Die Frühpensionierung ist der Traum vieler - denn sie geht meist mit der Vorstellung finanzieller Unabhängigkeit einher. Was mit «früh» gemeint ist, bleibt Interpretationssache: Die einen streben den Ruhestand mit 60 Jahren an, andere mit 55 und die «Extremsportler» unter ihnen mit 40.
Letztere sind vielfach Anhänger der sogenannten «FIRE»-Bewegung. «FIRE» steht für «Financial Independence, Retire Early» - also die finanzielle Unabhängigkeit und die Frührente. Wenn auch etwas extrem, enthält diese Ideologie doch zahlreiche Elemente, die insbesondere für Personen mit einem gemässigteren Ruhestandsziel relevant sein können. cash.ch hat die Frühpensionierung durchgerechnet.
Extreme Vorgehensweise mit sinnvollen Ansätzen
«FIRE»-Anhänger suchen so schnell wie möglich die finanzielle Unabhängigkeit. Dafür arbeiten sie viel, sparen noch mehr und investieren konsequent. Der frühe Ruhestand ist dabei das Symbol dieser Unabhängigkeit. Ein zentraler Anspruch ist, den bisherigen Lebensstil ohne spürbare Einbussen an Lebensqualität fortzuführen.
Mit diesem Ziel schiessen die «FIRE»-Anhänger möglicherweise etwas übers Ziel hinaus. Denn diese Absichten führen zwangsläufig zu einer Sparquote von 60 bis 70 Prozent des Einkommens. Die Einbussen an Lebensqualität während der vergleichsweise kurzen Erwerbsphase sind erheblich - oder für viele schlicht nicht realisierbar.
Dennoch bietet die «FIRE»-Bewegung zahlreiche interessante und lehrreiche Ansätze. Der wohl wichtigste davon ist das Investieren. Wer einen wesentlichen Teil seines Lebens nicht erwerbstätig ist, muss sein Einkommen aus anderen Quellen generieren. Die AHV zahlt frühestens ab 63 Jahren. Laut «FIRE» kann man 4 Prozent aus dem eigenen Portfolio abschöpfen, ohne dass dieses langfristig Schaden nimmt.
Diese Faustregel grenzt gleich eine Vielzahl an Anlagemöglichkeiten aus. In einem Niedrigzinsumfeld, wie es in der Schweiz seit rund 17 Jahren herrscht, kommen für den langfristigen Vermögensaufbau faktisch nur Aktien infrage. Zur Veranschaulichung: Laut einer Studie der Deutschen Bank erzielten Aktien in den vergangenen 200 Jahren durchschnittlich eine Rendite von rund 4,9 Prozent pro Jahr. Staatsanleihen kamen auf 2,6 Prozent, Gold auf 0,4 Prozent, während Cash real jährlich rund 2 Prozent an Wert verlor.
Bei diesen Durchschnittswerten verdoppelt sich ein Aktienvermögen in rund 15 Jahren. Bei Staatsanleihen (ohne Niedrigzinsumfeld) dauert es etwa 28 Jahre. Unter heutigen Bedingungen - der zehnjährige Eidgenossen notiert bei rund +0,28 Prozent - wären dafür 257 Jahre nötig. Wer eine Frühpensionierung anstrebt, für den sind Renditepotenzial und Zeit entscheidende Faktoren. Eine Rendite oberhalb von 4 Prozent ist zudem notwendig, um eine Einnahmen-Ausgaben-Balance zu wahren.
Beim zweiten Punkt geht es um die Einnahmen. «FIRE»-Anhänger versuchen ihr Einkommen durch Nebenjobs oder durch passives Einkommen zu steigern. Letzteres ist gut kombinierbar mit dem Investieren.
Denn unzählige Studien belegen, dass Aktien mit hohen Dividendenrenditen langfristig besser abschneiden als solche mit niedrigen oder keinen Ausschüttungen. So kommt die erwähnte Analyse der Deutschen Bank zum Schluss, dass Aktien mit «hohen» Dividenden durchschnittlich 12,8 Prozent pro Jahr erzielten, während Titel mit tiefen oder fehlenden Ausschüttungen lediglich auf 9,3 Prozent kamen.
