Viele sprechen über das Investieren und meinen damit meist das Einkaufen am Aktienmarkt. Aber wie sieht es aus, wenn man aussteigen will? Wann verkauft man seine Aktien am besten? Gerade in unruhigen Marktphasen wie jetzt dürfte sich der eine Anleger oder die andere Investorin diese Fragen gestellt haben. Kurse schwanken, Schlagzeilen überschlagen sich und plötzlich wirkt Abwarten wie ein Risiko.
So viel schon mal vorweg: Den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Denn der Ausstieg hängt immer von der individuellen Situation ab. Wer für die Pensionierung spart, entscheidet anders als jemand mit einem konkreten Ziel, wie etwa einem Hauskauf. Auch veränderte Fundamentaldaten eines Unternehmens können einen Verkauf auslösen.
Doch im Kern verkaufen Anleger aus zwei Motiven: Entweder sie verkaufen mit Gewinn, also aus Stärke. Oder sie verkaufen mit Verlust, also aus Schwäche. In beiden Fällen gilt: Der Markt denkt voraus. Er preist Entwicklungen meist Monate im Voraus ein. Wer erst reagiert, wenn Probleme in den Nachrichten auftauchen, kommt oft zu spät.
cash.ch hat mögliche Gründe angeschaut, wann man seine Aktien verkaufen könnte.
Gewinne laufen lassen, aber nicht blind
Steigt eine Aktie kontinuierlich, gibt es selten einen Grund zu handeln. Viele Anleger machen genau hier ihren grössten Fehler: Sie verkaufen zu früh, weil ihnen der Kurs «zu hoch» erscheint. Doch starke Aktien bleiben oft länger stark, als man erwartet.
Es gibt jedoch Situationen, in denen ein Teilverkauf sinnvoll sein kann: Wenn ein Kurs begleitet von hohem Handelsvolumen plötzlich steil und schneller als zuvor ansteigt. Solche Bewegungen enden oft abrupt. In diesen Phasen lohnt es sich, einen Teil zu verkaufen und Gewinne zu sichern. Nicht alles, aber genug, um das Risiko zu senken.
Verluste begrenzen - konsequent handeln
Verluste zu realisieren tut weh. Trotzdem gibt es an der Börse Situationen, in denen ein Verkauf sich als richtig herausstellen kann.
Erstens: Wenn die ursprüngliche Idee nicht mehr funktioniert
Wer beim Kauf festhält, warum er investiert, kann später prüfen, ob diese Annahmen noch gelten. Schwächeres Wachstum oder ein bröckelnder Wettbewerbsvorteil sind klare Warnsignale. Entscheidend ist Ehrlichkeit. Wer sich selbst täuscht, hält zu lange an einem Titel fest, der dann Verluste mit sich bringt. Alexandra Janssen, CEO von Ecofin Portfolio Solutions, betont zudem: «Eine von Anfang an falsch gewählte Strategie kann einen Ausstieg rechtfertigen, etwa wenn das eingegangene Risiko die eigene Risikokapazität übersteigt.» In solchen Fällen sei ein schrittweises Vorgehen häufig sinnvoller als ein radikaler Schnitt, etwa durch Umschichtungen oder Absicherungen. Doch nicht immer liegt der Grund im Portfolio selbst: Einer der wenigen legitimen Gründe für einen Ausstieg ist laut Janssen eine grundlegend veränderte Lebenssituation.
Zweitens: Es gibt bessere Chancen
Kapital ist begrenzt. Wer es bindet, verzichtet also auf Alternativen. Eine Aktie kann im Plus und trotzdem eine schlechte Entscheidung sein, wenn andere Anlagen deutlich besser laufen. In solchen Fällen kann ein Umschichten sinnvoller sein als das Festhalten an einer Position, die zwar im Plus ist, aber relativ gesehen zurückbleibt.
Drittens: Der Markt sendet Signale
Ein klar gesetzter Stop-Loss hilft, Emotionen auszuschalten. Fällt eine Aktie unter diese zuvor gesetzte Marke, folgt der Verkauf automatisch. Wer keinen Stop-Loss setzt, kann sich ersatzweise an Trends orientieren: Bricht ein Kurs mit hohem Volumen unter wichtige Durchschnittslinien oder verharrt nach einer Rally seitwärts, steigt das Risiko einer schnellen Korrektur.
