Die Valoren von Clariant ziehen am Freitag im frühen Handel um 3,1 Prozent auf 7,85 Franken an, während der Gesamtmarkt gemessen am Swiss Performance Index (SPI) um 0,1 Prozent anzieht. Seit Jahresbeginn notiert der Titel somit knapp 10 Prozent höher.
Auslöser für die Aufwärtsbewegung war die US-Investmentbank JPMorgan, welche das Rating von Clariant in einer Branchenstudie auf «Overweight» von «Neutral» hochstufte. Der zuständige Analyst senkte jedoch das Kursziel auf 9,30 von 9,50 Franken.
Der Experte von JPMorgan weist darauf hin, dass die Clariant-Aktie infolge des Nahostkonflikts an Wert verloren hatte. Gerade diese gesunkene Bewertung biete nun eine günstige Einstiegsgelegenheit in das qualitativ hochwertige Spezialchemieunternehmen. Das Kursziel wurde nach unten korrigiert, weil weiterhin mögliche finanzielle Risiken durch bestehende Rechtsstreitigkeiten in seine Prognosen einbezogen seien.
Gerade die rechtlichen Auseinandersetzungen in dem von der EU-Kommission im Jahr 2020 sanktionierten Kartell, bei dem Clariant und drei weitere Firmen illegale Preisabsprachen beim Einkauf von Ethylen vorgeworfen wurden, lasten weiter auf der Bewertung. Auf längere Zeit dürfte unklar bleiben, wie hoch die aus diversen Zivilklagen resultierenden, milliardenschweren Schadensersatzzahlungen von Clariant ausfallen dürften. Das Unternehmen wies bisher alle Forderungen zurück und verteidigt sich mit dem Argument, dass die damaligen Absprachen keine tatsächlichen Auswirkungen auf die Marktpreise gehabt hätten.
Nur kurzfristige Belebung der europäischen Chemieindustrie
Die europäische Chemieindustrie steckt seit Jahren in der Krise. Hohe Energiekosten, eine schwache Nachfrage und billige Konkurrenz aus Asien setzen der Branche zu. Doch ausgerechnet die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten verschaffen Europas Herstellern wegen der unterbrochenen Lieferketten nun etwas Luft. «Der Konflikt im Nahen Osten führt aus unserer Sicht für die europäische chemische Industrie zu temporär günstigeren Marktbedingungen», sagte Lanxess-Chef Matthias Zachert vor wenigen Tagen.
Eine langfristige Trendwende ist das aber nicht. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) sieht die Entwicklung daher nicht als Trendwende. «Ein paar gute Zahlen machen keinen Frühling», sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Grosse Entrup der Nachrichtenagentur Reuters vor Wochenfrist. Kurzfristig profitierten zwar einige Unternehmen von Lageraufstockungen und ausbleibenden Importen aus Asien. Andere beobachteten jedoch Zurückhaltung bei Bestellungen, weil Kunden angesichts der unsicheren Lage abwarteten. Die Stimmung in den Unternehmen sei nach wie vor schlecht. Daran änderte auch die aktuelle Atempause nichts, da die strukturellen Standortprobleme ungelöst blieben.
Diese Einschätzung sieht auch Branchenberater Stephan Struwe von der Managementberatung Oliver Wyman so. Er wertet die jüngste Belebung als reinen Sondereffekt. Die europäische Chemie profitiere derzeit lediglich von den geopolitischen Verwerfungen. «Vor allem im Bereich der Basischemikalien kann sich das schnell wieder umkehren, sobald die Lieferwege wieder sicher passierbar sind.» Die strukturellen Probleme der europäischen Chemieindustrie und auch die schwache Nachfrage blieben bestehen. Auch die Überkapazitäten in Asien würden nicht verschwinden. «Wenn sich also die geopolitische Lage normalisiert hat, wird dementsprechend auch der Preisdruck zurückkehren.»
Clariant-Chef Conrad Keijzer teilte diese ernüchternde Einschätzung. Sobald die Lieferketten wieder funktionierten und asiatische Konkurrenten wieder mit Rohstoffen versorgt würden, kehre die Branche zur alten Normalität zurück. «Es gibt hier keine strukturelle Veränderung», betonte der Manager. Europa werde aufgrund der hohen Energiekosten weiter im Nachteil sein.
Gemäss AWP-Analyser stufen drei Experten den Titel mit «Kaufen», zwölf mit «Halten» und zwei mit «Verkaufen» ein. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 8,56 Franken. Das prognostizierte KGV von 8,1 liegt 56 Prozent gemäss Daten von Bloomberg unter dem Branchendurchschnitt von 18,3.
(cash/Reuters)
