Die Wahrung der Sicherheit sei eine «rote Linie», erklärten sie am Samstag im Staatsfernsehen. Es sei nicht akzeptabel, dass die gegenwärtige Lage anhalte. Das Militär, das ‌ebenfalls dem ‌geistlichen und politischen Oberhaupt Ajatollah Ali Chamenei untersteht, teilte mit, es werde die nationalen Interessen, die strategische Infrastruktur und das öffentliche Eigentum schützen.

Die Nachrichtenagentur Tasnim meldete, es seien 100 «bewaffnete Randalierer» in der Stadt Baharestan bei Teheran festgenommen worden. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. Die Führung der Islamischen Republik versucht, die seit fast zwei Wochen anhaltenden landesweiten Proteste zu beenden. Sie ​haben sich in der Hauptstadt Teheran an der steigenden Inflation entzündet, rasch ausgeweitet und richten sich nun auch gegen ‌die Führung.

Die Kundgebungen gingen in der Nacht zum Samstag weiter. In Karadsch westlich von ‌Teheran wurde den Staatsmedien zufolge ein städtisches Gebäude in Brand gesetzt. Zudem strahlte das Staatsfernsehen Bilder von Beerdigungen von Sicherheitskräften aus, die bei den Protesten getötet worden sein sollen.

Die US-Regierung stellte sich hinter die Demonstranten. «Die USA unterstützen das mutige iranische Volk», erklärte Aussenminister Marco Rubio am Samstag. US-Präsident Donald Trump hatte der Führung in Teheran am Freitag gedroht: «Ihr solltet besser nicht anfangen zu schiessen, denn dann werden wir auch schiessen.»

Der im US-Exil lebende Sohn des 1979 im Zuge der Islamischen Revolution gestürzten Schahs, ⁠Reza Pahlawi, hat sich zu einer prominenten Stimme im Ausland gegen die Führung im Iran entwickelt. «Unser Ziel ist es nicht mehr, nur auf die Strasse zu gehen. Das Ziel ist es, sich darauf vorzubereiten, die Stadtzentren zu erobern und zu halten», erklärte er auf der Online-Plattform X. Er rief zu einem landesweiten Streik in Schlüsselsektoren wie dem ​Transportwesen sowie der Öl- und Gasindustrie auf. Auf den Strassen skandierten einige Demonstranten Slogans zur Unterstützung Pahlawis. Die meisten richteten sich jedoch ‌gegen die Herrschaft der Geistlichen oder forderten Massnahmen gegen die Wirtschaftskrise.

Einem Augenzeugen zufolge eröffneten die Revolutionsgarden im Westen des Landes das Feuer. Ein Arzt im Nordwesten des Irans sagte, seit Freitag seien zahlreiche verletzte Demonstranten in die Krankenhäuser gebracht worden. Einige seien schwer geschlagen worden ​und hätten Kopfverletzungen sowie Brüche an Armen und Beinen erlitten.

Mindestens 20 Menschen in einem Krankenhaus hätten Schusswunden durch scharfe Munition aufgewiesen, fünf Patienten seien später gestorben. Die iranische Menschenrechtsgruppe HRANA dokumentierte bis zum 9. Januar 65 Tote - 50 Demonstranten und 15 Sicherheitskräfte. Der in Norwegen ansässigen Gruppe Hengaw zufolge wurden in den vergangenen zwei Wochen mehr als ‌2500 Menschen festgenommen.

Die iranische Führung beschuldigt die USA und ⁠Israel, die Unruhen angezettelt zu haben. Chamenei warf den Demonstranten am Freitag vor, als «Söldner für Ausländer» zu ‌agieren. Den Revolutionsgarden zufolge wurden drei Mitglieder der Basidsch-Miliz bei Zusammenstössen mit «bewaffneten Randalierern» getötet. Ein weiterer Angehöriger der Sicherheitskräfte sei in Hamedan erstochen worden. Die Behörden haben die Proteste gegen die schlechte Wirtschaftslage als legitim bezeichnet, verurteilen ‍aber gewalttätige Randalierer und gehen mit Sicherheitskräften gegen sie vor. Zudem wurde das Internet weitgehend abgeschaltet.

Die Proteste sind die grösste innenpolitische Herausforderung für die geistliche Führung des Irans seit mindestens drei Jahren. Die wirtschaftliche Lage hat sich durch internationale Sanktionen und den zwölftägigen Krieg im Juni, in ​dem Israel und die USA Luftangriffe auf den Iran flogen, verschlechtert. Die iranische Führung hat in der Vergangenheit wiederholt Unruhen überstanden, ‍darunter Studentenproteste 1999, Proteste nach einer umstrittenen Wahl 2009 und gegen wirtschaftliche Notlagen 2019.

Die bislang schwersten Proteste brachen 2022 aus und standen unter dem Motto «Frau, Leben, Freiheit». Sie hatten sich am Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini entzündet. Die Kurdin war am 16. September 2022 in Polizeigewahrsam unter umstrittenen Umständen gestorben. Die sogenannte Sittenpolizei hatte sie festgenommen, weil sie unangemessen gekleidet gewesen sein soll.

(Reuters)