Knapp zwei Wochen nach den Angriffen der USA und Israels auf den Iran und den Gegenschlägen Teherans auf US-Verbündete wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) registrieren die hiesigen Geldinstitute ein verstärktes Interesse an der Schweiz als sicherem Hafen. Bislang handelt es sich vor allem um Anfragen und Vorbereitungen, sagten mehr als ein Dutzend Banker und Berater der Nachrichtenagentur Reuters. Sie zeigten sich überwiegend, wenn auch teils zurückhaltend, optimistisch, dass Gelder fliessen werden.
«Aufgrund der jüngsten Ereignisse gehen wir davon aus, dass Assets aus dem Nahen Osten verstärkt in der Schweiz gebucht werden dürften», sagte Patrik Spiller, Leiter des Vermögensverwaltungsgeschäfts beim Berater Deloitte Schweiz. «Wir hören von Banken, Family Offices und anderen vermögenden Privatkunden, dass zurzeit Diskussionen laufen.»
Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) wollte sich nicht zu spezifischen Geldflüssen seit den jüngsten Angriffen äussern, betonte aber die traditionellen Standortvorteile. «Uns kommt jetzt entgegen, dass wir mit Swissness punkten können, nämlich sichere Rahmenbedingungen, politische Stabilität, Rechtsstaatlichkeit», sagte Chefökonom Martin Hess. Dies werde in Zeiten wie diesen besonders geschätzt.
«Swissness funktioniert»
Der Nahe Osten ist für die Schweizer Vermögensverwalter eine Schlüsselregion. Von den in der Schweiz aus dem Ausland verwalteten 2,17 Billionen Dollar stammten einer Deloitte-Erhebung vom Schlussquartal 2023 zufolge 450 Milliarden Dollar aus dem Nahen Osten und Afrika. Ein Schwerpunkt sind dabei die Emirate. Die in der Schweiz gebuchten Barbestände von Privatpersonen, Firmen und staatlichen Akteuren aus den Emiraten hätten in den letzten drei Jahren um rund 40 Prozent zugenommen.
Nach den Angriffen Israels und der USA auf den Iran 2025 habe diese Bewegung weiter Fahrt aufgenommen, so Spiller. Bis es nun wieder zu deutlichen Zuflüssen aus dem Nahen Osten komme, dürfte es noch einige Wochen oder Monate dauern. «Im Laufe der Zeit könnten mehrere Dutzend Milliarden aus der Region in die Schweiz fliessen. Das hängt aber stark davon ab, wie sich der Krieg weiterentwickelt und wie lange er dauert.» Spiller zufolge fliesst erfahrungsgemäss zuerst Bargeld, später folgen Anlagen wie Aktien oder Anleihen. Die Flucht in die Sicherheit treibt bereits die Währung: Der Schweizer Franken kletterte nach den Angriffen zum Euro auf den höchsten Stand seit einem Jahrzehnt.
«Im Private Banking geht es immer mehr auch um geopolitische Risiko-Diversifikation», sagte der Chef des Vermögensverwalters EFG International, Giorgio Pradelli, noch vor Ausbruch des Krieges zur Nachrichtenagentur Reuters. Viele Kunden investierten dabei bewusst ausserhalb ihrer eigenen Region. Auf einem Anlass ergänzte Pradelli kürzlich, bis zum Ausbruch des Krieges im Iran hatten sich die Vereinigten Arabischen Emirate als weltweit führender Standort für Kapitalzuflüsse etabliert. Es sei noch zu früh, um die Auswirkungen des Krieges auf das Finanzzentrum Dubai einzuschätzen.
Die grossen Schweizer Institute hielten sich bedeckt. Der Branchenprimus UBS und die Nummer drei Julius Bär lehnten Stellungnahmen zu den Geldflüssen ab. Pictet, gemessen an den verwalteten Vermögen die Nummer zwei, verzeichnete nach eigenen Angaben Anfragen von Kunden. Der Anstieg sei jedoch nicht signifikant. Insgesamt habe Pictet zum Ende des Jahres rekordhohe verwaltete Vermögen verbucht und dieser positive Trend habe sich seit Beginn des Jahres fortgesetzt. «Swissness funktioniert», so die Bank.
Till Budelmann, Anlagechef der Zürcher Privatbank Bergos, hat bereits konkrete Reaktionen von Kunden festgestellt. Ein europäischer Investor habe unmittelbar nach Ausbruch der Feindseligkeiten eine Kontoeröffnung in die Wege geleitet, nachdem er bereits zuvor einen solchen Schritt erwogen habe. Budelmann beobachtete verstärkte Bestrebungen, Vermögenswerte in die Schweiz umzuschichten, auch wenn es noch zu früh sei, um mögliche Zuflüsse zu beziffern. «Ich spüre definitiv, dass dies der Schweiz als sicherem Hafen Auftrieb gibt», sagte Budelmann.

