cash.ch: Herr Snider, Sie sehen den S&P 500 Index im Jahresverlauf bis auf 7600 Punkte steigen. Bereits letztes Jahr betrug die Rendite überdurchschnittliche 17 Prozent. Woher nehmen Sie den Optimismus?

Ben Snider: Der wichtigste Grund ist die Gewinnentwicklung bei den US-Firmen. Wir verbringen richtigerweise viel Zeit damit, über Bewertungen und die Gefahr einer Blase zu sprechen. Das greift aber zu kurz, denn Investierende haben in den USA und weltweit sowohl die Stärke der Unternehmensgewinne als auch deren Bedeutung für die Marktentwicklung unterschätzt. Von der Rendite von 17 Prozent im letzten Jahr entfielen 14 Prozentpunkte auf das Gewinnwachstum. 

Also keine Blase?

Die Kurse sind gut abgestützt, auch wenn die Bewertungen nicht günstig sind. Über einen längeren Zeithorizont seit 1990 hat der S&P 500 Index eine annualisierte Gesamtrendite von 9 Prozent erzielt. Davon entfielen 8 Prozent auf das Wachstum der Unternehmensgewinne.

Wird das Gewinnwachstum anhalten?

Konkret prognostizieren wir in diesem Jahr ein Gewinnwachstum von 12 Prozent und für 2027 von 10 Prozent. Das hat primär drei Gründe. Erstens sind die Prognosen für die US-Wirtschaft positiv. Zweitens steigen die Gewinne bei den grössten US-Technologieunternehmen weiter, und drittens sehen wir in diesem Jahr erstmals einen realen Gewinnbeitrag aus Künstlicher Intelligenz (KI). Dieser ist zwar noch gering, aber er macht sich bemerkbar.

Lässt sich dieser KI-Beitrag quantifizieren?

In diesem Jahr dürfte er bei etwa einem halben Prozentpunkt liegen, gefolgt von 1,5 Prozentpunkten 2027. Danach sollte der KI-Beitrag über die Jahre weiterwachsen.

Die Unternehmensgewinne wachsen 2026 erneut schneller als in den letzten Jahren. Was ist der Treiber dieses Gewinnwachstums?

Wenn man sich das Gewinnwachstum des letzten Jahres und unsere Prognose für dieses Jahr ansieht, verschieben sich die Anteile leicht. Grob geschätzt ist etwa die Hälfte organisches Wachstum, das wir angesichts der robusten Wirtschaftslage erwarten. Die andere Hälfte entfällt auf die grössten Technologieaktien. Das ist bemerkenswert. Zehn Aktien machen 40 Prozent der Marktkapitalisierung und etwa 30 Prozent der Gewinne aus. Das wird oft als Risiko diskutiert, aber eigentlich war es in der Vergangenheit eine Chance, weil Anlagen in diesen zehn Mega-Caps sehr erfolgreich waren. 

Werden die grossen Technologieunternehmen die prognostizierten Niveaus bei den Gewinnen erreichen?

Es sieht so aus, als würden diese Unternehmen ihre Gewinne immer noch schneller als 20 Prozent steigern. Das sind ausgezeichnete Wachstumsraten. In Bezug auf den Gesamtmarkt hatten wir in den letzten Jahren dagegen eine geringe Marktbreite. Damit wurde der S&P 500 hauptsächlich von den Techaktien angeschoben. Hier spielt nicht nur die Gewinnstärke dieser grössten Unternehmen eine Rolle, sondern auch die relative Gewinnschwäche des restlichen Marktes. Das ändert sich aber. Wir erwarten, dass der S&P 493 - also der Markt ohne die ‘Magnificent Seven’ - dieses Jahr ein Gewinnwachstum von 9 Prozent verzeichnen wird. Das ist durchaus positiv.

Die zehn grössten Unternehmen im S&P haben eine Gewichtung von etwa 40 Prozent. Wird die Marktkonzentration weiter steigen?

Vor fünf Jahren erreichten die zehn grössten Unternehmen etwa 30 Prozent der Marktkapitalisierung. Das war der höchste Wert seit Jahrzehnten und beunruhigte viele Anleger. Jetzt erkennen wir im Rückblick, dass der Markt die Gewinnentwicklung richtig vorausgesehen hatte und diese Firmen schneller gewachsen sind als alle anderen. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass die Mega-Caps insgesamt schneller wachsen als alle anderen. Das deutet darauf hin, dass ihre Marktkonzentration weiter steigen wird. 

