cash.ch: Herr Saynor, ein Analyst meinte heute Morgen zu den Jahreszahlen Ihrer Firma: 'Sandoz hat geliefert'. Der Aktienkurs stieg am Mittwoch bis 9 Prozent, hauptsächlich wegen der höheren Margen-Prognosen. Was stimmt Sie so zuversichtlich für dieses Jahr?

Richard Saynor: Ich denke, es geht nicht bloss um 2026. Wir sind Branchenführer. Wir haben mehr Chancen vor uns als hinter uns. Und wir verfügen über die technischen und finanziellen Mittel, diese zu nutzen. Wir wissen, woher das künftige Wachstum kommt. Wenn Sie mich nach den Risiken für das Wachstum fragen, dann ist es die Umsetzung. Diese Verantwortung liegt in unseren Händen. Und wir sprechen dabei nicht bloss von einem Produkt, sondern es geht um Hunderte. Und genau darin liegt eine enorme Chance. Zu den 13 bereits im Markt verfügbaren Biosimilars und mehr als 1300 generischen Medikamenten befinden sich weitere 27 Biosimilars und 400 Generika in der Entwicklung. Es geht also darum, all diese Dinge in grossem Umfang umzusetzen.

Welche externen Faktoren könnten das geplante Wachstum gefährden?

Schauen Sie, wir hatten Covid, und es gibt viele geopolitische Risiken. Aber im Kern ist unsere Aufgabe, Patienten weltweit mit hochwertigen und bezahlbaren Medikamenten zu versorgen. Die Weltbevölkerung wird kränker und älter, und viele Märkte verarmen. Kommerziell gesehen ist das eine Chance. Das unterstreicht unseren Anspruch, den Zugang zu Medikamenten zu verbessern. Das ist gut für Patienten, gut für Regierungen, aber auch gut für unsere Aktionäre und unsere Mitarbeiter. Wir sind ein globales Unternehmen. Natürlich passieren unvorhergesehene Dinge. Es ist meine Aufgabe, mich gemeinsam mit dem Managementteam darum zu kümmern und so viele Notfallpläne wie möglich zu entwickeln. Aber ich denke, wir haben die Covid-Krise sehr gut überstanden. Wir haben die aktuellen wirtschaftlichen und politischen Zyklen gut gemeistert und wachsen weiter. In gewisser Weise hat uns die Krise sogar eine Stimme gegeben. Wir werden nun wahrgenommen und man erkennt, dass unsere Arbeit wichtig ist. Wenn Sie fragen, worüber ich mir Sorgen mache, dann sage ich: Über die Dinge, die ich nicht kenne. Aber das ist wohl die Aufgabe eines CEO.

Sandoz spricht von einem 'goldenen Jahrzehnt' in den nächsten zehn Jahren für die Generika-Industrie. Sandoz will sich dabei einen möglichst grossen Teil des Marktes im Wert von 600 Milliarden Dollar an Produkten sichern, deren Patente ablaufen. Wie will Sandoz da punkten?

Als Marktführer in Europa und weltweit erwarten wir, einen angemessenen Anteil an diesem Markt erobern zu können. Und im Bereich der Biologika und den zugehörigen Biosimilars haben wir einen globalen Marktanteil von etwa 20 Prozent. Hier besteht erhebliches Wachstumspotenzial. Wir sehen tatsächlich weniger neue Anbieter im Bereich der Biologika, also weniger Wettbewerb. Und interessant ist, dass immer mehr mittelgrosse Produkte den Patentschutz verlieren, was äusserst attraktiv ist. Eine Mischung all dieser Produkte zu haben und sie in den nächsten zehn Jahren auf den Markt zu bringen, ist eine enorme Chance.

Werden bei Sandoz in den nächsten zehn Jahren vor allem Biologika wachsen?

Der Grossteil der Treiber besteht heute zu 70 Prozent aus niedermolekularen Wirkstoffen, wobei der Anteil relativ konstant bleibt. Wir bringen also genügend Produkte auf den Markt, um den Preisverfall auszugleichen. Wenn man sich dann die Biosimilars ansieht, die etwa 30 Prozent unseres Geschäfts ausmachen, wachsen sie derzeit um 15 Prozent. Der internationale Markt wächst dagegen um 30 Prozent. Das Wachstum kommt also jetzt. Biologika verhalten sich ganz anders als niedermolekulare Wirkstoffe. Da sie so teuer sind, zögerten Patienten, sie zu verwenden. Sobald Biosimilars auf den Markt kommen, sinken die Preise und das Marktvolumen weitet sich aus. Das bedeutet also, dass der Markt nach der Markteinführung viele Jahre lang wachsen wird. Und im Allgemeinen ist der Wettbewerb geringer, weil die Entwicklung komplexer und teurer ist und die Produkte injiziert werden müssen. Das bedeutet: Das Wachstum kann viel länger anhalten und es ist nachhaltiger.

Sie erwähnten an der Medienorientierung, dass Sandoz viele Dinge mit der US-Regierung diskutiere. Worum geht es bei diesen Diskussionen?

