«Ohne Unabhängigkeit gibt es keine freie Forschung und keine von Partikularinteressen abgeschirmte Geldpolitik», hob Jordan in seiner Rede hervor. «Unabhängigkeit ist aber weder ein Naturgesetz noch eine Selbstverständlichkeit.»

Für Jordan kommt es beim Erhalt der Unabhängigkeit vor allem auf drei Punkte an. Erstens müsste die Unabhängigkeit bei der SNB effektiv gelebt werden. Für die SNB bedeute dies, dass sie «ihre Geldpolitik immer auf den Erhalt der Preisstabilität ausrichtet.» Dabei müsse sie ihre Analyse und Methodik ständig weiterentwickeln, wofür ein Austausch mit der Wissenschaft sehr wichtig sei.

Zweitens gelte es Rechenschaft abzulegen, was die SNB regelmässig gegenüber Bundesversammlung und der Öffentlichkeit tue. Zuletzt dürften nur Ziele verfolgt werden, die auch durch das Mandat der SNB abgedeckt seien und für welche die Zentralbank die geeigneten Instrumente habe. «Eine von Partikularinteressen getriebene Ausdehnung des Aufgabenbereichs ist nicht mit der gesetzlich verankerten Unabhängigkeit vereinbar», sagte Jordan weiter.

Stillstand vermeiden

Um den gesetzlichen Auftrag erfüllen zu können, dürfe die SNB sich keinen Stillstand leisten. Sie müsse immer höchst flexibel sein, um so auf das sich schnell verändernde Umfeld reagieren zu können.

In diesem Zusammenhang führte Jordan die Corona-Krise oder den Untergang der Credit Suisse an. Bei diesen Krisen habe die SNB mit schnellen Massnahmen höchste Flexibilität und Entschlossenheit unter Beweis gestellt. Zudem hätten die getroffenen Massnahmen der Bevölkerung aufgezeigt, dass sie auch in Krisenzeiten auf die Institution vertrauen können.

«Ein eng definiertes Mandat bei gleichzeitig grossem Handlungsspielraum in seiner Umsetzung ist ganz besonders in solch akuten Krisensituationen entscheidend für den Erfolg unserer Institutionen,» sagte Jordan. Es zahle sich daher aus, «stur beim Auftrag, aber flexibel in seiner Umsetzung» zu sein.

Fehler können nicht ausgeschlossen werden

Flexibilität und Aufgabentreue allein könnten den Erfolg aber nicht langfristig sichern, denn die Geldpolitik agiere unter grossen Unsicherheiten. Daher könnten auch Situationen bei bester Absicht «falsch eingeschätzt und falsche Schüsse gezogen werden.»

Daher brauche es auch «Bescheidenheit und Demut». Denn Wissen sei schnell überholt und eigene Einschätzungen wie auch Resultate müssten stets kritisch hinterfragt werden. «Mit anderen Worten: wir müssen kritik- und lernfähig bleiben und dürfen in unserem Engagement und den Ansprüchen an uns selbst nicht lockerlassen,» resümierte Jordan.

(AWP)