Die ungarische Jugend gehört zu den wichtigsten Unterstützern der Opposition. Manche von ihnen wollen sogar das Land verlassen, sollte Orban am Sonntag wiedergewählt werden.

Aktuell ⁠führt die Oppositionspartei Tisza mit ihrem Kandidaten Péter Magyar in den meisten Umfragen. Der 45-Jährige ist ein ehemaliger Verbündeter Orbans. Für die junge Wählerschaft ist er eine interessante Alternative zu dem 62-jährigen ‌Orban. Magyar versprach im Wahlkampf unter anderem, dafür zu sorgen, von der EU eingefrorene Gelder freizubekommen, um mehr ‌in Bildung und bezahlbaren Wohnraum zu investieren. Das Geld hält die EU aktuell ​zurück aufgrund der aus ihrer Sicht von Orban vorangetriebenen Aushöhlung der demokratischen Werte.

Nur etwa acht Prozent der Wähler zwischen 18 und 29 Jahren wollen nach Angaben des unabhängigen Umfrageinstituts Zavecz Orbans Fidesz-Partei wählen. «Fidesz versteht die jungen Menschen nicht mehr», sagt der Soziologe Daniel Gross. Das könne bei der Wahl durchaus entscheidend sein. Wenn alle Vollzeit-Studenten gemeinsam die gleiche Partei wählen würden, könnten sie diese über die Fünf-Prozent-Hürde ins Parlament heben, erklärt er.

Für die 18-jährige Tamara Pohly ‌ist die Wahl ein entscheidender Moment. Sollte Orban gewinnen, will sie das Land verlassen. «Ich will nicht in einem Land leben, in dem Menschen die Fidesz-Partei wählen oder in der Mehrheit die Werte von Fidesz teilen», sagt sie in einem Café in Budapest. Sie will Industriedesignerin werden und war Teil mehrerer Studierendenproteste, die seit Orbans ​Wiederwahl im Jahr 2022 mehrfach organisiert wurden.

So wie Pohly wollen immer mehr junge Menschen Ungarn verlassen. Seit der russischen Invasion ​in der Ukraine im Februar 2022 ist die Zahl der Auswanderer aus Ungarn stark gestiegen. Das ​Nachbarland der Ukraine wurde durch den Krieg wirtschaftlich stark getroffen. In der Folge emigrieren vor allem 20- bis 34-Jährige angesichts der fehlenden Perspektiven in Ungarn.

Ungarn gehört zu den ärmsten Ländern der Europäischen ‌Union. Wie in anderen EU-Staaten gibt es in Ungarn zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Hinzu kommen Probleme mit Korruption und ein vergleichsweise schwaches Bildungssystem.

Orban tut Kritik tat als «Scheinaufstand» ab

Orban bemüht sich, die jungen Wähler für sich zu gewinnen. Für unter 25-Jährige hat er die Einkommensteuer abgeschafft. Ausserdem subventioniert seine Regierung Immobilienkredite für Menschen, die zum ersten Mal ​Wohneigentum erwerben. ​Dennoch scheint Orban zunehmend frustriert zu sein, dass er bei jüngeren Wählerinnen und Wählern ⁠nicht so richtig punkten kann. Unlängst beschwerte er sich, die Jugend solle dankbar sein für ​die unterstützenden Massnahmen seiner Regierung. Die ⁠Kritik tat er als «Scheinaufstand» ab.

Doch es finden sich auch unter den jungen Menschen Orban-Unterstützer. Gergo Farkas gefällt vor allem die Erfahrung des Regierungschefs, seine guten Beziehungen zu ‌anderen politischen Führern, wie etwa zu Russlands Präsident Wladimir Putin und auch zu US-Präsident Donald Trump.

In dieser Klientel punktet Orban auch damit, dass er traditionelle christliche Werte unterstützt und eine sehr migrationskritische Politik betreibt. «Ein echter Ungar sollte nicht wegen einer bestimmten Regierung auswandern», sagte der ‌18-Jährige auf einer Kundgebung Orbans in der westungarischen Stadt Szombathely. Dies sei Verrat.

Eine dritte Alternative zu Fidesz und Tisza ​ist die Rechtsaussen-Partei Mi Hazánk Mozgalom (Unsere-Heimat-Bewegung). Sofern sie ins Parlament kommt, könnte sie die Königsmacherin der nächsten Regierung werden. Die Partei will wie Fidesz und Tisza verhindern, dass weitere Menschen das Land verlassen. Den 21-jährigen Zsolt Istvan Zoldi haben sie überzeugt.

Er unterstützt die Heimat-Bewegung und sagt über Orbans Partei: «Unter jungen Menschen gilt die Fidesz als eine Gruppe mürrischer ‌alter Männer, die korrupt und engstirnig ​sind.»

(Reuters)