Die Nestlé-Aktie war lange das, was Anleger suchen: ein sicherer Hafen. Solide, verlässlich, im besten Sinne sogar langweilig.

Heute ist davon wenig übrig. Denn wer seit Anfang 2022 Nestlé-Aktien im Depot hält, hat einen spürbaren Kursrückgang verschmerzen müssen. Seit dem Rekordstand zum Jahreswechsel 2021/2022 von 128 Franken je Aktie hat sich der Kurs beinahe halbiert auf derzeit 78,50 Franken. Oder anders gesagt: rund 150 Milliarden Franken an Börsenwert sind in den letzten vier Jahren verschwunden.

Die Entwicklung verläuft dabei erstaunlich konstant: minus 16 Prozent im Jahr 2022, minus 9 Prozent 2023, über 23 Prozent 2024, was Bloomberg als das schlechteste Ergebnis in der Firmengeschichte betitelte.

Erst 2025 zeigte sich eine erste Gegenbewegung. Nach einem volatilen Jahr resultierte ein Plus von 5,15 Prozent. Auch 2026 liegt die Aktie bislang leicht im Plus (+0,33 Prozent), während der SMI im selben Zeitraum nachgegeben hat.

Doch der Markt scheint sich noch nicht entschieden zu haben, ob er dieser Stabilisierung trauen will.

Ein Muster, das sich wiederholt

Denn seit rund einem Jahr zeigt sich ein wiederkehrendes Bild: Nestlé liefert solide Zahlen, der Kurs reagiert positiv – und fällt kurz darauf wieder zurück.

So auch nach den jüngsten Erstquartalszahlen. Die Aktie legte an einem Tag rund 6 Prozent zu, auch gestützt durch die starke Entwicklung von L’Oréal (+9 Prozent nach Quartalsergebnissen), an dem Nestlé mit 20 Prozent beteiligt ist.

Doch dieser Impuls trägt nicht weit: Am Tag darauf setzte jedoch bereits wieder die Gegenbewegung ein. Gute Nachrichten werden zwar aufgenommen, aber nicht etabliert. Oder anders gesagt: Der Markt reagiert, aber er glaubt nicht dauerhaft an Nestlé.

Ein Vertrauensverlust in Etappen

Der Börsenrückgang von Nestlé kam nicht abrupt, sondern in mehreren Schritten. Begleitet von gesenkten Erwartungen, vorsichtigen Prognosen und wiederkehrenden Führungswechseln.

Im Sommer 2024 senkte CEO Mark Schneider die Wachstumsprognose von vier auf drei Prozent. Am Markt wurde dies als «kalte Dusche» wahrgenommen. Kurz darauf folgte sein Abgang.

Sein Nachfolger Laurent Freixe setzte auf eine «Back-to-the-Roots»-Strategie, jedoch mit begrenztem Erfolg. Während Konkurrenten wie Danone und Unilever 2024 deutlich zulegten, verlor Nestlé weiter an Wert. Auch Freixe musste gehen, und zwar nach nur einem Jahr Amtszeit, als öffentlich wurde, dass er eine romantische Beziehung zu einer Mitarbeiterin nicht offengelegt hatte.

Zurückblieb ein Konzern, der strategisch neu ausgerichtet ist, aber noch immer mit einem Vertrauensproblem kämpft.

Marc Strub von Reichmuth & Co. beschreibt die Situation auf Anfrage von cash.ch so: «Ich würde weniger von strukturellem Misstrauen sprechen, sondern eher von einem hohen Beweislast-Faktor.»

Nestlé habe operativ zuletzt durchaus positiv überrascht, insbesondere beim Volumenwachstum. «Doch der Markt reagierte verhalten, weil es in der Vergangenheit zu viele Phasen gab, in denen gute Signale nicht nachhaltig bestätigt wurden.»

Hinzu komme ein schwieriges Umfeld. Operative Fortschritte würden durch «erhebliche Gegenwinde» überlagert. Etwa der starken Franken, geopolitische Unsicherheiten sowie der Rückruf von Säuglingsnahrung wegen Cereulid-Verunreinigungen, der die Nutrition-Sparte belastet habe. «In einem solchen Setting reicht ein gutes Quartal kaum aus, um Vertrauen an der Börse sofort wieder aufzubauen.»

