Die Aktie des Elektrokomponentenherstellers LEM ist momentan kaum zu halten. Am Mittwoch verbesserte sie sich um 5 Prozent, nachdem sie schon am Dienstag um rund 25 Prozent nach oben schoss. Grund dafür sind nicht einmal primär die an sich soliden, teilweise sogar unerwartet starken Geschäftszahlen, die das Management soeben präsentiert hatte. Die Avancen der LEM-Valoren wurden hingegen vorrangig von Übernahmefantasien getrieben.

Dass es in Richtung einer Übernahme gehen kann, hat das Unternehmen selbst angedeutet. Es habe die Aufmerksamkeit mehrerer interessierter Parteien auf sich gezogen; der Verwaltungsrat prüfe nun strategische Optionen, habe allerdings noch keinen Entscheid gefällt und könne nicht garantieren, dass es zu einer Transaktion kommen werde. «LEM scheint nun Übernahmekandidat zu sein», schrieb die Zürcher Kantonalbank (ZKB) dazu.

Der in Meyrin beheimatete Konzern passt denn auch gut in das Profil eines Übernahmekandidaten. Attraktiv sind Unternehmen, deren Aktie sich deutlich von den Höchstständen entfernt, dann gefangen und schliesslich wieder zu einem Aufstieg angesetzt haben. Diesem Schema folgen die LEM-Valoren beispielhaft.

 

«Für Finanzinvestoren interessante Firmen haben eine solide Bilanz, ein überzeugendes Geschäftsmodell sowie Bedarf an Kapitel für Investitionen. Typischerweise sind sie bei Investoren in Missgunst gefallen und darum tief bewertet», erklärt Damian Burkhardt, Leiter Aktien Schweiz von EFG, auf Anfrage von cash.ch

Oft sind solche Firmen also nicht an und für sich marod, sondern leiden anderweitig, etwa unter dem starken Franken, unter eine schwachen Weltkonjunktur oder unter der Billig-Konkurrenz aus China. So auch LEM: Die Verkäufe sind über die letzten Jahre hinweg geschrumpft, gerade in dem gemessen am Umsatz wichtigen chinesischen Markt; das Management hat inzwischen ein Kostensenkungsprogramm durchgeführt und so die operative Marge stabilisiert. Der Turnaround ist, wenn nicht vollkommen geschafft, so doch zumindest auf gutem Wege.

Polypeptide im Fokus von EQT

In den Fokus gerückt war auch der Pharmauftragsfertiger Polypeptide. Wie mit der Sache vertraute Personen im April sagten, seien die Investoren EQTKKR und Advent interessiert an einer Übernahme des Unternehmens aus Baar ZG. Vor wenigen Tagen berichtete Bloomberg nun, es gebe laut Insidern eine engere Auswahl von Bietern, darunter IDG Capital sowie wiederum EQT.

Über einen längeren Zeitraum betrachtet, sind die Aktien von Polypeptide deutlich zurückgefallen. Einst waren sie über 140 Franken wert; sie fielen dann auf deutlich unter 20 Franken zurück und stehen zurzeit bei 38 Franken. Zugleich hat sich das Unternehmen an den Markt für Abnehmprodukte angedockt, Produktionskapazitäten aufgebaut und zuletzt Gesamtjahreszahlen geliefert, die im Rahmen der Erwartungen lagen. 

PolyPeptide befinde sich noch im Turnaround, notierte die ZKB, als die Übernahmespekulationen im April aufgekommen waren - und führte aus: «Das Hochfahren auf volle Produktionskapazität birgt entsprechende Risiken.» Wie realistisch eine Übernahme ist, kann deshalb momentan nicht beurteilt werden. Nicht selten allerdings zieht sich die Abschluss einer solchen Transaktion hin, sodass die kommende Zeit Konkreteres bringen kann.

Vorerst will sich Polypeptide darauf fokussieren, Wert für Aktionäre, Kunden und andere Anspruchsgruppen zu schaffen, teilte die Führungscrew um CEO Juan Jose Gonzalez mit. Man sei gut aufgestellt, den Umsatz von 2023 bis 2028 zu verdoppeln und so die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

Aktien-Spezialist: «Im Software-Sektor dürfte die Konsolidierung voranschreiten»

Transaktionen sind auch in einem anderen Bereich gut vorstellbar: «Im Software-Sektor dürfte die Konsolidierung voranschreiten, da viele Firmen zwar ein solides Geschäftsmodell aufweisen, aber aufgrund des Aufstiegs von Künstlicher Intelligenz unter Druck geraten sind», sagt Burkhardt von EFG. Beispiele sind Softwareone und Temenos

Temenos wurde Ende April von der US-Bank JPMorgan als Top-Pick unter den europäischen Software-Unternehmen gesetzt. Der zuständige Analyst merkte unter anderem an, dass gerade Künstliche Intelligenz dem Unternehmen aus Grand-Lancy Wachstumchancen biete. Denn: Kosten und Komplexität sind bei der Einführung neuer Bankensoftware hoch. Dieser Flaschenhals dürfte nun aber durch KI gebrochen werden. Projekte, die Banken zuvor kaum rechtfertigen konnten, werden daher möglich und tragen so zusätzlich zum Geschäft von Temenos bei.

