Vögele-Chef: «Wir könnten alleine überleben»

CEO Markus Voegeli spricht im cash-Interview über die Aufgabe der Marke Charles Vögele und die Details der Übernahme. Auch kommentiert er den drohenden Stellenabbau und die persönlichen Higlights während seiner Amtszeit.
24.10.2016 00:05
Interview: Pascal Züger, Pfäffikon SZ
Markus Voegeli, CEO und CFO von Charles Vögele.
Bild: cash

Das 1955 von Charles Vögele und seiner Frau Agnes gegründete Mode-Einzelhandelsunternehmen mit Sitz in Pfäffikon SZ schreibt seit 2011 rote Zahlen. In dieser Zeit fiel die Aktie von knapp 70 Franken im Mai 2011 auf aktuell 6,34 Franken (Stand 21.10.2016). Am 19. September 2016 hat nun die italienische Investorengruppe Sempione Retail AG – unter anderem bestehend aus dem italienischen Modekonzern OVS – ein öffentliches Kaufangebot von 6,38 Franken je Aktie abgegeben. Der Verwaltungsrat von Charles Vögele empfiehlt einstimmig, dieses Angebot anzunehmen.

CEO Markus Voegeli ist überzeugt, dass die gewählte Option – nämlich ein Zusammenschluss mit einem starken Moderetailer – von allen bestehenden die strategisch beste ist. Er glaubt aber auch daran, dass Vögele alleine hätte überleben können, wie er im Gespräch mit cash sagt.

cash: Nach über 70-jährigem Bestehen wird es Charles Vögele bald nicht mehr geben. Was überwiegt: die Trauer, dass diese Marke verschwindet, oder die Freude, dass nach schwierigen Jahren eine Lösung gefunden wurde?

Markus Voegeli: Ich habe ein weinendes und ein lachendes Auge. Natürlich verschwindet die Marke, aber für mich hat das Wohl des Unternehmens beziehungsweise der ganzen Belegschaft immer die höchste Priorität gehabt. Unter diesem Aspekt bin ich froh, dass wir eine gute Lösung mit einem starken Partner, der italienischen OVS, gefunden haben. Schlussendlich überwiegt also die Freude.

Wie sieht der Fahrplan der Übernahme durch Sempione Retail, welche zu 35 Prozent OVS gehört, aus?

Seit dem 20. Oktober befinden wir uns in einer vierwöchigen Angebotsfrist. Wird die Andienungsquote von 70 Prozent der Aktien erreicht und auch die anderen Angebotsbedingungen erfüllt, dann ist die Übernahme erfolgreich. Sempione kann diese Bedingung auch jederzeit aufheben. Vor Ende Jahr soll dann das Ganze abgeschlossen werden. Nach Vollzug plant Sempione, die Aktie von Charles Vögele an der Schweizer Börse zu dekotieren.

Und wie geht es weiter, wenn die Übernahme im Trockenen ist?

Nach erfolgter Akquisition sitzen wir mit den Vertretern von Sempione Retail zusammen und planen das weitere Vorgehen. Für unsere Kunden wird es Charles Vögele noch für den Grossteil des nächsten Jahres geben. Die Frühling- und Sommerkollektion ist bereits eingekauft. Im Laufe des Jahres 2017 wird dann aber die Umstellung zu einem OVS-Auftritt kommen. Wann genau welche Filiale umgestellt wird, steht noch nicht fest. Der Schweizer Hauptsitz wird zunächst in Pfäffikon bleiben.

Der Verkaufspreis von 6,38 Franken pro Aktie gilt als eher tief. Wäre da nicht mehr drin gelegen?

Tief ist immer relativ. In Anbetracht der Herausforderungen der Textilbranche in der Schweiz und ganz Europa sind die 6,38 Franken ein vernünftiger Preis. Sie entsprechen mehr oder weniger dem Aktienkurs der letzten Monate. Es ist auch vernünftig, wenn man vergleicht, wo die Analysten uns sehen – nämlich deutlich tiefer. Auch das Beratungsunternehmen EY hat sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt und kommt zum Schluss, dass es sich um einen fairen Preis handelt.

Wie gross schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die Übernahme noch scheitern könnte?

Das hängt jetzt von den Aktionären ab. Das Angebot steht, wie bereits erwähnt, unter anderem unter der Bedingung einer Mindestandienungsquote von 70 Prozent am Ende der Hauptangebotsfrist (Anm. der Red.: die Hauptangebotsfrist endet voraussichtlich am 16. November 2016). Ich bin aber optimistisch, dass die Übernahme erfolgreich über die Bühne gehen wird.

