Das geht aus einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen hervor, die einhellig keine Änderungen bei der Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) erwarten. Als Gründe gelten unter anderem ein weiterhin starker Schweizer Franken, der die Auswirkungen des Energiepreisschocks infolge des US-Kriegs gegen Iran teilweise abfedert.
Die Inflation in der Schweiz lag im Mai bei 0,6 Prozent und damit klar innerhalb des SNB-Zielbands von 0 Prozent bis 2 Prozent. Dies ist bemerkenswert, da viele andere Volkswirtschaften – darunter die USA und der Euroraum – zuletzt deutlich stärkeren Inflationsdruck durch steigende Energiepreise verspürten.
SNB-Präsident Martin Schlegel betonte kürzlich, dass sich die mittelfristigen Inflationsaussichten «kaum verändert» hätten. Damit deutete er an, dass die SNB voraussichtlich nicht dem Kurs der Europäischen Zentralbank folgen wird, die zuletzt eine Zinserhöhung vorgenommen hatte.
In der Reuters-Umfrage vom 11. bis 15. Juni gingen alle 35 befragten Ökonomen davon aus, dass der Leitzins in dieser Woche bei 0 Prozent bleibt - dem aktuell weltweit niedrigsten Niveau. Auch unter den 28 Befragten mit Prognosen bis Ende 2026 rechnet niemand mit einer Zinsanhebung im laufenden Jahr. Lediglich vier Ökonomen halten Zinserhöhungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte im Jahr 2027 für möglich.
Inflation stabil – Franken bleibt zentraler Einflussfaktor
«Energiekomponenten haben die Gesamtinflation zwar gestützt, doch die Weitergabe der Energiepreise an den Konsumentenpreisindex hat sich abgeschwächt. Gleichzeitig wirkt der Schweizer Franken weiterhin dämpfend auf die Inflation», erklärte Chiara Angeloni, Europa-Ökonomin bei der Bank of America.
Vor diesem Hintergrund überwiegen für die SNB die gegenläufigen Effekte von Energiepreisen und Wechselkursentwicklung. Angesichts des ohnehin niedrigen Inflationsniveaus in der Schweiz sei der geldpolitische Druck deutlich geringer als bei vielen anderen Zentralbanken. Das Basisszenario der Bank of America bleibe daher unverändert: Die Nullzinspolitik dürfte bis mindestens Ende 2027 bestehen bleiben.
Die Umfrageergebnisse deuten zudem darauf hin, dass die Inflation in diesem und im kommenden Jahr im Durchschnitt bei 0,6 Prozent beziehungweise 0,7 Prozent liegen dürfte – ein weiterer Hinweis auf stabile geldpolitische Rahmenbedingungen.
Fokus auf den Franken statt auf Zinsschritte
Viele Ökonomen sehen die grösste Aufmerksamkeit der SNB derzeit beim Schweizer Franken, der seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro um rund 1,2 Prozent zugelegt hat.
«Mit dem Signal einer erhöhten Bereitschaft zur Intervention am Devisenmarkt im Zusammenhang mit den Spannungen im Nahen Osten hat die SNB deutlich gemacht, dass sie sich derzeit stärker auf die Entwicklung des Frankens konzentriert als auf den Energieschock selbst», sagte Alessandro Di Spirito, Zinsstratege bei Barclays.
Er erwartet zudem keine grundlegende Änderung der Kommunikation beim kommenden Treffen und sieht keinerlei Hinweise auf eine baldige Zinserhöhung.
Für die Schweizer Wirtschaft prognostiziert die Umfrage ein Wachstum von 1,0 Prozent für dieses Jahr sowie 1,4 Prozent für 2027 - leicht schwächer als noch im März erwartet.
(Reuters)
