Der Chef-Aktienstratege USA Mike Wilson von Morgan Stanley verwies auf mehrere Faktoren, die den S&P 500 von seinem jüngsten Rekordstand um rund 9 Prozent auf 7100 Punkte drücken könnten. Als Hauptgründe nannte er die Zwischenwahlen, Sorgen über die Ausgaben für künstliche Intelligenz und Liquiditätsengpässe.
Trotz der anhaltenden Unsicherheit über den Krieg im Iran bleibt Wilson allerdings optimistisch. Nach klärenden Ereignissen traut Wilson dem S&P 500 einen Anstieg auf 8000 Punkte zu. Die Ereignisse würden die Korrektur abschliessen. Nach seiner Ansicht läuft diese Korrektur bereits seit Monaten unter der Oberfläche des Marktes.
Wilson begann 1989 als Investmentbanker bei Morgan Stanley. Seit Februar 2017 amtiert er als Chefstratege für US-Aktien.
In einem Interview mit Bloomberg sprach er über aktuelle Risiken und Chancen an den Märkten.
Sie sprechen von mehreren klärenden Ereignissen. Diese könnten den Markt nach unten drücken, bevor er sich wieder erholt. Wie sehen Sie die Zwischenwahlen als klärendes Ereignis?
Mike Wilson: Zwischenwahlen bedeuten immer Gegenwind. Wir haben dazu eine Publikation erstellt. Die Tabelle darin zeigt: Nach den Zwischenwahlen geht es immer nach oben. Über sechs bis zwölf Monate hinweg ist die Bilanz makellos. Zwischen November und dem 31. Dezember ist die Entwicklung nicht immer positiv. Das Jahr 2018 war dafür ein gutes Beispiel. Diese Zwischenwahlen sind zudem speziell. Der Präsident kündigt Schritte für die Zeit danach an. Das ist typisch Trump: «Ich werde etwas Grosses tun, und niemand weiss, was es ist.» Dieser Unsicherheitsfaktor belastet die Stimmung.
Wie gross ist aus Ihrer Sicht die Gefahr durch einen von den Demokraten kontrollierten Kongress für KI-Aktien und den Gesamtmarkt? Würde ein möglicher Ausverkauf nach den Wahlen nur KI-Titel treffen oder den gesamten Markt mit nach unten reissen?
Das kommt nicht mehr überraschend. Die Märkte haben den Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus bereits eingepreist. Wahrscheinlich gewinnen sie nun auch den Senat, wenn auch nur knapp. Ein Verhältnis von 52 zu 48 ist im Markt eingepreist. Ein 55 zu 45 wohl eher nicht. Deutlichere Mehrheiten könnten tatsächlich für mehr Unruhe sorgen. Auf Ebene der Bundesstaaten und Gemeinden könnte das Entscheide erschweren. Der Bau von Rechenzentren würde mühsamer. Auch mehr Regulierung wäre denkbar. Es könnte Widerstand gegen Expansions- und Wachstumspläne geben. Genau dieses Wachstum bräuchten wir aber, um aus unserem Schuldenproblem herauszuwachsen. Hier könnte also ein Hindernis entstehen.Ich habe dazu noch eine andere These. Der Widerstand gegen Rechenzentren erreicht gerade seinen Höhepunkt. Das Thema ist politisch aufgeladen. Viele Kandidatinnen und Kandidaten politisieren nach dem Sankt-Florians-Prinzip: «Nicht vor meiner Haustür.» Sie sagen: «Wir wollen keine höhere Inflation in unserer Gemeinde. Ich beschütze euch.» Sobald sie gewählt sind, heisst es dann aber: «Wo bleibt mein Geld?»
Historisch betrachtet lag die Chance auf Kursgewinne in den sechs bis zwölf Monaten nach den Zwischenwahlen bei 100 Prozent. Sind Sie sich bei diesen 100 Prozent angesichts eines Krieges wie diesem wirklich sicher?
Ich bin mir nie bei etwas sicher. Die historische Bilanz ist aber sehr gut. Auch bei früheren Zwischenwahlen gab es schwere Krisen. Sie lösten sich schliesslich alle auf. Vielleicht geht es zuerst nach unten, bevor die Erholung einsetzt. Ich rechne aber fest mit mindestens sechs guten Monaten, vielleicht sogar zwölf. Nach den Wahlen wird es eine rasche Gegenbewegung nach oben geben.
Unternehmen wie Meta, SpaceX und nun auch Anthropic mit dem Börsengang haben viele neue Aktien ausgegeben. Macht Ihnen das hohe Emissionsvolumen Sorgen? Könnte das Angebot die Nachfrage übersteigen?
