Beim Hamburger Chemieunternehmen Hobum Oleochemicals ist Ernüchterung eingekehrt. Der für den Mittelständler eigentlich hochattraktive US-Markt ist durch die Zollpolitik unter Präsident Donald Trump zum Inbegriff der Unsicherheit geworden. «Eine Investition in den USA wäre für uns derzeit ein absolutes Tabu», sagt Geschäftsführer Arnold Mergell. «Es ist keine Verlässlichkeit mehr im System. Und das ist für Projektarbeit und Investitionen absolutes Gift.» Das 1896 gegründete Familienunternehmen mit rund 60 Beschäftigten stellt in Hamburg-Harburg pflanzenbasierte Spezialchemikalien wie Härter für Epoxidharze und Bindemittel her, die in Branchen von der Autoindustrie bis zum Bau eingesetzt werden. Die Unberechenbarkeit der US-Handelspolitik zwingt die Firma nun, ihre Wachstumspläne neu auszurichten.

Besonders schmerzhaft ist eine geplatzte Geschäftsgelegenheit: Ein vielversprechendes Projekt mit einem Zulieferer der US-Autoindustrie aus dem Grossraum Detroit, der seine Rezepturen zugunsten der Produkte von Hobum umstellen und die Bestellungen erheblich ausweiten wollte, liegt nun auf Eis. Für Hobum hätte dies eine Vervielfachung des Umsatzes bedeutet. Der Kunde habe das Projekt jedoch gestoppt, um die politische Entwicklung abzuwarten. «Das ist bitter», sagt Mergell. In das Projekt sei bereits erhebliche Vorarbeit bei der Planung von Kapazitäten und Rohstoffen geflossen. Zudem hätte es Rückgänge durch die schwächelnde europäische Autoindustrie kompensieren können.

Doppelschlag: Zölle plus schwächerer Dollar

Bislang haben die Zölle zwar noch nicht zu einem Rückgang des Geschäfts bei Hobum geführt. Die grösste Sorge des Firmenchefs ist jedoch ein «latenter Tod» des US-Geschäfts. Zwar könnten die Spezialprodukte der Firma nicht über Nacht ersetzt werden, da sie fester Bestandteil langjährig erprobter Kundenrezepturen seien. Es dauere Jahre, bis ein Produkt in die Rezepturen der Kunden integriert sei, erklärt Mergell. «Bei einem Produkt für die Luftfahrtindustrie, das in jedem Airbus steckt, hat das zehn Jahre gedauert.» Diese Markteintrittsbarriere schütze das Unternehmen zwar, doch die Sicherheit sei trügerisch. Er gehe davon aus, dass US-Kunden längst nach Alternativen suchen und «unsere US-amerikanischen Wettbewerber anfragen, ob sie das auch machen können, weil wir jetzt über Nacht 15 Prozent teurer geworden sind».

Zu dieser schleichenden Gefahr kommt der schwächere Dollar als handfeste Belastung hinzu. Im Gegensatz zu den Zöllen, die an die Kunden weitergereicht werden, trägt Hobum das Währungsrisiko selbst. Die Kosten des Unternehmens fallen in Euro an, US-Kunden zahlen aber in Dollar. Diese Verluste müsse Hobum «auf die eigene Kappe nehmen», sagt der Firmenchef. Die US-Zölle von 15 Prozent verteuern dagegen die Produkte für die amerikanischen Kunden erheblich. «Das sind bei Spezialitäten, die sechs, sieben oder acht Euro pro Kilo kosten, schon richtig Geld.» Mergell kritisiert die Logik der Zölle scharf: «Entweder steigen dadurch die Kosten in den USA, oder unsere Produkte aus Europa werden durch minderwertige lokale Produkte ersetzt. Am Ende verlieren wir, sie verlieren, niemand gewinnt. Ich habe für diese Situation keinerlei Verständnis.»

Mit seiner Einschätzung steht Mergell, der das Unternehmen in vierter Generation führt, nicht allein. Auch Lanxess-Chef Matthias Zachert kritisiert die US-Politik. «Zölle sind generell nicht gut für die Wirtschaft weltweit. Sie beeinträchtigen letztendlich den Wohlstand aller», sagt der Chef des Kölner Spezialchemiekonzerns. Die Unsicherheit habe zu zwei schwierigen Quartalen geführt. «Die ganze Volatilität, die Unsicherheit und die Eskalation bei den Zöllen, die im zweiten Quartal stattfand, wirkt sich auch auf das dritte Quartal aus.»

Diese Sorgen spiegeln sich in der gesamten Branche wider. Für die deutsche Chemieindustrie sind die USA der wichtigste Handelspartner ausserhalb der EU: 2024 exportierte die Branche Waren im Wert von 10,2 Milliarden Euro dorthin: 7,4 Prozent der gesamten deutschen Chemieausfuhren. Den grössten Anteil machten mit 42 Prozent Fein- und Spezialchemikalien aus, wie sie auch Hobum herstellt. Laut einer Umfrage des Branchenverbands VCI vom Juli rechnen über 40 Prozent der Mitgliedsunternehmen mit sinkender Wettbewerbsfähigkeit.

Die direkten Folgen der Zölle treffen die Unternehmen unterschiedlich. Grosse Konzerne wie BASF und Lanxess können die direkten Aufschläge durch ihre Produktion in den USA abfedern. Spürbar sind jedoch die indirekten Effekte etwa bei Nachfrage und Preisen. Für kleinere Firmen, die ausschliesslich aus Deutschland exportieren, ist die Lage ernster. Das bestätigt auch Mergell aus Gesprächen mit anderen Mittelständlern im VCI: «Alle, die exportieren, sind in Sorge.»

Strategische Kehrtwende

Hobum zieht Konsequenzen: Die USA seien «im Augenblick kein strategischer Fokus mehr». Die ständige Unsicherheit lähme Investitionen und Innovationen. Eine Verlagerung der Produktion in die USA, um Zölle zu umgehen, schliesst Mergell aus - zu hohe Investitionskosten und die Sorge vor einem Abfluss von Geschäftsgeheimnissen bei Lohnfertigung. «Wir sind ein recht kleines Unternehmen. Die Anfangsinvestition für eine komplett neue Produktion wäre für uns zu hoch.» Produziert wird ausschliesslich in Hamburg.

Überlegungen für eine eigene Vertretung in den USA sind derzeit vom Tisch. «Bis Ende letzten Jahres waren die USA für uns sehr interessant», erklärt Mergell. Stattdessen rücken Asien, etwa Vietnam oder Indonesien, sowie Südamerika in den Blick. «Als kleines Unternehmen sind für uns auch mittelgrosse Märkte sehr interessant.» Das bestehende US-Geschäft, unter zehn Prozent des Umsatzes von rund 35 Millionen Euro, will Hobum stabil halten. Mehr sei unter den aktuellen Bedingungen nicht planbar. Diese erzwungene Untätigkeit frustriert Mergell: «Abwarten ist nicht das, was ein Unternehmer tut. Wir wollen investieren, wir wollen wachsen, wir wollen Ideen entwickeln. Und das macht es so frustrierend im Augenblick.»

(Reuters)