Zwar dominieren die Vereinigten Staaten weiterhin bei der Vermarktung, doch die Volksrepublik nimmt inzwischen mehr klinische Medikamentenstudien vor als ‌die ⁠USA und hat auch bei den Lieferketten die Führung übernommen. Das geht aus einer am Montag im kalifornischen ⁠San Diego vorgestellten Umfrage unter US-Führungskräften aus Industrie und Wissenschaft hervor.

«Die USA sind immer noch führend, aber das Vertrauen schwindet», sagte Seema Kumar, ‌Chefin des Forschungsunternehmens Cure, das die Daten auf der Jahreskonferenz der Branchenvereinigung ‌BIO präsentierte. Die meisten Befragten sähen China inzwischen ​als existenzielle Bedrohung.

Während die USA bei Technologietransfer, Kapital und Fachkräften vorn liegen, herrscht bei wissenschaftlichen Entdeckungen der Umfrage zufolge inzwischen ein Gleichstand zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt. Der Aufstieg Chinas ist rasant: Laut einer Studie der Georgetown University fiel der US-Anteil an frühen Medikamentenentwicklungen von 48 Prozent im Jahr 2015 auf rund 37 Prozent im ‌Jahr 2024. Im selben Zeitraum vervierfachte sich der chinesische Anteil von acht auf mehr als 32 Prozent.

Westliche Pharmakonzerne lizenzieren immer schneller chinesische Wirkstoffe. Dabei locken niedrige Kosten, schlanke Vorschriften und staatliche Subventionen. Die Unternehmen spekulieren darauf, sich ​mit Vorabzahlungen von teils nur 80 Millionen Dollar künftige Milliarden-Blockbuster zu sichern.

Diese Entwicklung ​hat die US-Regierung aufgeschreckt. Eine nationale Sicherheitskommission warnte im Dezember, China ​habe systematisch ein Ökosystem aufgebaut, das die US-Führungsrolle direkt herausfordere. Ende vergangenen Jahres unterzeichnete US-Präsident Donald Trump den sogenannten Biosecure Act, der ‌die Geschäfte von US-Bundesbehörden mit ausländischen Biotechfirmen einschränkt.

Dennoch bleibt der US-Markt der wichtigste Trumpf der Amerikaner: «China hat die Geschwindigkeit, die Grösse, die Produktion und die Entwicklung», erklärte Kumar. Die USA punkteten dagegen bei der wissenschaftlichen Qualität und hätten Zugang ​zum ​lukrativsten Gesundheitsmarkt der Welt. «Die Vermarktung ist die grösste Stärke ⁠Amerikas. Der Käufer sitzt in den USA.»

Nach Daten des Marktforschers Iqvia ​entfielen 2025 rund 53 Prozent ⁠des weltweiten Pharmamarktes auf die USA, während Europa stabil bei 24 Prozent lag. Paradoxerweise sehen die US-Führungskräfte die ‌grösste Gefahr für ihre Branche jedoch nicht in Fernost, sondern im eigenen Land. Die drohenden Kürzungen bei der US-Forschungsfinanzierung bereiten den Befragten die grössten Sorgen. Die USA hätten zwar alle nötigen Voraussetzungen, ‌doch die Art der Finanzierung müsse sich ändern, mahnte Kumar. Sie forderte ​gesicherte Mittel für die nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) und eine Modernisierung der Infrastruktur für klinische Entwicklungen. Diese sei seit der Verabschiedung des sogenannten Bayh-Dole-Gesetzes vor fast 50 Jahren nicht mehr grundlegend überarbeitet worden.

(Reuters)