Navratil und der neue Versuch

Seit September 2025 steht mit dem Ex-Nespresso-Chef, Philipp Navratil, ein neuer CEO an der Spitze des Lebensmittelkonzerns. Sein Kurs ist klar: Fokus auf Kaffee, Tiernahrung, Nutrition sowie Food & Snacks, weniger Randgeschäfte, mehr Volumenwachstum statt reiner Preisdurchsetzung.

Der Strategiewechsel wird am Markt grundsätzlich registriert, aber noch nicht gewürdigt. Strub sagt dazu, Investoren nähmen Navratil ernst, «honorieren ihn meines Erachtens aber noch nicht vollständig».

Die Ausrichtung auf vier Kernbereiche sowie eine stärkere operative Disziplin komme «grundsätzlich gut an», so Strub weiter. Auch die Erstquartalszahlen zeigten, dass diese Linie zu greifen beginne.

Gleichzeitig bleibe Skepsis bestehen. «Zu oft hat Nestlé in den letzten Jahren ambitionierte Programme präsentiert, deren Wirkung zu langsam oder zu inkonsistent einsetzte.»

Entscheidend werde sein, ob die Fortschritte auch im zweiten Halbjahr bestätigt werden – insbesondere dann, wenn die Vergleichsbasis schwieriger wird.

Viele Risiken, wenig Geduld

Nestlés Umfeld bleibt anspruchsvoll. Für 2026 nennt  Analyst Gian Marco Werro von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) unter anderem Downtrading, schwächeres Preiswachstum, höhere Rohstoff- und Transportkosten, Preisdruck im Handel sowie GLP-1-Effekte. Hinzu kommen steigende Marketingausgaben zur Stärkung der Marken.

Die Folge: Selbst operative Fortschritte müssen sich in einem schwierigen Umfeld erst behaupten.

Strub fasst es indirekt so zusammen: In einem solchen Setting reiche ein gutes Quartal nicht aus. Der Markt brauche mehrere Bestätigungen hintereinander.

Und genau darin dürfte die Unsicherheit der Investorinnen und zugleich das zentrale Risiko liegen: dass Nestlé weiterhin als Value Trap wahrgenommen wird: Eine Aktie mit stabiler Dividende, starken Marken und robustem Cashflow - aber ohne ausreichende Dynamik.

Gleichzeitig ist viel Skepsis bereits im Kurs enthalten. «Die Aktie ist moderat bewertet, bei gleichzeitig attraktiver Dividendenrendite und robustem Cashflow», sagt Strub. Gelinge es Nestlé, über mehrere Quartale hinweg Wachstum über 2 Prozent, stabile Margen und operative Fortschritte zu liefern, könne sich das Bild rasch drehen.

Vorsichtige Hoffnung

Auch die UBS sieht erste Anzeichen für eine Verbesserung. Das reale interne Wachstum habe zum dritten Mal in Folge die Erwartungen übertroffen. Bereinigt lag es bei 2,3 Prozent – der beste Wert seit dem ersten Quartal 2022.

So schreibt die Bank in ihrem aktuellen Strategiepapier zum Lebensmittelkonzern davon, dass der Turnaround «an Fahrt gewinnt».

Gleichzeitig folgt die Einschränkung: Ab dem dritten Quartal werde die Messlatte höher. Ein Teil der Verbesserung sei auf günstige Vergleichsbasis und verstärkte Marketing- und Innovationsausgaben zurückzuführen. Mit dem «Schwinden der niedrig hängenden Früchte» bleibe wenig Spielraum für Enttäuschungen.

Ob Nestlé den Turnaround schafft, ist damit weiterhin offen. Der Analystenkonsens bei Bloomberg bleibt entsprechend gespalten: Elf Kaufempfehlungen, zwölf Halten, zwei Verkaufen. Die Dividende fliesst seit über sechs Jahrzehnten zuverlässig, das Geschäftsmodell bleibt defensiv und profitabel.

Für langfristig orientierte Anleger bleibt Nestlé damit eine solide, defensive Aktie. Auch wenn sie Potenzial hat, verlangt sie die Geduld der Anleger. Kurzfristig jedoch bleibt der entscheidende Punkt derselbe: der Beweis. Oder anders gesagt: Die Frage ist nicht, ob Nestlé gute Zahlen liefern kann, sondern ob der Markt ihnen auch langfristig traut.

Monique Misteli Ringier
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