Die Europäische Zentralbank hält den Leitzins trotz der gestiegenen Inflationsgefahr infolge des Iran-Krieges konstant. Der EZB-Rat beliess den Einlagensatz am Donnerstag bei 2,0 Prozent. Über ihn steuert die Zentralbank massgeblich ‌ihre ⁠Geldpolitik. Zuletzt ist die Teuerungsrate auf 3,0 Prozent nach oben geschnellt. Die EZB bleibt hinsichtlich der Inflationsrisiken ⁠auf der Hut und will notfalls handeln. Mit Spannung wird erwartet, wie sich EZB-Chefin Christine Lagarde vor der Presse zum weiteren ‌Kurs äussern wird. An den Finanzmärkten wird über eine Zinserhöhung im ‌Juni spekuliert.

Ökonomen und Finanzexperten sagten zum EZB-Beschluss in ersten ​Reaktionen:

LENA DRÄGER, IFW-INSTITUT KIEL:

Die Erfahrung aus dem Energieschock 2022 mahnt die EZB zur Wachsamkeit: Damals reagierte sie erst spät mit Zinserhöhungen, weil sie zunächst die Nettoanleihekäufe im Rahmen des Asset Purchase Programmes (APP) zurückführen musste. Heute sind diese institutionellen Fesseln nicht mehr vorhanden – die EZB kann schneller und flexibler reagieren.

Angesichts der stagflationären ‌Gemengelage wäre eine präventive Zinserhöhung jetzt dennoch falsch: Sie würde die ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich belasten, ohne den Energiepreisschock direkt bekämpfen zu können. Die richtige Antwort ist: abwarten, aber mit klarer Reaktionsfunktion. Die EZB muss unmissverständlich signalisieren, ​dass sie bei einer Verfestigung des Inflationsdrucks diesmal rasch und entschlossen handeln wird.»

STEFAN GERLACH, CHEFÖKONOM BEI EFG INTERNATIONAL:

«Der EZB-Rat hat die Zinsen unverändert belassen, da er die Aussichten für die Energiepreise und das Wachstum als zu ungewiss erachtet, um Massnahmen zu ergreifen. Bislang gibt es kaum konkrete Anzeichen dafür, dass sich der Schock auf die Kerninflation ausgeweitet hat, und es besteht keine Dringlichkeit für eine Straffung. Die Entscheidung folgt einem einfachen Grundsatz: Lieber zu spät sein als falsch liegen. Sollte sich der Konflikt entschärfen und die Energiepreise wieder sinken, müsste eine vorzeitige Zinserhöhung möglicherweise schnell rückgängig gemacht werden und dies könnte als politischer Fehler angesehen werden.

Der Schock ist stagflationär. Er treibt die Inflation in die Höhe und schwächt gleichzeitig die Konjunktur, indem er die Realeinkommen und die Nachfrage drückt. Eine Straffung der Geldpolitik in diesem Umfeld würde das Risiko einer Verschärfung des Abschwungs bergen. Überlegungen zur Glaubwürdigkeit haben zwei Seiten. Die Erfahrungen der Jahre 2021–22 sprechen dafür, frühzeitig zu handeln, um ein Abdriften der Erwartungen zu verhindern. Die EZB schätzte dieses Risiko jedoch als geringer ein als das Risiko einer verfrühten Straffung unter hoher Unsicherheit.

Die Botschaft ist daher bedingt: Die EZB befindet sich nicht in der Komfortzone, sie wartet ab. Sollte sich die Inflation als hartnäckiger erweisen oder beginnen, Löhne und Erwartungen zu beeinflussen, wird die Schwelle für eine Straffung schnell sinken.»

JÖRG ​ASMUSSEN, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DES GESAMTVERBANDS DER DEUTSCHEN VERSICHERUNGSWIRTSCHAFT (GDV) UND EX-EZB-DIREKTOR:

«Es ist ​nachvollziehbar, dass die EZB trotz des Inflationsanstiegs im März den Leitzins unverändert gehalten hat. Mit Blick auf die ungewisse Dauer des ‌Iran-Kriegs und die Tiefe seiner wirtschaftlichen Auswirkungen navigiert die EZB, wie alle Notenbanken, derzeit im Nebel. Entscheidend wird die Preisdynamik in den nächsten Monaten sein. Sollte sich zeigen, dass die gestiegenen Energiekosten nicht nur die aktuelle Inflation, ​sondern ​auch die Inflationserwartungen nach oben treiben, muss die EZB ⁠im Sommer mit einer Zinserhöhung reagieren.»

HEINER HERKENHOFF, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DES BUNDESVERBANDS DEUTSCHER ​BANKEN (BDB):

«Die Währungshüter zeigen Besonnenheit in ⁠einem äusserst heiklen Umfeld nach dem Energiepreisschock wegen des Iran-Kriegs. Es ist deshalb richtig, sich mindestens bis ‌zur nächsten Sitzung des EZB-Rats im Juni Zeit zu lassen für die sorgfältige Analyse weiterer Preis- und Wirtschaftsdaten. Jetzt ist es Aufgabe der EZB, die Inflationserwartungen von Unternehmen und privaten ‌Haushalten nahe der Marke von zwei Prozent zu halten und wieder Ruhe in ​den Markt zu bringen. Für die EZB werden die kommenden Monate ein Balanceakt. Sie sollte moderat die Zinsen erhöhen und zugleich klar machen, dass sie damit die angeschlagene Konjunktur keinesfalls abwürgen will. Dies kann über sinkende Inflationserwartungen ‌und einen Rückgang der Kapitalmarktzinsen ​gelingen.» 

(Reuters)