Also bleiben Nvidia, Google oder Apple die wertvollsten Firmen?

Hier gibt es eine wichtige Nuance. Die Top-Aktien von heute sind nicht dieselben wie vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren. Das verändert sich im Laufe der Zeit. Nvidia machte vor zehn Jahren nur 0,1 Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus. Heute ist das Unternehmen mit 8 Prozent der Marktkapitalisierung die grösste Aktie im Index. Das ist ein Teil dessen, das den S&P 500 so erfolgreich macht. Er ist ein passiver Index, der den grössten und erfolgreichsten Unternehmen Raum zu Wachstum bei der Börsenkapitalisierung bietet.

Im April 2025 kam es nach dem «Liberation Day» zu einem abrupten Kurssturz. Wird sich etwas Ähnliches 2026 wiederholen? 

Risiken gibt es immer, und das letzte Jahr war ein anschauliches Beispiel dafür. Es gab enorme Schwankungen, wenn man die realisierte Volatilität betrachtet. Insgesamt war die Gesamtperformance des Marktes dann aber gut dank des Gewinnwachstums. Für Anlegerinnen und Anleger, die einen längeren Anlagehorizont haben oder die Volatilität managen können, ist die Aussicht auf eine gesunde Wirtschaft und steigende Unternehmensgewinne daher das Wichtigste. 

Trotz aller aktuellen Schlagzeilen ist die implizite Volatilität am US-Aktienmarkt im historischen Vergleich derzeit niedrig?

Das ist tatsächlich so, und auch die Kreditspreads sind im historischen Vergleich sehr eng. Eine solche Ausgangslage ermöglicht es Anlegern, sich effizient gegen Abwärtsrisiken abzusichern und gleichzeitig an den Gewinnen zu partizipieren.

Daher wird die Absicherung durch Volatilitätsprodukte bevorzugt?

Ja, das trifft zu. Anleger können sich nicht nur gegen Kursverluste absichern, sondern auch mit Call-Optionen Kursgewinne realisieren. Historisch gesehen ist die Volatilität sehr niedrig, weshalb Optionen attraktiv sind. 

Bleibt die Volatilität über längere Zeit tief?

Die Volatilität wird wahrscheinlich steigen, weil die Anleger zuversichtlich sind für das laufende Börsenjahr. Es ist ähnlich wie Ende der 1990er-Jahre. Da waren die Aktienmarktrenditen und die Bewertungen ebenfalls recht hoch, aber das Umfeld deutlich volatiler. Heute erleben wir einen rasanten technologischen Wandel, ein relativ unsicheres geopolitisches Umfeld, hohe Aktienbewertungen und eine starke Konzentration. All das deutet unserer Meinung nach auf eine höhere Volatilität hin. Trotz dieser Volatilität erwarten wir aber weiterhin positive Renditen.

Welchen Sektor im S&P erachten Sie als attraktiv?

Die Antwort hängt vom Anlagehorizont ab. Dieses Jahr empfehlen wir unter anderem, sich auf Konsumgüteraktien zu konzentrieren. 2025 war für die US-Verbraucher aufgrund der Zölle, der steigenden Arbeitslosigkeit und einer eher schwachen Stimmungslage sehr herausfordernd. Das Schlimmste bei den Zöllen dürfte nun hinter uns liegen, der Arbeitsmarkt scheint sich zu stabilisieren und das im vergangenen Juli in den USA verabschiedete Steuergesetz wird den Verbrauchern in den nächsten Monaten in Form von Steuerrückerstattungen zugutekommen.

Ben Snider ist Seniorstratege im US-Portfoliostrategie-Makroteam, das für S&P-500-Prognosen und thematische Anlageempfehlungen für den US-Aktienmarkt verantwortlich ist. Er begann seine Karriere bei Goldman Sachs 2010 als Analyst und wurde 2017 zum Managing Director ernannt. Vor seinem Eintritt in das Unternehmen arbeitete Snider als Wirtschaftsberater für die Analysis Group. Ben hat einen Bachelor of Arts in Wirtschaftswissenschaften mit Auszeichnung von der Brandeis University.

Thomas Daniel Marti
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