Schon Ende letzten Jahres hat die Privatbank Berenberg den IT-Dienstleister Softwareone als Übernahmekandidat in einem sich konsolidierenden Markt gesehen. Die Firma fokussiere sich ausschliesslich auf Cloud- und Software-Lösungen, deren Nachfrage weniger zyklisch beziehungsweise konjunkturabhängig sei als jene von Hardware-Lösungen. Daher sei Softwareone ein ideales Übernahmeziel für grössere IT-Systemintegratoren.

Im Frühjahr 2021 wurde die Aktie von Softwareone noch zu über 25 Franken gehandelt. Sie sank dann in den einstelligen Frankenbereich ab. Nach den Mitte Mai vorgestellten Erstquartalszahlen hatten sie wieder Auftrieb. Positiv war dabei neben dem Zahlenkranz insbesondere der angehobene Ausblick. Die neue Guidance 2026 sieht das Umsatzwachstum im mittleren bis hohen einstelligen, nicht mehr nur im mittleren einstelligen Prozentbereich.

Strom-Aktien für Käufe interessant

Unten den Titeln aus dem Energie- und Infrastruktursegment stechen zwei heraus: Landis+Gyr sowie R&S. Landis+Gyr ist laut Marktbeobachtern aufgrund der starken Free-Cash-Flow-Generierung und der guten Position im Smartmeter-Markt für Finanzinvestoren attraktiv. Zudem ist auch diese Aktie in genau jene Missgunst der Anleger gefallen, die als typisch für Übernahmeziele gilt. So notieren die Titel des Stromzähler-Anbieters momentan zur Hälfte des Wertes, den sie zum Jahreswechsel 2019/2020 hatten.

Ähnliches kann man von R&S behaupten. Dessen Management hatte im vergangenen Herbst die mittelfristige Prognose gesenkt und damit die Aktie weiter auf Talfahrt geschickt. Stand heute hat sie sich wieder erholt, steht bei 26 Franken aber noch immer deutlich unter dem Höchststand von 40 Franken im Sommer 2025. Derweil sind die Wachstumstreiber intakt, speziell die Dekarbonisierung und der Ausbau der Strominfrastruktur. Diese Trends weisen in die mittel- bis langfristige Zukunft, weshalb die Baselbieter für strategische Käufe durchaus attraktiv sein können.

Ein Fragezeichen zum Schluss

Aufwärtsdrall nach einer langen Kursschwäche hatten zuletzt auch die Valoren von AMS Osram. Anlass zu den Avancen gaben die unerwartet positiven Erstquartalszahlen. Stark entwickelt hat sich das Lampengeschäft, während das Halbleitergeschäft mehr oder weniger den Analystenerwartungen entsprach. Zudem konnte die Nettoverschuldung zurückgefahren werden. «Der Turnaround bei AMS Osram ist geschafft. Die Aktie hat darum einen gewaltigen Sprung gemacht», bestätigt Stephan Sola von Sola Capital, der das Unternehmen aus Premstätten (Ö) zu den Übernahmezielen am Schweizer Aktienmarkt zählt.

Sola sieht auch in Accelleron ein Unternehmen, das zwar keinen Turnaround durchlebt, das aber möglicherweise unter das Dach eines anderen Konzerns kommt. Passen würde dies unter strategischen Gesichtspunkten, da Accelleron mit seinen Technologien durchaus zukunftsträchtig unterwegs ist. Neben der Schifffahrt nimmt das in Baden ansässige Unternehmen mit Notstromlösungen am Boom der Rechenzentren teil.

Zudem: «Wenn die Ölpreise hoch bleiben, wird Accelleron noch weiter zulegen und zu einem Übernahmeziel», führt Sola weiter aus. Die Ölpreisentwicklung hängt derweil wesentlich von der Entwicklung im Nahen Osten ab. Ausserdem ist der Turboladerhersteller nach der Kursrally der letzten Monate und bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 41 kein Schnäppchen mehr.

Reto Zanettin
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