Der Goldpreis hat seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar fast 20 Prozent an Wert verloren. Dies kommt überraschend, weil die Strategen weiterhin steigende Goldpreise prognostizieren und das gelbe Edelmetall im Krisenfall eigentlich zulegen sollte.

Die steigenden Zinserwartungen sind der Hauptgrund für die rückläufigen Preise. Die Inflation hat sich seit Kriegsbeginn beschleunigt, womit sich die Argumente für eine Lockerung der Geldpolitik global abgeschwächt haben. Für die zweite Jahreshälfte stellten US-Ökonomen noch eine geldpolitische Lockerung in Sicht, die sich nunmehr in Luft aufgelöst hatte. Ebenso dürfte die Europäische Zentralbank die Füsse nicht stillhalten. Bis zum Jahresende sind in Europa bis zu drei Zinserhöhungen um je 0,25 Prozent auf 2,75 Prozent eingepreist.

Neben den hohen Realrenditen ist auch der nach wie vor starke Dollar ein Belastungsfaktor. Ferner kommt die aussergewöhnliche Rallye vom vergangenen Jahr hinzu. Entsprechend hoch ist die Konzentration unter Anlegerinnen und Anlegern, auch wenn gerade Investoren aus dem Nahen Osten ihre Goldbestände ausdünnten, um an Liquidität zu gelangen. 

Der Kursverfall spiegelt die gesamtwirtschaftlichen Folgen des Schocks wider und nicht etwa einen Verlust der Funktion des Goldes als sicherer Hafen, so die Experten von Jupiter Asset Management. Diese bleiben jedoch optimistisch. Dank ihrer Diversifikations- und Liquiditätsmerkmale hätten sich Gold und Silber in Zeiten von Marktvolatilität, geopolitischer Instabilität und wirtschaftlicher Unsicherheit als Wertspeicher bewährt. «Wir bleiben geduldig und optimistisch, da wir davon überzeugt sind, dass Gold und Silber sowie Gold- und Silberminenaktien eine wichtige Rolle in gut diversifizierten Anlageportfolios spielen», so der Vermögensverwalter Jupiter.

Höhere Ölpreise treiben die Inflation an, weshalb die Zentralbanken an einer restriktiveren Geldpolitik festhalten und den Dollar stärken. Das alles belaste den Goldpreis, erläutern die Ökonomen der ING Bank. Dieselbe Dynamik war schon 2022 nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zu beobachten. Nach einer anfänglichen Rallye geriet Gold unter Druck, da die inflationären Auswirkungen höherer Energiepreise die Renditen und den Dollar in die Höhe trieben. Dieselbe Dynamik hatte sich nun wiederholt, nur schneller.

Friedensgespräche unterstützen zwar eine Erholung der Goldnotierung im Mai, doch die Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran geraten immer mehr ins Stocken. Deshalb gab Gold einen Teil der Gewinne jüngst wieder ab. 

Zentralbanken bleiben eine tragende Säule des Marktes

Die Nachfrage der Zentralbanken stützt den Markt indessen weiterhin. Die chinesische Zentralbank nahm im April ihre Käufe wieder auf und stockte ihre Bestände um 8,1 Tonnen auf – den höchsten Wert seit Dezember 2024. Damit setzte sie ihre Kaufserie auf 15 Monate in Folge fort und erhöhte ihre Gesamtbestände auf rund 2305 Tonnen, erläutern die ING-Ökonomen.

Obwohl die Zentralbanken im März mit Nettoverkäufen von rund 30 Tonnen Gold zu Nettoverkäufern wurden, beliefen sich die Käufe im ersten Quartal laut Daten des World Gold Council dennoch auf insgesamt 27 Tonnen. Die Türkei führte die Verkäufe an und reduzierte ihre Bestände um 60 Tonnen, um die Devisenliquidität zu stützen. Ihre Nettoverkäufe im ersten Quartal beliefen sich damit auf 79 Tonnen. 

Im ersten Quartal stieg die Nachfrage der Zentralbanken im Vergleich zum Vorquartal um 17 Prozent, trotz gestiegener Verkäufe. Polen und Usbekistan führten die Käufe an. Die polnische Nationalbank war erneut der grösste Abnehmer und erhöhte ihre Goldreserven im Quartal um 31 Tonnen auf 582 Tonnen. Trotz Äusserungen von Gouverneur Adam Glapiński in den vergangenen Monaten über einen möglichen Verkauf von Gold scheint die Zentralbank weiterhin ihr Ziel von 700 Tonnen anzustreben.

Dies deutet auf einen sich verlangsamenden, aber weiterhin positiven Trend bei der Nachfrage der Zentralbanken hin, so die Experten der ING Bank. Die Diversifizierung der Reserven dürfte den Goldpreis deshalb mittelfristig stützen.

Für Goldinvestoren bleibt deshalb Geduld gefragt. Die grossen Investmentbanken rufen weiterhin Kursziele von 5000 und mehr Dollar auf. Aber ein rasanter Kursanstieg wie im vergangenen zweiten Halbjahr 2025 ist vorerst nicht zu erwarten. Damit sich das Aufwärtspotenzial entfalten kann, müsste die Lage im Nahen Osten abschliessend bereinigt sein. 

Thomas Daniel Marti
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