Denken Sie, dass ein Gegenangebot von dritter Seite kommen wird?

Es besteht rechtlich natürlich die Möglichkeit, dass eine Konkurrenzofferte mit einem besseren Angebot als die 6,38 Franken pro Aktie eingereicht wird. Ich denke aber nicht, dass dies noch geschehen wird.

Welche Faktoren waren entscheidend, dass Vögele nicht mehr alleine bestehen konnte?

Charles Vögele könnte alleine überleben. Wir sind aber der Meinung, dass es für ein mittelgrosses Unternehmen wie Vögele im europäischen Umfeld zunehmend schwieriger geworden wäre. Viele andere Player sind den Herausforderungen mit Kostensenkungen oder Restrukturierungen des Filialnetzes entgegengetreten. Mit OVS haben wir eine starke Marke, die auch in der Schweiz Erfolg haben kann. Eine solche Lösung ist deutlich konstruktiver, als einfach Kosten zu senken.

Was macht denn ein Bestehen im Schweizer Markt so anspruchsvoll?

Der Schweizer Markt ist eine Insel bezüglich Preisniveau. Dadurch ist er für ausländische Retailketten äusserst lukrativ, was sehr viel Konkurrenzdruck erzeugt. Darüber hinaus wächst der Online-Markt enorm, auch mit reinen Online-Playern. Diese Akteure verdienen zwar kein Geld, dringen aber sehr aggressiv in den Markt ein und setzen heute in der Schweiz bereits einen dreistelligen Millionenbetrag um. Ausserdem hat der freigegebene Franken-Euro-Kurs den ganzen Preiskampf von Europa in die Schweiz getragen. Das erschwert das Bestehen für alle, nicht nur für uns.

Waren neben der Übernahme auch andere Optionen ein Thema?

Es ist eine Pflicht des Managements und des Verwaltungsrats, alle Optionen zur Sicherung der Zukunft des Unternehmens zu prüfen. Wir sind aber klar der Meinung, dass die gewählte Option – nämlich ein Zusammenschluss mit einem starken Moderetailer – von allen die strategisch beste ist.

Hätten Sie es bevorzugt, wenn Vögele in Schweizer Hände übergeben worden wäre?

Im Vordergrund steht das Wohle des Unternehmens, der Mitarbeiter und der Kunden. Und wenn für einen möglichst grossen Teil der Belegschaft eine positive Perspektive geboten werden kann und ich gleichzeitig auch das Vertrauen habe, dass es auch für die Kundschaft ein gutes Produkt geben wird, dann bin ich zufrieden. Ausserdem sind wir schlussendlich alle Europäer. Italien ist nicht weit von der Schweiz entfernt.

Wie geht es mit den über 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Vögele weiter?

Wir wollen möglichst vielen eine berufliche Perspektive bieten. Für einen Grossteil der Verkaufsmannschaft ist dies auch möglich. Wir hatten schliesslich kein Kostenproblem in unseren Verkaufsorganisationen, sondern eher ein Problem mit der Kostenstruktur der Zentrale beim Standort Schweiz. Wenn es einen Stellenabbau gibt, wird dies vor allem in den zentralen Funktionen in Pfäffikon passieren, nicht beim Verkaufspersonal.

Charles Vögele hat aktuell rund 760 Verkaufsniederlassungen in den folgenden Ländern: Schweiz, Deutschland, Niederlande, Belgien, Österreich, Slowenien und Ungarn. Der Hauptsitz der Charles Vögele Gruppe befindet sich in Pfäffikon SZ (Bild).

OVS, damals noch unter dem Namen Oviesse, hat es schon mal in der Schweiz versucht. Doch im Jahr 2004 zog man sich wegen enttäuschender Geschäftszahlen wieder zurück. Weshalb sollte es nun besser klappen?

OVS heute ist nicht mehr dieselbe Firma wie damals. Inzwischen nehmen sie zwei entscheidende Erfolgsfaktoren mit. Erstens sind sie mit über 1000 Läden erfolgreich in Italien verankert. Zweitens haben sie eine Geschichte erfolgreicher Akquisitionen hinter sich. OVS hat zum Beispiel Upim gekauft und erfolgreich in ihr Geschäftskonzept integriert.

Einer Ihrer Vorgänger als CEO, André Mäder, versuchte 2009 bis 2011 die Marke trendiger und cooler zu machen. Es wurden Stars wie Penélope Cruz und Til Schweiger als Markenbotschafter engagiert. War die Neuausrichtung im Nachhinein ein entscheidender Fehler?

