«Die deutsche Inflationsrate könnte dadurch temporär um bis zu einen halben Prozentpunkt ansteigen», sagte Ökonom Felix Schmidt von der Berenberg Bank am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters. Auch ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski rechnet mit Folgen für die Lebenshaltungskosten. Mögliche Lieferengpässe und damit verbundene Knappheiten könnten viele Produkte verteuern.
«Die Preise von Ölprodukten wie Diesel sind verglichen mit Rohöl ohnehin bereits hoch, weil Raffinerien in den Golfstaaten sowie in Russland durch Kriegseinwirkungen ausgefallen sind», erklärte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. «Der Inflationsdruck dürfte von dieser Seite wegen des Niedrigwassers im Rhein noch etwas steigen.» Der frühe Beginn der Flaute lasse darauf schliessen, dass die Transportprobleme noch eine ganze Weile anhalten dürften. In der Vergangenheit sei der Pegelstand meist erst im November wieder deutlich gestiegen.
Durch das Niedrigwasser werden die Transportkosten für alle möglichen Vorprodukte erhöht, vor allem aus der chemischen Industrie sowie für Energierohstoffe, sagte der Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, Cyrus de la Rubia. «Denn wenn Schiffe nur noch zu einem Drittel oder weniger beladen werden können, müssen entsprechend mehr Schiffe eingesetzt werden oder man wählt andere teurere Transportwege wie Lkw oder Bahn.» Händlern zufolge sind die Kosten für den Transport mit Tanker- und Binnenschiffen von Rotterdam nach Karlsruhe aktuell auf rund 150 bis 160 Euro pro Tonne gestiegen, verglichen mit 45 Euro Ende Juni.
Steigen die Stromkosten?
De la Rubia nennt noch einen anderen Effekt: «Die Strompreise an der Strombörse sind ebenfalls kräftig gestiegen.» Kraftwerke benötigen in der Regel eine Kühlung, die häufig von Flusswasser geliefert wird. In Ungarn ist dies als Extremfall bereits zu beobachten: Dort stand das Atomkraftwerk Paks kurz vor der Abschaltung. «Grundsätzlich kann das auch in anderen europäischen Ländern einen stärkeren Effekt haben und dadurch auch unsere Stromkosten nachhaltig in die Höhe treiben», betonte der Experte.
Der direkteste Effekt durch das Niedrigwasser auf die Inflation dürfte aber über höhere Spritpreise erfolgen. «Dies stellt insbesondere ein Preisrisiko für Kraftstoffe und Heizöl dar, da der Rhein eine wichtige Transportachse für Erdölprodukte ist», sagte Berenberg-Experte Schmidt. Der Effekt könne aber durch die Entwicklungen im Nahen Osten überlagert werden, wo die Hoffnung auf eine friedliche Friedenslösung die Ölpreise zuletzt drückte. «Die Europäische Zentralbank wird durch solche temporären Effekte mit Sicherheit hindurchschauen», sagte Schmidt mit Blick auf die Zinspolitik der EZB.
Das Niedrigwasser am Rhein treibt bereits die Spritpreise in mehreren Regionen in die Höhe. Benzin und Diesel sind in vielen Regionen deutlich teurer als im Süden und Südwesten der Republik, wie das Bundeskartellamt herausfand. Die regionalen Preisunterschiede auf Tankstellenebene betrugen demnach im Juli bei der Benzinsorte E5 bis zu elf Cent pro Liter, bei Diesel bis zu zehn Cent. «Das Nord-Süd-Gefälle des durchschnittlichen Preisniveaus an den Tankstellen dürfte insbesondere aus unterschiedlichen Kraftstoff-Beschaffungskosten resultieren», erklärte das Kartellamt.
Die Lage an der wichtigen Rhein-Engstelle Kaub hat sich zuletzt weiter verschärft: Am Mittwochmorgen wurden nur noch 23 Zentimeter gemessen, ein historisches Tief. Neue Rekorde sollen schon in den kommenden Tagen folgen: Bis Samstag soll der Pegelstand auf 18 Zentimeter sinken, wie aus Prognosen der Wasserstrassen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes hervorgeht. Die Engstelle Kaub liegt in Rheinland-Pfalz in der Nähe der Loreley und ist für die Binnenschifffahrt enorm wichtig. Der Pegelstand ist ein Referenzwert für die Schifffahrt, der Rhein ist in Kaub tatsächlich noch gut einen Meter tiefer.
(Reuters)

