So schnell kann es an den Devisenmärkten gehen: Noch Mitte der Woche nahm der Eurokurs gegen den Franken die Marke von 95 Rappen ins Visier. Doch am Donnerstag war alles anders. Der Franken verzeichnete gegen den Euro den grössten Tagesanstieg seit rund einem Jahr. Am Freitag steigt die Schweizer Währung nochmals um rund 0,4 Prozent bis auf 0,9306 Franken pro Euro. Das ist der höchste Stand seit zwei Monaten.
Grund sind die anziehenden Staatsanleihen-Renditen weltweit, insbesondere von Ländern, die der Kapitalmarkt kritisch betrachtet. Das sind dieser Tage vor allem Frankreich und in etwas verminderter Form auch Italien. Frankreich ist wegen seiner Haushaltsprobleme und eines schwächeren Wirtschaftswachstums immer stärker in den Fokus der Investoren gerückt. Das Haushaltsdefizit in Frankreich sollte in diesem Jahr eigentlich auf 5 Prozent fallen. Stattdessen entwickelt es sich in die entgegengesetzte Richtung.
Der schwächelnde Euro verstärkt die Sorge vor einer weiteren Beschleunigung des Kursverfalls bei französischen Bonds, welche japanische Staatsanleihen als Anlageklasse mit der schlechtesten Wertentwicklung unter den grossen Industrieländern abgelöst haben, wie die Deutsche Bank schreibt.
Schweizer Franken als «sicherer Hafen» gefragt
Am Anleihemarkt waren am Donnerstag Anzeichen von Panik auszumachen: Die Renditedifferenz («Spread») bei zehnjährigen Anleihen Deutschlands und Frankreichs vollzog den grössten Tagesanstieg seit März 2020, als der Corona-Sturm durch die Märkte fegte. Frankreichs Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit rentieren nun gegenüber vergleichbaren Anleihen Deutschlands mit einem Aufschlag, den es zuletzt 2012 während der Euro-Schuldenkrise gegeben habe.
Kein Wunder, rufen viele Marktbeobachter die Zeit der Staatsschuldenkrise in Europa in Erinnerung, die von 2009 bis nach 2012 dauerte. Nachdem bekannt wurde, dass Griechenland seine Haushaltsdefizite jahrelang geschönt hatte, kam es an den Finanzmärkten zu massiven Reaktionen. Es gab massive Ansteckungseffekte, weil Investoren das Vertrauen in andere hoch verschuldete Euro-Staaten verloren. Die Turbulenzen führten die Eurozone an den Rand des Zusammenbruchs.
Wie damals profitiert der Franken heute von seinem Status als «sicherer Hafen». «In einer Welt, in der Anleiherenditen deutlich anziehen, gibt es nicht mehr viele Märkte, in denen man sich verstecken kann», schreiben die Analysten der Commerzbank in einer Notiz. Die Schweiz mit ihrer funktionierenden Schuldenbremse und tiefen Staatsverschuldung sei für viele Anleger eine Alternative.
Die Commerzbank sieht weiteres Aufwertungspotenzial für die Schweizer Währung: «Auch wenn es in den kommenden Wochen zu einer Stabilisierung kommen könnte, dürfte das Problem der Nachhaltigkeit der Staatsschulden bleiben und der Franken seinen Boden wohl zunächst gesehen haben.» Auch Hedge Fonds wetten vermehrt auf einen Rückgang des Euro. «Wir haben eine gestiegene Nachfrage nach Euro-Put-Optionen sowohl von Hedgefonds als auch von institutionellen Anlegern verzeichnet», wird Julian Weiss, Leiter des Handels mit Devisenoptionen der G10-Staaten bei der Bank of America, bei Bloomberg zitiert (mehr im Artikel hier).
EZB hat ein Notprogramm in der Hinterhand
Nach einer Beruhigung an den Märkten sieht es derzeit nicht aus. Sollte Frankreich die Staatsfinanzen nicht unter Kontrolle bringen, hätte dies wohl Auswirkungen auf andere Länder und Ansteckungseffekte am Anleihemarkt. Zudem finden in Frankreich im Mai Präsidentschaftswahlen statt, die das Land nachhaltig verändern könnten.
Zustände wie in der Euro-Krise sind noch weit weg. Aber Beobachter weisen schon mal auf das Transmission Protection Instrument der Europäischen Zentralbank hin. Das ist ein Notprogramm, mit welchem die EZB unbegrenzt Staatsanleihen eines in Not geratenen Euro-Landes kaufen kann. Bedingung dafür ist aber unter anderem, dass ein Anstieg der Renditen «ungeordnet» erfolgt, etwa durch heftige Turbulenzen an den Märkten.

