Die Schweizer Wirtschaft erweist sich trotz anhaltender Unsicherheiten im Welthandel als robust, da niedrigere Rohstoffpreise einen Teil der Belastungen abfedern. Die Inflation dürfte verhalten bleiben, da ein schwächerer Franken den disinflationären Effekt sinkender Energiepreise teilweise ausgleicht.
Vor diesem Hintergrund nähert sich die Schweizerische Nationalbank (SNB) einer Normalisierung ihrer Geldpolitik, da die Deflationsrisiken nachlassen. Dennoch dürfte die Notenbank vorsichtig vorgehen, weil Wechselkursüberlegungen weiterhin das grösste Hindernis für höhere Zinsen darstellen. Bloomberg-Ökonom Jean Dalbard rechnet nach wie vor mit der ersten Zinserhöhung im Dezember, wenngleich sich die Risiken inzwischen in Richtung einer längeren Phase mit einem Leitzins von 0 Prozent verschoben haben.
Energieschock und Handelsunsicherheit belasten
Die Schweizer Wirtschaft hat sich trotz des Energieschocks als widerstandsfähig erwiesen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs im ersten Quartal 2026 um 0,4 Prozent, getragen von einer starken Industrie. Die Binnennachfrage entwickelte sich hingegen schwächer: Der Konsum stagnierte, und die Investitionen gingen zurück. Frühindikatoren deuten auf ein moderates Wachstum im zweiten Quartal 2026 hin; Dalbard erwartet einen Anstieg des BIP um 0,2 Prozent.
Mit Blick nach vorn hat der Ökonom seine Annahmen zu den Rohstoffpreisen aufgrund der Fortschritte in den Friedensgesprächen zwischen den USA und dem Iran leicht nach unten angepasst. Niedrigere Energiepreise dürften die wirtschaftliche Aktivität stützen, wenngleich ein schwächerer Franken einen Teil dieses positiven Effekts wieder kompensiert. Gleichzeitig erwarten die Ökonomen, dass die Unsicherheit im Welthandel die Schweizer Exporteure weiterhin belastet, auch wenn in den kommenden Wochen mehr Klarheit zu erwarten ist.
Die Schweizer Regierung geht davon aus, dass die derzeitigen US-Zölle von 10 Prozent gemäss Section 122 des US Trade Act entweder durch einen Zollsatz von 12,5 Prozent infolge der Untersuchungen nach Section 301 oder durch einen Zollsatz von 15 Prozent gemäss der Vereinbarung vom November ersetzt werden. Branchenspezifische Zölle, darunter auch auf Pharmaexporte, entsprechen weitgehend dem Abkommen vom November 2025, das einen grossen Teil der Schweizer Exporte von Zöllen ausnahm. Die im April 2026 nach Section 232 beschlossenen zusätzlichen Abgaben auf Pharmazeutika, Stahl, Aluminium und Kupfer haben lediglich begrenzte Auswirkungen. Da die Schweiz den USA Zugeständnisse bei Agrarimporten sowie Investitionszusagen anbietet, dürfte ein Handelsabkommen zwischen beiden Ländern kurz vor dem Abschluss stehen.
Vor diesem Hintergrund belässt Jean Dalbard die BIP-Prognose unverändert bei 0,8 Prozent für 2026 und 1,3 Prozent für 2027. Darüber hinaus betrachtet er alternative Szenarien. Im Szenario niedriger Rohstoffpreise kehren die Preise schneller auf das Vorkriegsniveau zurück, wodurch das BIP-Wachstum auf 0,9 Prozent im Jahr 2026 und 1,6 Prozent im Jahr 2027 steigen würde. Dies liegt nahe bei den offiziellen SECO-Prognosen von 0,9 Prozent beziehungsweise 1,7 Prozent.
Nachlassendes Deflationsrisiko
Höhere Energiepreise liessen die Schweizer Inflation von 0,1 Prozent im Februar auf 0,5 Prozent im Juni steigen, vor allem aufgrund teurerer Heizöl- und Kraftstoffpreise. Andere Energiekomponenten blieben hingegen gedämpft. Der starke Franken begrenzte die Weitergabe höherer Preise an die Verbraucher. Abgesehen vom Energiesektor bleibt die Inflation schwach; es gibt kaum Hinweise auf einen breiteren Preisdruck. Die Kerninflation verharrte im Juni bei 0,3 Prozent.
Ab dem dritten Quartal 2026 dürfte die Inflation allmählich anziehen, da höhere Energiepreise in den Jahresvergleich einfliessen, der Effekt des starken Frankens nachlässt und die Dienstleistungsinflation infolge der zuvor gestiegenen Reallöhne zunimmt. Der Bloomberg-Experte erwartet, dass die Inflation bis Ende 2026 auf rund 1 Prozent steigt, bevor sie im Verlauf des Jahres 2027 wieder nachgibt.
Insgesamt bleibt die Inflationsprognose der Bloomberg-Ökonomen unverändert. Im Basisszenario dürften die Verbraucherpreise sowohl 2026 als auch 2027 durchschnittlich um 0,6 Prozent steigen, da niedrigere Rohstoffpreise teilweise durch einen schwächeren Schweizer Franken ausgeglichen werden.
Der Inflationsausblick bleibt jedoch empfindlich gegenüber geopolitischen Entwicklungen. Je nach Entwicklung der Rohstoffpreise könnte die durchschnittliche Inflation 2026 zwischen 0,5 Prozent und 0,8 Prozent sowie 2027 zwischen 0,6 Prozent und 0,9 Prozent liegen.
Fokus der SNB auf den Franken
Die SNB beliess ihren Leitzins im Juni unverändert bei 0 Prozent, einem Niveau, das bereits im Juni 2025 erreicht worden war. Das Umfeld hat sich jedoch zugunsten einer geldpolitischen Normalisierung verbessert. Geringere Deflationsrisiken, ein etwas schwächerer Franken sowie die restriktivere Haltung der US-Notenbank (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB) sprechen zunehmend für höhere Zinsen.
Dalbard geht davon aus, dass die SNB nur ungern über einen längeren Zeitraum an einem Leitzins von 0 Prozent festhält – insbesondere wegen der Auswirkungen auf den Immobilienmarkt, der Belastung für die Sparvermögen der privaten Haushalte sowie der sinkenden Rentabilität des Finanzsystems. Zudem möchte die Notenbank wieder geldpolitischen Handlungsspielraum aufbauen, um für einen möglichen zukünftigen Abschwung besser gerüstet zu sein.
Der Franken bleibt jedoch der entscheidende begrenzende Faktor. Die deutlichere Kommunikation der SNB sowie die restriktivere Ausrichtung von Fed und EZB haben die Schweizer Währung seit März belastet. Eine anhaltende Abschwächung des Frankens bleibt die zentrale Voraussetzung für eine geldpolitische Normalisierung.
Bloomberg-Ökonom Jean Dalbar und sein Team erwarten, dass die SNB den Leitzins im September unverändert belässt und ihn erst im Dezember anhebt. Die Finanzmärkte teilten diese Einschätzung zunächst weitgehend, haben ihre Erwartungen inzwischen jedoch angepasst und rechnen nun erst im Jahr 2027 mit der ersten Zinserhöhung, da die Risiken zunehmend auf eine längere Zinspause hindeuten.
(Bloomberg/cash)