Ich möchte vorausschicken, dass wir zur derzeitigen US-Regierung einen besseren Zugang haben als zu allen vorherigen – zumindest seit ich in der Branche tätig bin. Die Leute dort verstehen die Probleme. Sie verstehen den Zusammenhang von Preis, Versorgungssicherheit und Qualität. Sie verstehen auch die Herausforderungen durch Patentmissbrauch seitens der Originalhersteller und die Herausforderungen durch die Kostenträger und deren Konsolidierung. Dafür gibt es keine schnellen Lösungen, jedoch Möglichkeiten. Wir hatten ein sehr gutes Gespräch mit der Regierung wegen der Zöllen. Die Regierung erkannte, dass Zölle nur die Patienten belasten und keine Verhaltensänderung im Markt bewirken würden. Gerade im Bereich der Generika und Biosimilars führen wir Gespräche über Patente und darüber, wie wir den Patentmissbrauch vieler Originalhersteller eindämmen können. Wir sprechen über eine Reform des Kostenträgersystems, um den Wettbewerb zu fördern und den Zugang zu diesem zu belohnen. Und wir sprechen auch über Themen wie Antiinfektiva. Anders gesagt: Wie können wir US-amerikanische Patienten mit in Europa hergestellten Antibiotika versorgen? In mancher Hinsicht ist es einfacher, mit der US-Regierung über Antibiotika zu sprechen, als mit europäischen Regierungen.

Stichwort Antibiotika: Roche hat beschlossen, die Produktion von Rocephin in der Schweiz einzustellen. Damit verschwindet die letzte grosse Schweizer Antibiotikum-Produktion. Was bedeutet das für Sandoz?

Wirtschaftlich gesehen hat das kaum einen Einfluss. Aber ich denke, es sendet ein ernst zu nehmendes Signal an die Schweizer und an die europäischen Regierungen. Es ist wie ein Frühwarnsystem. Es signalisiert: Hier besteht ein Problem. Immer mehr Antibiotikahersteller in Europa schliessen ihre Produktion. Sind sie einmal weg, sind sie für immer weg. Die einzigen Lieferanten sind dann meist asiatische Anbieter, was in guten Zeiten kein Problem ist. Aber will man in Europa wirklich, dass Antibiotika ausschliesslich von ausserhalb Europas kommt, insbesondere in einer so instabilen und unsicheren Welt? Wir sprechen hier nicht von Hunderten von Millionen Euro oder Franken, sondern von sehr bescheidenen Unterstützungsleistungen für die Industrie. Mich frustriert die Untätigkeit Europas, speziell bei der Suche nach nachhaltigen Lösungen zum Schutz dieses unglaublich wichtigen Guts. Wir wurden erst kürzlich zu eine Nato-Konferenz eingeladen. Ich war kürzlich auch in der Downing Street Nr. 10 in London. Einige Regierungen - die USA und interessanterweise auch Grossbritannien - haben das Problem verstanden. Wir führen Gespräche. Nur Europa zögert. Wir brauchen einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie Europa über uns denkt und mit uns zusammenarbeitet. Und wir sind sehr daran interessiert, mit den europäischen Behörden zusammenzuarbeiten, um dieses Gut zu schützen.

Die Preise bei Antibiotika fallen. Hält Sandoz langfristig an diesem Geschäft überhaupt fest?

Das alles hat eine Zukunft, es kommt nur auf den Umfang an. Sandoz brachte vor 80 Jahren das erste orale Penicillin auf den Markt. Es rettete mehr Leben als jedes andere Medikament, das die Menschheit je erfunden hat. Orale Penicilline ermöglichten normale Operationen. Leichte Infektionen, die vor 70, 80 Jahren tödlich gewesen wären, sind heute heilbar. Das sollten wir nicht vergessen, auch wenn es mittlerweile als selbstverständlich gilt. Warum sollten wir eine Packung Antibiotika billiger verkaufen als eine Packung Kaugummi? Das ist empörend. Die Regierungen kennen den Preis von allem, aber offensichtlich nicht deren Wert. Und genau da liegt die Herausforderung. Daher ist die Ankündigung von Roche ein dringender Aufruf zum Handeln, zur Unterstützung und zu einer Partnerschaft, um sicherzustellen, dass wir über ausreichende Kapazitäten zur Antibiotikaversorgung in Europa verfügen.

Der Aktienkurs von Sandoz hat sich seit April letzten Jahres verdoppelt. Hätten Sie das vor zehn Monaten erwartet?

Es ist nicht meine Aufgabe, den Aktienkurs vorherzusagen. Und ich leite das Unternehmen nicht wegen des Aktienkurses. Ich denke, er ist eher eine Folge unserer Aktivitäten als deren Grund. Wir haben eine Wachstumsgeschichte. Wir verfolgen eine sehr einfache Strategie, welche von unseren Investoren geschätzt wird. Und ich bin sehr stolz darauf, dass mehr als 80 Prozent unserer Aktionäre in der Schweiz ansässig sind. Sie schätzen die langfristige Ausrichtung unseres Geschäfts. Sie schätzen den Zweck unseres Unternehmens. Und ich denke, wir haben erklärt, woher das Wachstum unserer Meinung nach kommen wird.

Die Jahresresultate liegen hinter Ihnen, die Arbeit mit den Analysten, Investoren und Journalisten ist gemacht. Draussen geht der letzte Tag der Basler Fasnacht über die Bühne. Gehen Sie noch an die Fasnacht?

Ja, das wird am Nachmittag oder am Abend der Fall sein. Aber wahrscheinlich nicht bis zum Schluss um 4 Uhr morgens, da ich morgen weitere Termine habe (lacht). Aber ich freue mich sehr darauf. Es gehört zu den schönen Dingen, um diese Jahreszeit in Basel zu sein. Es ist ein ganz besonderes Ereignis.

Der Engländer Richard Saynor ist seit 2019 CEO von Sandoz. Zuvor war er Vice President für klassische und etablierte Produkte sowie kommerzielle und digitale Plattformen bei GSK. Saynor ist ausgebildeter Apotheker.

Daniel Hügli
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