Dies spielt auf die Anlagestrategie von Investorenlegende Warren Buffett an: Solide Unternehmen mit moderaten Bewertungen bieten langfristig oft attraktivere Renditen als spekulative, aber sexy Wachstumsstorys.
Ein Blick auf den Swiss Performance Index (SPI) bestätigt diesen Effekt. Während der Euro-Krise vor 15 Jahren lag die Dividendenrendite des Index bei rund 3,5 Prozent. Heute beträgt sie infolge des Bewertungsanstiegs rund 2,7 Prozent. Der Unterschied scheint gering - tatsächlich liegt dazwischen jedoch mehr als eine Verdreifachung des Börsenwerts. Hätte man dagegen im Jahr 2007 investiert - die Rendite lag damals bei 2 Prozent - wäre der Vermögenszuwachs 30 Prozent tiefer ausgefallen.
Als letzter Punkt sollte ein Augenmerk auf die Ausgaben gelegt werden. Während «FIRE»-Anhänger jede Aufwendung hinterfragen, kann auch schon eine Reduktion einzelner Konstenelemente einen grossen Effekt auf das benötigte Vermögen haben.
Ob jemand für die Frührente mit einem Budget von 70’000 oder 80’000 Franken rechnet, macht einen grossen Unterschied: Im ersten Fall sind gemäss der 4-Prozent-Regel 1,75 Millionen Franken nötig, im zweiten Fall 2 Millionen Franken. Jeder ausgegebene Franken hat den 25-fachen Effekt auf das Vermögen.
Finanzplanung
Ob «FIRE» oder «Frührente light»: Ohne konsequente Finanzplanung geht es nicht. Sinnvoll ist ein Rückwärtsansatz - ausgehend vom gewünschten Lebensunterhalt. Dabei stehen persönliche Präferenzen im Zentrum: Bleibe ich in der Schweiz oder ziehe ich ins Ausland? Mit welchem Konsumniveau rechne ich in den verschiedenen Szenarien?
Das durchschnittliche Einkommen in der Schweiz liegt bei etwas über 7000 Franken pro Monat. Laut Bundesamt für Statistik entfallen in dieser Einkommensgruppe rund 51 Prozent auf Konsumausgaben, 28 Prozent auf obligatorische Transferausgaben (Steuern und Krankenkasse) sowie rund 10 Prozent auf Sonstiges (unter anderem Versicherungen). Bei Rentnerinnen und Rentnern ist die Struktur ähnlich, das Gesamtbudget jedoch um rund 33 Prozent tiefer – konkret etwa 4900 Franken pro Monat. Gemäss der 4-Prozent-Regel entspricht dies einem benötigten Vermögen von rund 1,47 Millionen Franken.
| Budget nach Einkommenskohorte | Rentner-Budget | |
| Einkommen | 8200 | 4750 |
| Konsum | -4200 | -3000 |
| Transfer | -2300 | -1300 |
| Sonstiges | -800 | -600 |
| Total Ausgaben | -7300 | -4900 |
Quelle: Bundesamt für Statistik; in Franken und pro Monat
Während Konsumausgaben aktiv beeinflusst werden können, sind Transferausgaben stark vom Wohnort abhängig. Nur durch einen Wohnortswechsel (innerhalb der Schweiz oder ins Ausland) lassen sich diese substanziell senken. Das häufig tiefere Preisniveau im Ausland wirkt zusätzlich entlastend.
Ein Beispiel liefert der sogenannte Big-Mac-Index des Wirtschaftsmagazins The Economist, der seit 1986 Preisniveaus verschiedener Länder vergleicht. Zwar bildet er die Realität nur vereinfacht ab, bietet aber dennoch nützliche Anhaltspunkte. Denn der Big Mac ist eines der weltweit wenigen Produkte, das überall genau gleich hergestellt wird und damit direkt vergleichbar ist.
In der Schweiz kostet der Burger rund 7,30 Franken, in der EU im Durchschnitt 6,10 Euro (5,60 Franken). Das Preisniveau in der Schweiz ist somit rund 30 Prozent höher. Können die Konsumausgaben durch einen Umzug ins EU-Ausland um ein Drittel gesenkt werden, ohne auf Lebensqualität zu verzichten, sinkt das benötigte Vermögen für die Frührente auf rund 1,2 Millionen Franken. Fallen zusätzlich tiefere Transferausgaben an, reduziert sich der Kapitalbedarf weiter.
