-Boom ist auch auf die Entwicklungen im physischen Goldmarkt zurückzuführen. Dieser ist während des Corona-Schocks zwischenzeitlich regelrecht ausgetrocknet. Das Coronavirus führte dazu, dass Goldproduzenten vorerst schliessen mussten. Im Tessin etwa traf es drei für den Weltmarkt wichtige Goldproduzenten. Gleichzeitig zog in der Corona-Krise die Nachfrage nach physischem Gold wie Münzen massiv an. Teilweise wurde gar von Hamster-Gold-Käufen gesprochen.  

Die Folge: Lieferengpässe bei den Händlern, die Kunden auch per Online-Shop nicht mehr bedienen konnten. Das trieb Privatanleger scharenweise in physisch gedeckte Indexfonds wie Gold-ETF.

Minenaktien: Noch Aufholpotenzial?

Auffällig bei dieser Goldrally ist zudem die kräftige Erholung von Minenaktien. Der wichtigste Branchenindex NYSE Arca Gold Bugs rauschte im März Corona-bedingt rund 30 Prozent in den Keller. Doch seit dem Tiefpunkt konnte sich der Index wieder um satte 80 Prozent erholen. Trotzdem könnte hier noch weiteres Aufholpotenzial zu schlummern.

Goldminenaktien wird von vielen Seiten eine rosige Zukunft vorausgesagt. Als der Goldpreis nach seinem Allzeithoch von 2011 in den Folgejahren deutlich zurückging, gerieten insbesondere Minengesellschaften wirtschaftlich in Bedrängnis. Doch Managementreformen, eine bessere Kostendisziplin und eine höhere Profitabilität führten seitdem dazu, dass Goldminen wesentlich besser aufgestellt sind.

Wenn der Goldpreis weiter steigt, sollten Goldminenaktien davon klar profitieren. Obwohl der Goldminen-Index seit der Corona-Krise bereits ordentlich aufholte, scheinen Minen-Aktien im Verhältnis zum Goldpreis noch immer tief bewertet. Allerdings sollte beachtet werden, dass es sich bei Aktien von Goldminen um ein vergleichsweise volatiles Marktsegment handelt. Solche Werte reagieren meist überproportional zu Veränderungen zum Goldpreis – im guten wie im schlechten Sinne.

Alles nur Hype?

Kursziele werden erhöht, berühmte Hedge-Fonds-Manager sprechen sich für Gold aus und der Goldpreis bewegt sich zum Euro auf Höchstständen: ein gefährlicher Hype, der zu Enttäuschungen führen muss? Nicht unbedingt. Man darf zuversichtlich sein, dass zumindest in nächste Zeit ein crash-artiges Szenario weniger wahrscheinlich ist.

Trotz der Gold-Rally scheint es am Markt keine übermässigen spekulativen Exzesse zu geben. Wetten auf einen steigenden Goldpreis wurden zuletzt sogar zurückgefahren, wie aus Daten der Rohstoffbörse Comex hervorgeht. Das ist durchaus ein positives Signal. Vergangene Wetten auf steigende Goldpreise führten oft zu einer Überhitzung des Geldmarktes und dementsprechend zu kräftigen Korrekturen.