André Mäder hat zu dieser Zeit mit viel Mut einen Strategiewechsel einzuleiten versucht. Es steht mir nicht an zu sagen, ob es falsch oder richtig war.

Aber wenn Sie das Ruder bereits früher in der Hand gehabt hätten, wäre es nie zu diesem Strategiewechsel gekommen?

Das ist reine Spekulation. Ich trat 2009 als Chief Financial Officer an und nahm dann auch diese Rolle wahr.

Mit Ihnen als CEO ab 2012 ging es danach schliesslich wieder zurück zum Vertrauten.

Wir haben sicher wieder das traditionelle, familiäre in den Vordergrund geschoben. Gleichzeitig aber in den letzten zwei Jahren auch sehr viel in einen neuen Auftritt investiert. Sowohl was die Kollektion anbelangt, als auch der Auftritt in den Läden. Wir haben viel weniger Ware, wir haben auch fast keine Altware mehr und einen deutlich moderneren Shop-Auftritt als noch vor ein paar Jahren. Es gab durchaus Anpassungen, einfach nicht einen Paukenschlag, wie ihn André Mäder damals versuchte.

Sie haben seit 2012 eine Doppelrolle als CEO und CFO inne. Für ein so grosses Unternehmen wie Charles Vögele eher eine spezielle Konstellation. Ist dies nicht eine enorme Belastung für Sie?

Langfristig ist es natürlich besser, wenn die beiden Posten durch unterschiedliche Personen besetzt werden. In jener Zeit, wo der Geldabfluss gestoppt werden sollte, wir zurück zu den Gewinnzahlen kommen wollten und die Refinanzierungsfragen sehr stark in Zentrum standen, half es aber, dass der CEO und CFO die gleiche Person waren.

Haben Sie in Ihrer Zeit bei Charles Vögele Fehler gemacht?

Fehler macht jeder, das ist meine Überzeugung. Ich erinnere mich aber natürlich lieber an das, was ich richtig gemacht habe.

Und was haben Sie denn richtig gemacht?

Das Loswerden des ganzen 'Altwarenklotzes', welchen wir jahrelang mit uns mitgeschleppt hatten, war sehr erfolgreich. Dann auch der rasche Rollout der Formatstrategie und sicherlich die zweifache Refinanzierung sehr hoher Beträge in einem schwierigen Umfeld. Ich hatte es geschafft, das Vertrauen der Banken zu gewinnen und zu behalten.

Sie standen immer wieder stark in der Kritik. Die Schweiz am Sonntag sprach davon, dass Sie vom Textilgeschäft keine Ahnung hätten. Wie sehr treffen Sie solche Unterstellungen?

In meiner Position muss man mit solcher Kritik umgehen können. Mich trifft Kritik am Unternehmen mehr als Kritik an mir selbst. Ich bin seit Mitte der 1990er-Jahre im Retail-Bereich unterwegs. Selbst als Ökonom habe ich in dieser Zeit einige Erfahrung im Retailgeschäft aufbauen können.

Wie wird es mit Ihnen weiter gehen?

Es ist noch zu früh, dazu etwas sagen zu können. Ich habe einen Vertrag bei Charles Vögele und werde alles daran setzen, dass es der Firma und den Mitarbeitenden möglichst gut geht. Was die Übernahme mittelfristig für meine Position bedeutet, wird sich weisen.

Im cash-Video-Interview sagt Markus Voegeli, wie seiner Meinung nach die Bevölkerung die Marke Charles Vögele in Erinnerung behalten wird, wie sich die Textilindustrie in der Schweiz verändert hat und was er vom "Showroom"-Konzept von Modeanbietern hält.

Markus Voegeli, geboren 1961, ist seit September 2012 CEO von Charles Vögele. Zunächst ad interim, seit Mitte August 2013 definitiv. Bereits seit Oktober 2009 hat der studierte Ökonom (lic. oec. publ.) das Amt als CFO inne und nimmt daher bei Charles Vögele eine Doppelrolle wahr. Von 2004 bis 2008 war er CFO der Valora Gruppe, von 2000 bis 2004 CFO und danach auch CEO des Start-Up Unternehmens Mediservice AG. Vor dieser Zeit war er während 13 Jahren in verschiedenen Gruppengesellschaften der Swissair, u.a. als Finanzchef der Nuance Global Traders in Australien und Asien, tätig.