Vermögensaufbau durch Zeit und Rendite
Den Ausgaben steht der Vermögensaufbau gegenüber. Wer über 20 Jahre hinweg monatlich 600 Franken investiert und eine durchschnittliche Rendite von 4,9 Prozent erzielt, verfügt am Ende über rund 244’000 Franken. Bei einer renditestärkeren Strategie nach dem Vorbild von Warren Buffett und einer jährlichen Rendite von 12,8 Prozent wächst das Vermögen bis zum Alter von 50 Jahren auf rund 662’000 Franken.
Parallel dazu steigt das Pensionskassenvermögen während der Erwerbstätigkeit. Beim Durchschnittseinkommen dürften sich die Sparbeiträge zwischen 10’000 und 15’000 Franken pro Jahr belaufen. Nach 20 Jahren und bei einer Mindestverzinsung von 2 Prozent resultiert ein Kapital zwischen 250’000 und 354’000 Franken. Allerdings unterscheiden sich die Verzinsungen der Pensionskassen erheblich - je höher der Zinssatz, desto stärker wirkt der Zinseszinseffekt.
| 50 Jahre | 55 Jahre | |
| Investments | ||
| Rendite (4,9%) | 244'000 | 352'000 |
| Rendite (12,8%) | 662'000 | 1'300'000 |
| Pensionskasse | ||
| Verzinsung (2%) | 250'000 | 330'000 |
| Verzinsung (2%) | 354'000 | 467'000 |
| verfügbares Vermögen | ||
| Total (min) | 494'000 | 682'000 |
| Total (max) | 1'016'000 | 1'767'000 |
Quelle: eigene Berechnungen auf Datengrundlage der Deutschen Bank
Auch der Faktor Zeit hat einen erheblichen Einfluss. Wird die Frühpensionierung um lediglich fünf Jahre hinausgeschoben, steigt das Investmentvermögen auf rund 352’000 beziehungsweise 1,3 Millionen Franken. Das Pensionskassenguthaben erhöht sich gleichzeitig auf etwa 330’000 bis 470’000 Franken. Ab 63 Jahren kann schliesslich die AHV vorbezogen werden. Beim Durchschnittseinkommen und unter Berücksichtigung möglicher Beitragslücken entspricht dies schätzungsweise rund 1800 Franken pro Monat.
Wer die Zeit bis zum AHV-Bezug ohne substanzielle Vermögenseinbussen überbrücken kann und mit einem durchschnittlichen Budget rechnet, muss langfristig 2200 bis 3100 Franken aus eigener Kasse zahlen können. Dies setzt ein Kapital zwischen 660’000 und 930’000 Franken voraus. Die Pensionskasse kann im Anstellungsverhältnis frühestens ab 58 Jahren bezogen werden, bei Selbstständigkeit oder Auswanderung früher.
Zwar beruhen alle Angaben auf Durchschnittswerten und stellen lediglich Annäherungen dar. Das Fazit dürfte jedoch auch auf viele Einzelfälle zutreffen: Mit einer disziplinierten Anlagestrategie und einem moderaten Lebensstil nach dem Erwerbsleben ist finanzielle Unabhängigkeit ab 55 durchaus realistisch. Und je früher und konsequenter investiert wird, desto grösser ist der Spielraum und die finanzielle Unabhängigkeit.
| Budget Schweiz | Budget EU | |
| Konsum | 3000 | 2100 |
| Transfer | 1300 | 1300 |
| Sonstiges | 600 | 600 |
| Total Ausgaben | 4900 | 4000 |
| AHV Einkommen | 1800 | 1800 |
| Benötiges Einkommen (mit AHV) | 3100 | 2200 |
| Benötigtes Kapital | ||
| ohne AHV | 1'470'000 | 1'200'000 |
| mit AHV | 930'000 | 660'000 |
Quelle: Bundesamt für Statistik, The Economist; in Franken und pro Monat (ausgenommen Kapital)

