«Wir werden Preisstabilität in den USA gewährleisten», sagte der neue US-Notenbankchef Kevin Warsh am Mittwoch in einer Podiumsdiskussion auf dem EZB-Forum im portugiesischen Sintra: «Wenn ‌es in ⁠Privathaushalten, im Unternehmenssektor oder an den Finanzmärkten Leute gab, die glaubten, diese Zentralbank würde sich mit einem Inflationsziel von über zwei Prozent zufriedengeben – nun, ⁠dann dürften sie wohl enttäuscht worden sein.» Die Preise seien zu hoch. Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde sieht nach der jüngsten Zinserhöhung noch keinen Grund zur Entwarnung: Man werde ‌alles Notwendige unternehmen, um Preisstabilität zu erzielen, betonte die Französin.

Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt eine Inflationsrate von 2,0 ‌Prozent an, die sie als ideal für die Wirtschaft ansieht. Sie ​sieht sich mit einem noch immer kräftigen Preisauftrieb konfrontiert, der zuletzt aber deutlicher als erwartet nachliess. Waren und Dienstleistungen verteuerten sich im Euroraum im Juni nur noch um durchschnittlich 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Im Mai war die Inflationsrate im Zuge des vom Nahost-Krieg ausgelösten Energiepreisschocks noch auf 3,2 Prozent geklettert.

Mit der Entspannung in dem Konflikt sind die Ölpreise am Weltmarkt mittlerweile jedoch wieder auf das Vorkrisenniveau gesunken. Das hatte ‌bereits Auswirkungen auf das Verbrauchervertrauen jenseits des Atlantiks: Das von der US-Denkfabrik Conference Board ermittelte Barometer für die Konsumlaune stieg im Juni leicht. Hintergrund sei, dass die in den vergangenen Wochen gesunkenen Ölpreise die Inflationsängste der Konsumenten etwas linderten, teilten die Forscher mit. Die im Zuge des Iran-Krieges gestiegenen Energiepreise ​haben den Preisauftrieb in den Vereinigten Staaten angefacht. Die Verbraucherpreise stiegen im Mai um 4,2 Prozent.

Kein Fingerzeig zum weiteren Kurs

Warsh liess sich in Sintra nicht in die Karten blicken, wie es ​geldpolitisch in den USA weitergeht. Mit Blick auf die Ende des Monats anstehende Zinssitzung sagte er: «Wenn wir in diesen Raum gehen und die Tür schliessen, werden wir eine ‌gute Debatte führen – aber mehr kann ich Ihnen dazu im Moment nicht sagen.»

Zugleich betonte Warsh, die Notenbank entscheide unabhängig. Der neue Fed-Chef äusserte sich in Sintra auf der Podiumsdiskussion in illustrer Runde: Neben Lagarde waren auch der Chef der Bank of England, Andrew Bailey, sowie der Gouverneur der Bank ​of Canada, ​Tiff Macklem, mit von der Partie.

Alle drei waren Anfang des ⁠Jahres Unterzeichner einer Erklärung, in der führende Notenbanker der Welt dem damaligen Fed-Chef Jerome Powell ​in dessen Streit mit der ⁠Regierung von US-Präsident Donald Trump über die Unabhängigkeit der Zentralbank den Rücken stärkten. Dieses Thema rückte diese Woche wieder in die Schlagzeilen, als der ‌Oberste Gerichtshof der USA entschied, dass Fed-Direktorin Lisa Cook ihr Amt behalten darf. Trump hatte vergeblich versucht, sie zu feuern. Warsh betonte, die Notenbank halte sich an die Vorgaben des Verfassungsgerichts. Die Fed sei unabhängig. Die Zentralbank sei auf ihr Doppelmandat ‌fokussiert, Preisstabilität zu sichern und Vollbeschäftigung zu fördern: «Und wenn wir das tun, müssen wir uns nicht um ​Politik kümmern», fügte er hinzu. Powells achtjährige Amtszeit als Fed-Chef war am 15. Mai zu Ende gegangen. Warsh wurde am 22. Mai vereidigt. Powell entschied sich jedoch, weiterhin als Mitglied des Fed-Direktoriums im Amt zu bleiben. Er begründete diesen Schritt unter anderem mit anhaltenden Bedrohungen für die Unabhängigkeit der Fed.

(Reuters)