Die Aktie von Dormakaba hat seit August 2025 einen herben Dämpfer einstecken müssen. Mit einem Kursrückgang von 35 Prozent rutschte der Wert auf etwa 52 Franken ab - und liegt damit nahe dem Tabellenende der Schweizer Börse. 

Mit den hohen Kursverlusten ging ein deutlicher Rückgang der Bewertung einher, wodurch das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Mehrjahrestief fiel. Nur im Oktober 2022 lag die Kennzahl während der vergangenen 14 Jahre noch etwas niedriger, damals allerdings bei einem Kurs von bloss 30 Franken. Gleichzeitig werden die Dormakaba-Titel im Vergleich zu Konkurrenten wie Assa Abloy mit einem Bewertungsabschlag von rund 20 Prozent gehandelt.

Die Summe aus Kursverlusten, tiefer Bewertung und Bewertungsabschlag gegenüber den Branchenpeers ist auffällig. Handelt es sich um eine Unterbewertung oder leidet das Unternehmen unter strukturellen Problemen? 

Wachstumspotenzial und Margenschwäche

Dormakaba erwirtschaftet rund 34 Prozent der Umsätze in Wachstumsmärkten, in denen vor allem mechanische Schlösser gefragt sind. Die UBS rechnet in diesen Regionen mit einem jährlichen Wachstum von zwei bis drei Prozent. In den entwickelten Märkten mit Fokus auf elektronische Schlösser wie den USA und Europa, die die restlichen zwei Drittel des Umsatzes ausmachen, liegen die langfristigen Erwartungen bei fünf bis sechs Prozent - in der Theorie zumindest.

In der Realität jedoch, steckt der Immobilienmarkt in Deutschland, der 14 Prozent zum Umsatz beisteuert, in einer Wachstumsschwäche. In Neuseeland, das zusammen mit Australien acht Prozent des Umsatzes ausmacht, ist kürzlich eine 30-jährige Immobilienblase geplatzt. Das Land befindet sich in einer anhaltenden Rezession. 

Ein weiterer unerwarteter Bremsklotz waren die US-Importzölle - oder vielmehr die Unsicherheit rundherum. Dormakaba sah sich gezwungen, bestimmte Produkte umzuleiten, was zu Lieferengpässen führte und so das Volumenwachstum im ersten Halbjahr belastete. Nachvollziehbar reagierten Anlegerinnen und Anleger mit Titelverkäufen, denn das vor zwei Jahren lancierte Restrukturierungsprogramm hat die Erwartungen im Markt erhöht.

Mit der Wachstumsabkühlung rücken auch die Margen wieder stärker in den Anlegerfokus. Schliesslich kämpft Dormakaba mit deutlich tieferen Margen als die Konkurrenz. So erzielte das Unternehmen in den letzten Jahren eine operative Marge von durchschnittlich 14 Prozent. Assa Abloy etwa, erzielt eine von über 19 Prozent. Das Kostensparprogramm hätte diese Lücke reduzieren sollen.

Doch die Fortschritte sind uneinheitlich: Während 70 Prozent der geplanten 170 Millionen Franken an Einsparungen laut Management bereits umgesetzt worden seien, hinken die Effizienzmassnahmen bei den IT-Plattformen mit nur 30 Prozent Fortschritt hinterher - ein Prozess, der noch zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen wird. 

Damit ist ein grosser Teil des Sparpotenzials bereits ausgeschöpft, sodass die aktuelle Wachstumsschwäche bei der Profitabilität ins Gewicht fällt: Nach 15,5 Prozent im Vorjahr dürfte die operative Marge in diesem Jahr stagnieren. Wie eine weitere Verbesserung um mehrere Prozentpunkte innerhalb von ein bis zwei Jahren ohne spürbare Markterholung gelingen soll, bleibt offen.

Temporäre oder strukturelle Probleme?

Ein Kursrückgang von einem Drittel kommt selten ohne triftige Gründe zustande - und Dormakaba bildet hier keine Ausnahme. Entscheidend ist daher weniger die Frage nach den Ursachen, als vielmehr danach, ob sie temporär oder strukturell sind.

Anlässlich einer Investorenkonferenz im Frühjahr 2026 hatten CEO Till Reuter und Finanzchef René Peter darauf eine eindeutige Antwort: Die Wachstumsverlangsamung im ersten Halbjahr war teilweise temporärer Natur. Entsprechend dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass lediglich die untere Grenze der Wachstumsprognose (3 Prozent) erreicht wird, geringer sein als zunächst vom Markt angenommen.

Laut Führungsduo ist die aktuelle Geschäftsentwicklung besser als im ersten Halbjahr. In den wichtigen europäischen Märkten wie Deutschland, der Schweiz oder Grossbritannien und Irland erwarte man keine weitere Abkühlung - das bisherige Volumenwachstum von 2 bis 4 Prozent sollte somit beibehalten werden können.

Gleichzeitig bestätigte Dormakaba die Jahresprognose: Das organische Wachstum wird zwischen 3 und 5 Prozent erwartet - wobei die 3 Prozent als unwahrscheinlich gelten -, sowie eine bereinigte operative Marge von über 16 Prozent. Zur Erinnerung: Der Marktkonsens geht von 15,6 Prozent aus. Das Management erwartet im zweiten Halbjahr aufgrund günstiger Vergleichszahlen zudem einen Anstieg des Volumens.

