Die britische Wirtschaft hat im Frühjahr unerwartet etwas zugelegt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg von April bis Juni um 0,2 Prozent zum Vorquartal, wie das nationale Statistikamt ONS am Freitag mitteilte. Von Reuters befragte Experten hatten nur mit einer Stagnation gerechnet. Die überraschend guten Daten dürften dazu führen, dass die britische Notenbank ihre Geldpolitik weiter strafft. "Das bereitet der Bank of England Kopfzerbrechen - sie könnte durchaus darüber nachgedacht haben, die Zinserhöhungen bald auszusetzen", sagte Fondsmanager Neil Birrell vom Vermögensverwalter Premier Miton. "Aber diese Daten werden das schwieriger machen."
Die Notenbank in London hatte den Leitzins vorige Woche um einen viertel Punkt auf 5,25 Prozent angehoben - auf das höchste Niveau seit 15 Jahren. Es war die 14. Zinserhöhung der Bank of England (BoE) in Folge. Notenbankchef Andrew Bailey hatte signalisiert, dass man sicherstellen müsse, "dass die Inflation wieder das Ziel von zwei Prozent erreicht und dort bleibt". Die Teuerungsrate war im Juli mit 7,9 Prozent noch immer eine der höchsten im Kreis der grossen Industrieländer.
Grossbritannien hinkt anderen Wirtschaftsräumen konjunkturell deutlich hinterher. Es hat als letzte grosse Volkswirtschaft immer noch nicht wieder das Niveau von vor der Corona-Krise erreicht. Die britische Wirtschaft liegt nun im zweiten Quartal 0,2 Prozent unter dem Stand von Ende 2019, während Deutschland 0,2 Prozent, Frankreich 1,7 Prozent, Italien 2,2 Prozent und die USA 6,2 Prozent darüber liegen. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass der britischen Wirtschaft schwierige Zeiten bevorstehen.
Steigende Zinsen und die immer noch hohe Inflation lasten auf der Wirtschaft, die zu Jahresbeginn minimal um 0,1 Prozent gewachsen war. Allein im Juni kletterte das BIP nun aber spürbar um 0,5 Prozent zum Vormonat und damit mehr als doppelt so stark wie gedacht. Die Zahlen liessen das Pfund zum US-Dollar und zum Euro steigen. "Die Massnahmen, die wir zur Bekämpfung der Inflation eingeleitet haben, beginnen zu greifen", sagte Finanzminister Jeremy Hunt. "Das bedeutet, dass wir eine solide Grundlage für Wirtschaftswachstum schaffen." Die Ökonomin Ruth Gregory von der Beratungsfirma Capital Economics verwies jedoch darauf, dass ein Grossteil der Belastung durch höhere Zinssätze noch ausstehe. "Wir bleiben bei unserer Prognose, dass das Vereinigte Königreich noch in diesem Jahr auf eine leichte Rezession zusteuert."
(Reuters)
