Im Sog des Iran-Krieges ist die deutsche Wirtschaft einer Umfrage zufolge erstmals seit knapp einem Jahr wieder geschrumpft. Der Einbruch des vom Finanzdienstleister S&P Global am Donnerstag veröffentlichten Stimmungsbarometers im April traf viele Experten auf dem falschen Fuss. Sie hatten damit gerechnet, dass der Einkaufsmanagerindex (PMI) trotz eines leichten Rückgangs weiter Wachstum anzeigen würde. Doch er sank im April weit unter die Wachstumsschwelle. «Die Erholung der deutschen Wirtschaft wurde durch den Krieg im Nahen Osten abrupt gestoppt», erklärte Phil Smith, Ökonom bei S&P Global Market Intelligence. Die Wirtschaft leidet unter dem Energiepreisschock: «Jeder weitere Tag, an dem kein Öl aus der Golfregion an den Weltmarkt gelangt, verschärft die Konjunkturrisiken», warnte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.
Das PMI-Barometer, bei dem Manager die Geschäftsbedingungen beurteilen, ist ein an den Finanzmärkten stark beachteter Frühindikator für die Konjunktur. Die frischen PMI-Daten seien ein schlechtes Omen für die deutschen Wachstumsaussichten, meint Krämer: «Bereinigt man die niedrigen Wachstumsprognosen um die ungewöhnlich hohe Zahl von Arbeitstagen, dürfte es in diesem Jahr faktisch wieder auf eine Stagnation hinauslaufen.» Die Bundesregierung senkte jüngst ihre Prognose für den Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr auf 0,5 Prozent. Laut Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ist eine Rezession - also eine schrumpfende Wirtschaft - jedoch nicht zu erwarten. Die hiesige Wirtschaft hatte sich erst 2025 mit einem BIP-Wachstum von 0,2 Prozent nach zwei Rezessionsjahren mühsam aus dem Konjunkturtal herausgearbeitet.
Die zehnmonatige Wachstumsphase endete laut S&P Global im April, da die Geschäftstätigkeit vor dem Hintergrund erhöhter Unsicherheit und stark steigender Preise zurückging. Die Industrie konnte sich im April allerdings im Wachstumssektor halten. Im Verarbeitenden Gewerbe stiegen Produktion und Aufträge zwar leicht, doch mehren sich die Warnsignale, dass auch dieser Sektor bald wieder ins Minus rutschen könnte: Sowohl das Produktions- als auch das Umsatzwachstum haben sich stark verlangsamt. Und der Ausblick für das kommende Jahr fällt bei den Herstellern inzwischen sogar pessimistisch aus.
Bei den deutschen Dienstleistern ging es kräftig bergab: Der auf diesen Bereich zugeschnittene Einkaufsmanagerindex sank tief in die Schrumpfzone, nachdem er im März noch Wachstum angezeigt hatte. «Der Dienstleistungssektor war am stärksten betroffen und verzeichnete zu Beginn des zweiten Quartals 2026 den stärksten Geschäftsrückgang seit fast dreieinhalb Jahren», sagte Ökonom Smith.
EZB vor «schwierigem Spagat»
Der Nahost-Krieg bremst auch die Wirtschaft in der Euro-Zone und sorgt erstmals seit Ende 2024 für ein Schrumpfen der Geschäftsaktivitäten. Der Einkaufsmanagerindex für Industrie und Dienstleister zusammen sank im April zum Vormonat überraschend unter die Wachstumsschwelle. «Der Konflikt hat die Wirtschaft im April schrumpfen und gleichzeitig die Inflation sprunghaft steigen lassen», sagte Chefökonom Chris Williamson von S&P Global Market Intelligence. «Zudem drohen die zunehmenden Lieferengpässe, das Wachstum in den kommenden Wochen weiter zu dämpfen und die Preise weiter in die Höhe zu treiben.»
Die Europäische Zentralbank (EZB), die Ende des Monats über den Leitzins entscheidet, steht damit nach Ansicht von VP Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel vor einem schwierigen Spagat: «Einerseits steigen die Inflationsraten, andererseits kommt es zu einer spürbaren konjunkturellen Belastung.» An den Finanzmärkten wird damit gerechnet, dass die EZB vorerst stillhält und womöglich erst im Juni eine Zinsanhebung angeht. EZB-Direktorin Isabel Schnabel hält ein vorschnelles Agieren für riskant: Man müsse vermeiden, der Wirtschaft durch eine vorzeitige Straffung der Geldpolitik «unnötige Kosten» aufzubürden, sagte die Ökonomin jüngst. Die EZB nehme derzeit eine weitgehend neutrale geldpolitische Haltung ein und könne sich die nötige Zeit nehmen, um die Folgen des aktuellen Energieschocks zu analysieren.
(Reuters)