Market Timing: Eine teure Illusion
Viele Anleger glauben, sie könnten den perfekten Moment erwischen. Die Realität sieht aber anders aus. Selbst Profis scheitern daran. Studien zeigen: Wer nur die zehn besten Börsentage verpasst, halbiert langfristig seine Rendite. Wer die dreissig besten Tage verpasst, verliert den Grossteil seiner Gewinne. Das beobachtet auch Christian Gattiker, Chefstratege der Bank Julius Bär: «Emotionales Handeln kostet Rendite.» Viele Anleger verkauften in fallenden Märkten aus Angst und verpassten die anschliessende Erholung, andere klammerten sich zu lange an Gewinnerpositionen.
Das Entscheidende: Diese Tage lassen sich nicht vorhersagen. Sie treten oft genau dann auf, wenn die Stimmung am schlechtesten ist. Marktdaten zeigen denn auch ein Muster, das überrascht: Die besten Börsentage fallen häufig in Krisen oder unmittelbar danach. Das bedeutet: Genau dann, wenn viele verkaufen, entstehen die grössten Chancen.
Gute und schlechte Tage liegen oft direkt nebeneinander. Wer in einer Panikphase aussteigt, verpasst häufig die Erholung und steigt erst wieder ein, wenn sich die Lage beruhigt hat - und zwar zu höheren Kursen. So entsteht ein typisches Muster: unten verkaufen, oben zurückkaufen.
Entsprechend ist Gattikers Grundhaltung dazu klar: «Investiert sein ist die halbe Miete.» Langfristige Studien zeigten, dass Aktien über alle Anlageklassen hinweg die höchsten Kapitalgewinne lieferten - trotz teils dramatischer Einbrüche. Ein Teilausstieg sei nur dann angezeigt, wenn die Aktienallokation deutlich über den Zielwert der persönlichen Anlagepolitik gestiegen sei oder einzelne Positionen das Portfolio unverhältnismässig stark dominierten.
Buy and hold: Mit dem Alter verschiebt sich der Fokus
Langfristiges Investieren bleibt sinnvoll, auch im Alter. Doch die Prioritäten ändern sich. Wer kurz vor der Pensionierung steht, kann grosse Verluste nicht mehr einfach aussitzen. Deshalb sollte sich das Portfolio anpassen: weg von stark schwankenden Wachstumswerten, hin zu stabileren Anlagen.
Janssen betont den Zeithorizont als entscheidenden Faktor: Kommt es kurz vor der Pensionierung zu einem Markteinbruch, fehle die Zeit, die Erholung abzuwarten. Je kürzer und konkreter der Horizont, desto robuster müsse das Portfolio aufgestellt sein, das gelte nicht nur für die Pensionierung, sondern ebenso für einen Hauskauf oder andere konkrete Vorhaben.
Gattiker empfiehlt einen gleitenden Übergang: «Bereits fünf bis zehn Jahre vor der Pensionierung sollte man beginnen, defensive Positionen aufzubauen. Wer regelmässig Geld entnehmen muss, kann es sich nicht leisten, auf eine Kurserholung zu warten.»
Was die verbreitete Faustregel «100 minus Alter gleich Aktienquote» betrifft, sind sich beide einig: Sie taugt allenfalls als grobe Orientierung. Janssen hält sie für viel zu pauschal, sie ignoriere, wie viel Vermögen jemand habe, welche Einkünfte er beziehe und welche Risikobereitschaft er mitbringe. Viele ältere Menschen hätten zudem einen längeren Horizont als gedacht, weil sie bereits an Kinder und Enkel dächten. Gattiker ergänzt: Wer eine solide Rente beziehe und nicht auf sein Depot angewiesen sei, könne weiterhin aktienorientiert investieren. Wer hingegen hauptsächlich vom Vermögen lebe, müsse das Risiko deutlich reduzieren.
Demnach ist ein kompletter Ausstieg aus dem Aktienmarkt selten nötig. Sinnvoller ist es, den Aktienanteil schrittweise zu reduzieren. Eine weitere Möglichkeit ist ein Auszahlplan: Dabei verkauft man regelmässig kleine Teile des Portfolios, während der Rest investiert bleibt. Das Kapital arbeitet weiter, aber kontrollierter.
Schlussendlich endet erfolgreiches Investieren nicht mit dem Kauf. Ebenso entscheidend ist der Ausstieg. Wer versucht, den perfekten Moment zu treffen, verliert oft. Wer dagegen einem Plan folgt, trifft bessere Entscheidungen. Man verkauft nicht dann, wenn die Schlagzeilen laut sind, sondern wenn es die eigene Strategie verlangt.

