Der Iran übernahm wieder die Kontrolle über die für die weltweite Energieversorgung strategisch wichtige Wasserstrasse, nur wenige Tage vor dem Auslaufen einer fragilen Waffenruhe mit den USA am Dienstag. Noch am Freitag hatte die Regierung in Teheran eine vorübergehende Öffnung der Meerenge angekündigt. Dies geschah im Anschluss an eine separate, von den USA vermittelte zehntägige Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon, die am Donnerstag vereinbart worden war, um die Kämpfe zwischen israelischen Streitkräften und der vom Iran unterstützten Hisbollah zu beenden. Am Samstag machte der Iran die Öffnung jedoch rückgängig. Zur Begründung hiess es, die USA verletzten das Abkommen durch eine anhaltende Blockade iranischer Häfen.
Nach der erneuten Schliessung meldeten mindestens zwei unter indischer Flagge fahrende Schiffe, sie seien bei der Durchfahrt beschossen worden. Die indische Regierung bestellte daraufhin den iranischen Botschafter in Neu-Delhi ein und äusserte sich zutiefst besorgt. Schifffahrtsdaten von MarineTraffic zufolge kam der Verkehr am frühen Sonntagmorgen vollständig zum Erliegen. Ein chinesischer Tanker und ein indischer Gastransporter seien offenbar zur Umkehr gezwungen worden. Nach Mitternacht (GMT) habe kein Schiff mehr den Golf befahren oder verlassen. Der Nationale Sicherheitsrat des Iran teilte staatlichen Medien zufolge mit, die Kontrolle über die Meerenge schliesse die Forderung nach Kostenerstattung für Sicherheits- und Umweltschutzdienste ein.
Der oberste geistliche Führer des Iran, Ajatollah Modschtaba Chamenei, erklärte, die iranische Marine sei bereit, ihren Feinden «neue bittere Niederlagen» zuzufügen. US-Präsident Donald Trump bezeichnete das Vorgehen des Iran als Erpressung. Er verteidigte die US-Blockade und drohte damit, «wieder Bomben abzuwerfen», falls bis zum Auslaufen der Waffenruhe am Mittwoch kein langfristiges Abkommen erzielt werde. Das US-Zentralkommando (Centcom) bestätigte die Seeblockade des Iran durch amerikanische Streitkräfte, äusserte sich jedoch nicht zu den jüngsten iranischen Aktionen.
«Sehr gute Gespräche»
Unterdessen dauern die Bemühungen um eine diplomatische Lösung an. Bei den von Pakistan vermittelten Gesprächen in Islamabad - den ersten direkten Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran seit Jahrzehnten - war eine Woche zuvor keine Einigung erzielt worden. Dennoch gab es am Sonntag Anzeichen auf eine baldige Wiederaufnahme der Gespräche. In der Nähe des Serena Hotels, in dem die Gespräche stattfanden, wurden Rollen aus Stacheldraht verlegt. Das Hotel habe seine Gäste aufgefordert, das Haus wegen einer Regierungsveranstaltung zu verlassen, sagte ein Hotelvertreter. Bis auf Weiteres würden keine Reservierungen angenommen.
Trump, der sich am Samstag mit hochrangigen Sicherheitsberatern im Weissen Haus traf, sprach von «sehr guten Gesprächen», nannte jedoch keine Details. Später begab er sich mit dem Sondergesandten Steve Witkoff, einem seiner Iran-Unterhändler, in den Trump National Golf Club. Auch der iranische Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf sagte staatlichen Medien, es habe Fortschritte gegeben. «Es gibt jedoch noch immer eine grosse Distanz zwischen uns», schränkte er ein. Es gebe Punkte, auf die der Iran beharre, während die Gegenseite ebenfalls rote Linien habe.
Die Hauptstreitpunkte bleiben das iranische Atomprogramm und die Kontrolle über die Strasse von Hormus. Insidern zufolge hatten die USA eine Woche zuvor vorgeschlagen, alle nuklearen Aktivitäten des Iran für 20 Jahre auszusetzen. Teheran habe dagegen einen Stopp von drei bis fünf Jahren ins Spiel gebracht. Der stellvertretende iranische Aussenminister Saeed Chatibsadeh erklärte, es stehe kein Datum für die nächste Verhandlungsrunde fest. Zunächst müsse ein Rahmenabkommen erzielt werden.
Hunderte Schiffe sitzen fest
Der Krieg, der sich nun in der achten Woche befindet, begann am 28. Februar mit einer Welle von US-amerikanischen und israelischen Luftangriffen gegen den Iran und hat sich inzwischen auf den Libanon ausgeweitet. Der Konflikt, der bereits Tausende Menschenleben gefordert hat, löste den schwersten Schock für die weltweite Energieversorgung in der Geschichte aus. Vor dem Krieg wurde ein Fünftel der weltweiten Öllieferungen durch die Strasse von Hormus abgewickelt. Am Freitag waren die Ölpreise noch um etwa zehn Prozent gefallen, da die Märkte auf eine Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs hofften.
Schifffahrtskreisen zufolge sitzen derzeit jedoch Hunderte Schiffe und etwa 20.000 Seeleute im Golf fest und warten auf die Durchfahrt. Für Trump wächst der innenpolitische Druck, einen Ausweg aus dem Konflikt zu finden. Vor den Zwischenwahlen zum Kongress im November, bei denen die Republikaner ihre knappen Mehrheiten verteidigen wollen, belasten hohe Benzinpreise und eine generell steigende Inflation den Präsidenten.
(Reuters)