Attraktive Bewertung und finanzielle Stärke

Vor dem Hintergrund dieser - zumindest teilweise - temporären Belastungsfaktoren erscheint die Bewertung von Dormakaba attraktiv. Mit einem KGV von 15,6 liegt die Aktie auf einem Vierjahrestief. Das Verhältnis von Preis zum Cashflow beträgt 6, und die freie Cashflow-Rendite liegt bei 8,4 Prozent - ein Wert, der in Anbetracht der Dividendenrendite von 2,2 Prozent besonders ins Auge sticht. 

Das Unternehmen verfügt damit über erhebliche finanzielle Spielräume, sei es für Übernahmen oder für die Rückführung von Kapital an die Aktionärinnen und Aktionäre. Aufgrund der relativ niedrigen Verschuldung - das Verhältnis von Nettoschulden zum EBITDA beträgt 1,3 - ist die solide Finanzlage ein wichtiger Trumpf, insbesondere in einem Umfeld, in dem Zukäufe eine wichtige Rolle spielen.

Nicht nur die Bewertung spricht tendenziell für den Schliesstechnik-Spezialisten. Trotz unterdurchschnittlicher Margen und im Vergleich zu Assa Abloy niedrigerem Wachstum - der schwedische Konzern ist in den vergangenen fünf Jahren fast viermal schneller gewachsen - bietet Dormakaba eine sehr hohe Eigenkapitalrendite. Diese beträgt mit 36 Prozent über das Doppelte als bei Assa Abloy. 

Ebenfalls liegt der «Return on Capital Employed» (ROCE) - zu Deutsch «Kapitalrentabilität», ein Mass dafür, wie effizient ein Unternehmen sein langfristig gebundenes Kapital nutzt, um operativen Gewinn zu erwirtschaften - bei hohen 30 Prozent. Solche Werte deuten üblicherweise auf einen grossen Wettbewerbsvorteil hin. Beispielsweise erzielen Apple oder Nvidia Werte von 70 respektive 80 Prozent - bei Assa Abloy liegt der ROCE dagegen bei 14 Prozent. Fazit: Dormakaba weiss, wie man mit investiertem Kapital - also auch Übernahmen - Geld verdient.

Analystinnen und Analysten bekennen Farbe

Viele Expertinnen und Experten standen vor einem Jahr an der Seitenlinie. Damals haben nur drei von neun Analysten die Dormakaba-Aktien zum Kauf empfohlen. Durch die Bewertungskorrektur und die fundamentalen Veränderungen im Konzern hat sich das Blatt gedreht: Aktuell raten sechs der neun zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel sehen sie rund 42 Prozent höher.

Vontobel etwa sieht in der besser als ursprünglich erwarteten Umsetzung der Transformation eine Wiederherstellung der Management-Glaubwürdigkeit. Der Geschäftsausblick 2026 dürfte damit Gewicht haben - und vielleicht näher an der Realität liegen als der tiefere Marktkonsens der Analystinnen und Analysten.

Dennoch: Bis 2028 wird mit einem Wachstum des Gewinns pro Aktie von 2,32 auf 3,83 Franken gerechnet. Bei gleichbleibender Bewertung impliziert dies eine konservative Aktienkursschätzung von rund 60 Franken. Sollten die Restrukturierungsziele erreicht werden und die Zielmärkte aufhellen, wäre auch eine Bewertungsaufwertung denkbar. Eine Verbesserung der Margen könnte zusätzlich den Bewertungsabschlag gegenüber dem Hauptkonkurrenten verringern.

Viele «könnte» und «dürfte» - doch die fundamentale Stärke des Unternehmens bleibt unbestritten. Dormakaba profitiert von einem strukturell wachsenden Markt und einem umfangreichen Servicenetz, das wiederkehrende und für einen Zykliker stabile Erträge ermöglicht. Denn der Schliesstechnik-Spezialist erzielt nur etwa ein Drittel der Umsätze aus dem zyklischen Neubaugeschäft. Die hohen Renditen sind ein Zeugnis dafür.

Für langfristig orientierte Anleger bietet die Aktie also eine interessante Gelegenheit. Die temporären Gegenwinde - insbesondere die Unsicherheit rund um die US-Zölle - dürften nachlassen. Gleichzeitig erschliesst sich Dormakaba durch die stärkere Fokussierung auf den US-Markt zusätzliche Wachstumspotenziale, wodurch die Zollproblematik ohnehin an Bedeutung verliert. Die solide Finanzlage und die starke Cashflow-Generierung bieten dabei starke Voraussetzungen.

Etwa die Expertin von ODDO BHF, Délphine Brault, prognostiziert eine Erholung bereits ab dem zweiten Halbjahr 2026. Im Mai hob sie deshalb das Rating von «Neutral» auf «Übergewichten» an. Die Transformation in Richtung Wachstum sollte sich demnach bald auszahlen. 

Bewahrheitet sich ihr Szenario, ist die Aktie in der Tat unterbewertet.

Luca_Niederkofler
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