Vor einigen Wochen wurde ich von einem Kollegen, den man durchaus dem Lager der ausgewiesenen Finanzexperten zuordnen kann, ein wenig verhöhnt. Wegen eines oder zweier Monate «Inflatiönchen» würden doch nicht gleich die Zinsen angehoben, meinte er lachend. Zuvor verwies ich auf die gestiegenen Teuerungsraten weltweit und die Gefahr von Börsenrücksetzern nach Zinserhöhungen.
Mittlerweile haben sowohl die US-Notenbank Federal Reserve als auch die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen wegen steigender Inflationsgefahren angehoben. Sogar die Notenbank Japans hat letzte Woche ihren Leitzins auf 1,25 Prozent angehoben. Handlungszwang bestand wegen der anhaltend hohen Öl- und Gaspreise infolge des Nahost-Konflikts.
Auch in der Schweiz hat die Inflation angezogen. Die Jahresteuerung ist im August von 0,4 Prozent auf 0,8 Prozent gestiegen. Das ist im internationalen Vergleich zwar immer noch tief, ein «Inflatiönchen» eben. Der Teuerungsschub wird auch nicht ausreichen, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstag den Leitzins von 0 Prozent auf 0,25 Prozent erhöhen wird.
Dennoch werden die SNB-Verantwortlichen die Augen etwas aufgerissen haben, als sie die August-Inflationszahlen sahen, die so kaum jemand erwartet hatte. Damit nicht genug: Bereits rechnen viele Ökonomen wegen der hartnäckig hohen Energiepreise mit einem Teuerungsanstieg auf über 1 Prozent in den nächsten Monaten.
Das würde die Perspektiven und Prognosen natürlich durcheinanderbringen. Denn nach wie vor rechnen fast alle Ökonomen damit, dass die SNB den Leitzins bis zum Jahresende nicht verändern wird. Sogar rund zwei Drittel gehen in Umfragen davon aus, dass die SNB den Zinssatz bis Ende 2027 bei null Prozent belassen wird. Eine solche Prognose (sofern diese Langfrist-Schätzungen überhaupt Sinn machen) wäre vor dem Hintergrund der gestiegenen Teuerung in der Schweiz kaum mehr haltbar.
Besser frühzeitig handeln und Zweitrundeneffekte bei Inflation wie Lohnforderungen oder Preisspiralen möglichst vermeiden, lautet korrekterweise der Ratschlag vieler Ökonomen. Die Europäische Zentralbank ist ein abschreckendes Beispiel, wie man Inflationsgefahren verkennt. Sie reagierte viel zu spät auf den Inflationsschub ab Ende 2021, weil die Teuerung monatelang als vorübergehendes Phänomen eingestuft wurde. Erst bei einer Inflationsrate von 8 Prozent (!) reagierte die EZB und erhöhte den Leitzins von 0 auf 0,5 Prozent. Mehr noch: Sie musste im Eilzugstempo den Zinssatz bis Ende 2023 auf 4,5 Prozent emporschrauben - was vor allem an den Bond- und Immobilienmärkten Schockwellen auslöste.
Spannend an der Zinsfront wird es in der Schweiz also nicht am Donnerstag an der geldpolitischen Lagebeurteilung der SNB, sondern in den Monaten danach und wie die Notenbank auf veränderte Rahmenbedingungen reagiert. Die Vergangenheit zeigt, dass die SNB mit proaktiven Entscheidungen die Märkte immer wieder auf dem falschen Fuss erwischt hat.

