Dass Clariant intern Hinweisen auf mögliche Zahlenmanipulationen nachgehen muss, hat dem Baselbieter Spezialitätenchemiekonzern an der Börse sichtlich zugesetzt. Obschon die Aktie zuletzt Boden gutmachen konnte, errechnet sich gegenüber den Kursen von Mitte Februar noch immer ein sattes Minus von fast 18 Prozent. Damit schneidet sie deutlich schlechter als der um ein Prozent tiefere Swiss Leaders Index (SLI) ab.
Ein Gewinner steigender Energieinvestitionen
Noch ist unklar, wann die Untersuchung abgeschlossen werden kann und ob sie finanzielle Folgen für das Unternehmen hat. Bekannt ist nur, dass die Verbuchung von Rückstellungen und Abgrenzungen in den Geschäftsjahren 2020 und 2021 im Zentrum der Untersuchung stehen.
Diese Buchführungsprobleme halten Goldman Sachs allerdings nicht davon ab, die Clariant-Aktie am frühen Dienstagmorgen in einer umfangreichen Branchenstudie von "Neutral" auf "Buy" heraufzustufen. Aufgrund grundsätzlich tieferer Gewinnerwartungen bei den Baselbietern und den anderen europäischen Chemieunternehmen wird das 12-Monats-Kursziel neuerdings noch mit 20,10 (zuvor 22,90) Franken angegeben.
Andere Banken nicht ganz so entspannt
Die US-Investmentbank sieht in Clariant einen der grössten Gewinner steigender Energieinvestitionen. Ausserdem erachtet sie den Spezialitätenchemiekonzern dank seines Standbeins im Bereich Natural Resources besser für das sich eintrübende Wirtschaftsumfeld gerüstet als viele andere rivalisierende Anbieter.
Auf die firmeneigenen Probleme mit der Buchführung geht man bei Goldman Sachs hingegen gar nicht erst ein. Ganz so entspannt geben sich andere Banken nicht. Nur wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorwürfe ging die US-Investmentbank Jefferies bei der Aktie mit einem Kursziel von 18 (zuvor 23) Franken von "Buy" auf "Hold" und machte eine zu diesem Zeitpunkt gerade einmal eine Woche alte Heraufstufung wieder rückgängig (der cash Insider berichtete).
Lichtet sich Nebel der Ungewissheit in Kürze?
Vor gut zwei Wochen warf dann auch Vontobel das Handtuch. Im Zuge einer tieferen ESG-Bewertung und höheren Annahmen für das künftige Geschäftsrisiko stufte die Zürcher Bank die Aktie von "Buy" auf "Hold" herunter und strich das Kursziel auf 17 (zuvor 24,50) Franken zusammen.
Bleibt den Aktionärinnen und Aktionären von Clariant nur zu hoffen, dass sich der Nebel der Ungewissheit rasch lichtet und der Spezialitätenchemiekonzern baldmöglichst das definitive Jahresergebnis für 2021 veröffentlichen kann. Spätestens dann zeigt sich, ob die Zurückhaltung von Vontobel und Jefferies gerechtfertigt war oder ob Goldman Sachs als Gewinner hervorgeht.

