Jedes Jahr verbringen rund 200 chinesische Fischereischiffe Monate vor der Küste Argentiniens. Sie sind dort auf den Fang von Tintenfischen aus, um in der Heimat den weltgrössten Markt für Kalmarverzehr zu versorgen. Die Flotte ist in den vergangenen zehn Jahren um fast 50 Prozent gewachsen.

Während die Regierung in Buenos Aires die Überwachung verstärkt hat, um illegale Fischerei ‌in ihrer ausschliesslichen ⁠Wirtschaftszone zu verhindern, wachsen jenseits der Seegrenze andere Sorgen. Neben Bedenken wegen Überfischung hegen sowohl Argentinien als auch die USA den Verdacht, dass die Schiffe zur Spionage und zur Sammlung von Geheimdienstinformationen genutzt werden ⁠könnten.

Die Bemühungen Washingtons, die weltweite Überfischung durch Schiffe unter chinesischer Flagge ins Rampenlicht zu rücken, begannen Ende der 2010er Jahre. Die US-Regierung in der ersten Amtszeit von Präsident Donald Trump betonte damals zunehmend die strategische Rivalität mit der Volksrepublik.

Trump, ‌der der Regierung des argentinischen Präsidenten Javier Milei im vergangenen Jahr eine Finanzspritze von 20 Milliarden Dollar gewährte, hat die US-Dominanz in der westlichen ‌Hemisphäre zu einem Hauptziel erklärt. Dies bringt die USA auf Konfrontationskurs mit China, das in den vergangenen ​20 Jahren massiv in Lateinamerika investiert hat – unter anderem in den venezolanischen Ölsektor, in Häfen in Brasilien und Peru sowie in eine vom Militär betriebene Weltraumbeobachtungsstation in Argentinien.

Das Aussenministerium in Peking wies die Spionagevorwürfe auf Nachfrage der Nachrichtenagentur Reuters als «reine Spekulation ohne jegliche sachliche Grundlage» zurück. China sei eine verantwortungsvolle Fischereination, die sich an internationales Recht halte. Dennoch halfen die USA Argentinien bei der Verstärkung der Küstenwache, unter anderem durch die Genehmigung zum Kauf von US-Seeaufklärungsflugzeugen des Typs P-3C Orion.

Es gebe in Argentinien den Verdacht, dass einige chinesische Fischerboote mit Antennen ausgestattet seien, die nicht für den Fischfang üblich seien, sagte Marcelo ‌Rozas Garay, der bis 2025 in Buenos Aires als stellvertretender Verteidigungsminister amtierte. «Wir glauben, dass sie in Wirklichkeit auf der Suche nach Informationen waren oder Kommunikation abfangen wollten», erklärte er, ohne jedoch Details zu nennen.

Zudem haben sich die Regierungen in Buenos Aires und Washington über chinesische Schiffe ausgetauscht, deren Bewegungsmuster auf eine mögliche Kartierung des Festlandsockels hindeuten könnten. Nach internationalem Recht darf nur Argentinien die dortigen ​Ressourcen erkunden und ausbeuten. Die USA befürchten, dass China seine Flotte nutze, um eine regionale Präsenz aufzubauen und Argentiniens Kontrolle über den Südatlantik auszutesten, sagte ​ein ehemaliger US-Regierungsvertreter. In der Region liegen strategisch wichtige Gewässer, wie die Magellanstrasse, die als eine Alternative zum Panamakanal den Atlantik ​und den Pazifik verbindet und auch von US-Flugzeugträgern genutzt wird sowie Zugangsrouten zur rohstoffreichen Antarktis.

Zu Details des diplomatischen oder geheimdienstlichen Austauschs mit Buenos Aires wollte sich das US-Verteidigungsministerium nicht äussern. Die USA betrachteten Argentinien jedoch als eine wichtige Führungsnation für die regionale Sicherheit. ‌Man sei sich der weltweiten Bedenken hinsichtlich des doppelten Verwendungszwecks bestimmter Hochseefischereiflotten bewusst. Im Pentagon sei man besorgt über Aktivitäten, die die Fähigkeit souveräner Staaten infrage stellten, ihre eigenen Gewässer zu verwalten.

Hinter den Sorgen vor Überfischung steht die Grösse der stark subventionierten chinesischen Hochseefischereiflotte, der grössten der Welt. Laut der Londoner Denkfabrik ODI Global umfasst sie mehr als 16.000 Schiffe, während die chinesische Regierung im Jahr 2023 von etwa 2500 ​Booten sprach. Im Südchinesischen ​Meer umfassen solche Flotten auch Milizeinheiten, die von Peking für Sicherheitsaufgaben herangezogen werden können, wie Collin Koh, ⁠Sicherheitsexperte an der S. Rajaratnam School of International Studies in Singapur erläutert.

Für die Gewässer vor Lateinamerika gebe es jedoch keine ​Beweise für systematische Milizaktivitäten, sagte Gregory Poling, Experte ⁠für maritime Sicherheit am Center for Strategic and International Studies. Dennoch hätten sich US-Regierungsvertreter gefragt, ob diese Boote eine Rolle bei der nachrichtendienstlichen Aufklärung spielten, erklärte Jana Nelson, eine ehemalige hochrangige Pentagon-Beamtin der Regierung von ‌Trumps Vorgänger Joe Biden.

Trotz Mileis guten Beziehungen zu Trump und seiner früheren Äusserungen, argentinische Gewässer würden von illegalen Fischern «überrannt», vermeidet seine Regierung meist, China direkt zu nennen. Im Gegensatz zu den USA befindet sich Argentinien nicht in einer strategischen Rivalität mit der Volksrepublik. China war im März der zweitgrösste Handelspartner des Landes ‌und ist ein wichtiger Investor in Sektoren wie Lithium und erneuerbare Energien.

Dennoch liege es im argentinischen Interesse zu wissen, ob China die Flotte zur Spionage ​nutze, sagte Juan Battaleme, der bis Dezember 2025 als Verteidigungsstaatssekretär für internationale Angelegenheiten unter Milei arbeitete. Die argentinische Küstenwache setzt derweil auf Abschreckung. Während Argentinien noch 2016 einen chinesischen Trawler versenkte, der illegal gefischt haben soll, sind Verfolgungsjagden auf hoher See dank besserer Überwachung selten geworden.

Zwischen 2021 und 2025 gab es laut Daten der Küstenwache nur vier Vorfälle mutmasslicher illegaler Fischerei in der ausschliesslichen Wirtschaftszone. «Wir sind uns jetzt sicher, dass die Chinesen wissen, dass wir die ‌Kapazitäten haben, sie zu überwachen», sagte Ex-Verteidigungsstaatssekretär Battaleme.

(Reuters)