Die Impfstoffbranche spürt imer mehr die Folgen eines grundlegenden Kurswechsels in der US-Gesundheitspolitik. Aus der seit Langem bekannten impfkritischen Rhetorik von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. sind ‌konkrete politische ‌Massnahmen geworden – mit spürbaren Auswirkungen auf Impfquoten, Investorenstimmung und die Geschäftsaussichten der Hersteller, wie 15 von Reuters befragte Investoren und Analysten sagen. Unter dem langjährigen Impfgegner Kennedy hat die Regierung von Präsident Donald Trump weitreichende Änderungen durchgesetzt. So strich sie im vergangenen Monat die langjährige Empfehlung, alle Kinder gegen Grippe, Hepatitis A und andere Krankheiten ​zu impfen. Zudem wurden allgemeine Covid-19-Impfempfehlungen für Schwangere und Kinder zurückgenommen.

«Impfstoffe werden unter der aktuellen Regierung kein Wachstumsfeld ‌sein», sagt Stephen Farrelly, Pharma- und Gesundheitsstratege bei ING. Die Branche könnte ‌bis mindestens 2028 unter Druck bleiben. Kennedy entliess auch ein Gremium unabhängiger Experten und ersetzte es durch Berater mit impfkritischer Haltung. Zudem liess er die Forschung zu der längst widerlegten These eines Zusammenhangs zwischen Impfungen und Autismus wieder aufnehmen und führte reduzierte Impfpläne für Kinder ein – ohne die bislang übliche breite Einbindung externer Fachgremien. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums erklärte, die Empfehlungen basierten auf den besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen und nicht auf Unternehmensinteressen.

An den Finanzmärkten war Kennedys ⁠Ernennung zunächst vor allem als politisches Risiko wahrgenommen worden. Themen wie Zölle und Preisdruck durch die Trump-Regierung standen im Vordergrund, Impfstofffragen spielten eine untergeordnete Rolle. Sanofi-Finanzchef François-Xavier Roger sprach im vergangenen Jahr noch von «etwas negativem Rauschen» rund um Impfstoffe. Inzwischen fürchten Investoren jedoch, dass die politischen Weichenstellungen nur schwer rückgängig zu machen sind – ​eine Sorge, die auch Experten im Gesundheitswesen teilen. Diese warnen vor vermeidbaren Erkrankungen und Todesfällen.

Pharmachefs schlagen Alarm

Die Folgen ‌der neuen Politik werden bereits sichtbar. So meldeten die Pharmakonzerne GSK und Sanofi im dritten ‍Quartal trotz einer schwereren Grippesaison geringere Umsätze mit Grippeimpfstoffen in den USA. Das australische Unternehmen CSL verschob im Oktober die Abspaltung seiner Impfstoffsparte und begründete dies mit «erhöhter Volatilität» und sinkenden US-Impfquoten. ​Führende Branchenvertreter äusserten sich zuletzt ungewöhnlich deutlich. Pfizer-Chef Albert Bourla sagte, er sei «ernsthaft frustriert». «Was hier geschieht, hat keinerlei wissenschaftliche Grundlage und dient nur einer politischen und impffeindlichen Agenda.» Auch Sanofi-Chef Paul Hudson kritisierte die «ganze Desinformation, die im Umlauf ist».

Langfristig bleiben die Aussichten für Impfstoffe zwar nach Einschätzung von Investoren grundsätzlich robust. Doch die Abhängigkeit ‌von politischen Entscheidungen hat zugenommen. «Erfolg oder Misserfolg hängen zunehmend von den Meinungen weniger Entscheidungsträger ⁠ab», sagt Bill Maughan, Analyst bei Clear Street. Analysten zufolge bevorzugen Investoren daher derzeit grosse, ‌breit aufgestellte Pharmakonzerne wie GSK, Sanofi, Pfizer und Merck. Kleinere, stark auf Impfstoffe fokussierte Firmen wie Moderna und Novavax seien hingegen grösseren Risiken ausgesetzt.

Einige Investoren rechnen jedoch mit einer Erholung der Nachfrage ‍nach Impfstoffen. Ausbrüche wie steigende Masernfälle in South Carolina oder eine anhaltend schwere Grippesaison könnten die Impfbereitschaft wieder erhöhen. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC wurden in der laufenden Grippesaison 2025/26 bislang mindestens elf Millionen Erkrankungen und 5.000 Todesfälle registriert – fast doppelt so ​viele wie im Vorjahr. Zudem haben medizinische Fachverbände Klagen gegen Kennedys Massnahmen eingereicht. «Diese Unternehmen gibt es seit Jahrzehnten. Sie ‍investieren nicht auf einen Horizont von ein oder zwei Jahren», sagt Matthew Masucci, Analyst bei Callodine Capital. Kurzfristig bleibt die Lage jedoch angespannt. «Wenn die Nachfrage nicht mehr verlässlich ist, wird der Markt schlicht unattraktiver», urteilt Mawer-Analyst Ian Turnbull. 

(Reuters)