Europas grösster Autobauer Volkswagen will mit dem elektrischen Polo seine Marktanteile gegen die Angreifer aus China verteidigen. Volkswagen-Markenchef Thomas Schäfer sprach am Mittwoch anlässlich des Produktionsstarts im spanischen Martorell von einem Meilenstein für das Unternehmen. Das Fahrzeug, das zusammen mit seinem Schwestermodell von Cupra gebaut wird, zeige, wie sich Volkswagen die Zukunft der Elektromobilität im Volumensegment vorstelle: «Weniger Komplexität, niedrigere Kosten und klarer Fokus auf die Kundenbedürfnisse.»
Konzernchef Oliver Blume sagte, sein Unternehmen investiere mehrere Milliarden Euro, um Spanien zu einem zentralen Knotenpunkt der Elektromobilität zu machen. Neben dem Werk in Martorell spielt dabei insbesondere die Batteriefertigung der Konzerntochter PowerCo in Sevilla eine Rolle. «Auch wenn sich der globale Wettbewerb verschärft, glauben wir an unseren Heimatmarkt Europa», sagte Blume. Er unterstrich das mit einer Forderung an die Politik: «Jetzt gilt es, diese Dynamik mit einer klaren »Made in Europe«-Strategie zu nutzen. Sie muss gleiche Wettbewerbsbedingungen gewährleisten und die industrielle Basis Europas stärken.»
Seit Ende April können Kunden den elektrischen Polo bestellen, allerdings noch nicht die Variante zum Preis von 25.000 Euro. Nach Einschätzung von Analysten hat Volkswagen mit dem Fahrzeug gute Chancen, von der derzeit hohen Nachfrage nach Elektroautos zu profitieren. Bernstein-Analyst Stephen Reitman sprach von einem grossen Schritt nach vorne für Volkswagen. «Dass das Auto erst jetzt produziert wird, zeigt, wie lange es dauert, bis Volkswagen ein Fahrzeug auf die Strasse bringt. Vor allem, wenn man es mit dem Tempo der chinesischen Hersteller vergleicht.»
Nachfrage nach Elektroautos derzeit hoch
Volkswagen spielt die derzeit hohe Nachfrage nach Elektroautos in die Hände. Die hohen Spritpreise wegen des Iran-Kriegs und die staatliche Förderung in Deutschland und anderen europäischen Ländern haben zuletzt den Absatz der Fahrzeuge angekurbelt. So ist in Deutschland inzwischen rund jeder vierte verkaufte Neuwagen ein Elektroauto, in der Europäischen Union insgesamt ist ihr Anteil auf rund ein Fünftel gestiegen. Derzeit profitierten davon aber vor allem die ausländischen Autobauer, weil diese im niedrigeren Preissegment mehr zu bieten hätten, sagte Constantin Gall, Branchenexperte bei der Unternehmensberatung EY.
Nach den Worten von VW-Markenchef Schäfer ist die Nachfrage nach Verkaufsstart besser als ursprünglich geplant. Bernstein-Experte Reitman sagte, entscheidend sei es nun, wie schnell Volkswagen die Polo-Variante für knapp 25.000 Euro auf den Markt bringe. Seit Ende April kann man den Polo bestellen, bislang allerdings nur in der Version für fast 34.000 Euro. «Zu diesem Preis ist das Absatzpotenzial begrenzt.»
Für Volkswagen spielt das Auto aus mehreren Gründen eine wichtige Rolle: Zum einen will der Konzern so den Absatz von Elektroautos ankurbeln, um die CO2-Flottengrenzwerte der Europäischen Union einzuhalten und kostspielige Strafzahlungen zu vermeiden. Mit dem Einsatz von Eisenphosphat-Batterien in der Einstiegsvariante dürfte es gelingen, das Fahrzeug einigermassen profitabel zu verkaufen, sagte Daniel Schwarz, Analyst beim Bankhaus Metzler.
Zum anderen hat Volkswagen für das Projekt die Kräfte seiner drei Volumenmarken Volkswagen, Seat/Cupra und Skoda gebündelt. Insgesamt vier Kleinwagen stammen aus dem Vorhaben, neben dem Polo der Cupra Raval, der etwas höhere VW ID.Cross und das Skoda-SUV Epiq. Die Federführung für das Projekt liegt bei Seat/Cupra, gebaut werden die Autos in Spanien. Insgesamt spare der Konzern so 600 Millionen Euro ein, sagte Markenchef Schäfer.
(Reuters)