Noch nicht. Wir sehen zwar Neuemissionen bei Hyperscalern. Es fliesst aber auch viel Kapital in Firmenübernahmen, die nichts mit KI zu tun haben. Die Wirtschaft nimmt generell viel Kapital auf. Das nominale Bruttoinlandprodukt wächst derzeit schliesslich mit 7,5 Prozent. Die Realwirtschaft absorbiert zum ersten Mal seit Langem wieder richtig viel Kapital. Die Frage lautet: Wo stehen wir im aktuellen Zyklus der Kapitalbeschaffung? In diesem Jahr ist schon sehr viel passiert. Wir sind wohl schon ziemlich weit. In den nächsten 30 Tagen dürfte daher vorerst Schluss sein. Es folgt eine Pause.
Einige dieser Konzerne geben per saldo mehr Aktien aus, als sie zurückkaufen. Beunruhigt Sie das?
Sie kaufen weiterhin eigene Aktien zurück. Unter dem Strich verbrauchen sie nun aber Kapital. Sie geben diese Aktien jedoch nicht für Finanzakrobatik aus. Sie investieren das Geld direkt in ihr Geschäft. Es steckt also eine echte Wachstumskomponente dahinter. Die Zinsen sind in diesem Jahr vor allem gestiegen, weil die Wirtschaft so stark wächst. Das ist keine Konsensmeinung. Die meisten Menschen glauben, die Zinsen stiegen wegen der hohen Staatsverschuldung und der vielen Anleiheemissionen. Das spielt eine Rolle. Ein Grossteil dieser Schulden fliesst aber direkt zurück in die Realwirtschaft. Die Aktienmärkte haben damit kein Problem. Ihre Haltung lautet: Die Zinsen sind zwar höher, aber das Wachstum ist besser. Das nominale BIP wächst um 7 bis 8 Prozent. Die Renditen für zehnjährige Anleihen liegen bei 5 Prozent. Das geht in Ordnung. Allerdings gilt das nicht für alle. Genau deshalb sehen wir eine Umschichtung in Qualitätsaktien. Für Qualitätsunternehmen ist das Umfeld gut. Sie können unter diesen Bedingungen weiter wachsen. Für schwächere Small Caps ist die Lage schwierig. Sie können bei Finanzierungskosten von 8, 9 oder 10 Prozent kaum wirtschaften. Genau das müssen sie derzeit aber bezahlen. Wir sehen hier also eine K-förmige Spaltung – nicht nur bei den Konsumenten, sondern auch bei den Unternehmen.
Sehen Sie Parallelen zur Flut an Aktienemissionen während der Dotcom-Blase?
Ich war damals mittendrin und habe diese Deals selbst abgewickelt. Wir waren damals die grösste Tech-Investmentbank an der Wall Street. Es kommt darauf an. Der Markt entscheidet. Derzeit finanziert der Markt diese Pläne. Die Transaktionen laufen glänzend. Anleiheemissionen über Nacht? Zack, 40 Milliarden Dollar. Im Moment funktioniert das gut. Das kann sich ändern. Auch der Preis spielt eine Rolle. Die Kreditaufschläge weiten sich aus. Schwächere Marktteilnehmer müssen höhere Zinsen zahlen. Viele verzichten dann auf das Geschäft. Es lohnt sich für sie schlicht nicht mehr. Es gibt also natürliche Bremsen im Markt. In 30 Tagen werde ich ein besseres Gefühl dazu haben. Für Anleiheinvestoren gibt es heute zwei entscheidende Unterschiede. Erstens erzielte die US-Regierung Ende der 1990er-Jahre Haushaltsüberschüsse. Das ist heute nicht der Fall. Es herrscht ein scharfer Wettbewerb um Kapital. Der Staat hat zwar Spielraum. Er kann kurzfristige Schulden machen und diverse Kniffe anwenden. Dieser Wettbewerb um Kapital bleibt jedoch ein Belastungsfaktor. Zweitens sind die Realrenditen heute so attraktiv wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Anleger schwanken daher zwischen Anleihen und Aktien. Ziert sich der Aktienmarkt und weigert sich, weiteres Eigenkapital bereitzustellen, fallen die Aktienkurse. Das Top-Management reagiert dann sofort und weicht auf den Kreditmarkt aus. Auf Käuferseite gibt es einen riesigen Appetit auf Renditen von 7 bis 8 Prozent bei diesen Firmen. Die Konzerne wechseln flexibel zwischen Fremd- und Eigenkapital. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Sie passen genau auf. Ist Fremdkapital gerade günstig, emittieren sie kurzerhand Anleihen für 40 Milliarden Dollar. Wird die Bilanzstruktur anschliessend zu einseitig, schieben sie wieder eine Kapitalerhöhung nach.
(Bloomberg/cash)

