Wird in einem Pariser Café mit Karte bezahlt, laufen die notwendigen Transaktionen in Sekunden über ein Netzwerk von Banken und Zahlungsabwicklern – meist über Visa und Mastercard, die den Grossteil der europäischen Kredit- und Debitkartenzahlungen abwickeln. Diese Abhängigkeit gerät stärker in den Fokus, auch weil die USA ihre Finanzinfrastruktur zunehmend als geopolitisches Instrument begreifen. Europa verstärkt seine Bemühungen um Alternativen und warnt davor, dass der Kontinent zu viel Kontrolle über einen zentralen Teil seines Wirtschaftssystems abgegeben habe.
«Wir leben nicht mehr in einer stabilen und vorhersehbaren Welt», sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einer kürzlich in Paris abgehaltenen Konferenz zum Thema Zahlungen. Er verwies auf «extraterritoriale Entscheidungen, die die Landschaft drastisch verändern können». Die Beherrschung des Zahlungsverkehrs sei entscheidend für die wirtschaftliche Souveränität Europas.
Verwundbarkeit verringern
Die Sorge ist nicht neu. Als die Trump-Regierung 2018 aus dem Atomabkommen mit dem Iran ausstieg und erneut Sanktionen verhängte, zogen sich europäische Unternehmen aus dem Iran zurück. Sie hätten sonst den Zugang zum US-Markt und zum amerikanischen Finanzsystem riskiert. 2022 stellten Visa und Mastercard innerhalb weniger Tage nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ihre Dienste in Russland ein. Auch Swift, das in Belgien ansässige Nachrichten-Netzwerk für globale Überweisungen, das von den Zentralbanken der Gruppe der Zehn überwacht wird, kappte die Verbindungen.
Für einige Europäer sind diese Risiken nicht mehr abstrakt. Nicolas Guillou, ein französischer Richter am Internationalen Strafgerichtshof, wurde im vergangenen Jahr von alltäglichen Finanzaktivitäten ausgeschlossen, nachdem die USA Sanktionen gegen ihn verhängt hatten. Grund war seine Beteiligung an Haftbefehlen gegen Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und den ehemaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant. Er und seine Kollegen seien gezwungen gewesen, sich von Technologie abzukoppeln und «so zu leben, als wären wir in einer Zeitmaschine – zurück in die 90er», sagte Guillou. Sein Fall hat breite Aufmerksamkeit erregt.
Der Aufbau unabhängiger Systeme würde Europa nicht zwangsläufig vor solchen Massnahmen schützen – die Banken bleiben eng mit dem US-Finanzsystem verflochten. Er könnte jedoch alltägliche Verwundbarkeiten verringern und der Region mehr Kontrolle über sensible Daten geben. «Je stärker wir unsere Transaktionen über ihre Zahlungssysteme bündeln, desto mehr werden sie in der Lage sein, die globale Wirtschaft zu überwachen», sagte Cecilia Rikap, ausserordentliche Professorin für Wirtschaftswissenschaften am University College London, die sich auf digitale Souveränität und wirtschaftliche Abhängigkeit spezialisiert hat. «Das kann auch als Waffe eingesetzt werden.»
(Private) Alternativen
Diese Logik liegt teilweise dem Vorstoss der Europäischen Zentralbank für einen digitalen Euro zugrunde. Die EZB prüft eine eigene Digitalwährung seit 2020, um die Unabhängigkeit im Zahlungsverkehr zu stärken. Allerdings kommt das Projekt nur langsam voran, eine mögliche Einführung wird nicht vor 2029 erwartet.
In der Zwischenzeit treiben Finanzinstitute private Alternativen voran. Die European Payments Initiative, unterstützt von 16 regionalen Banken und Finanzdienstleistern, hat 2024 ihre digitale Geldbörse Wero für Peer-to-Peer-Zahlungen gestartet. Wero hat mehr als 53 Millionen Nutzer in Deutschland, Frankreich und Belgien gewonnen. Der Dienst ermöglicht sofortige Konto-zu-Konto-Zahlungen über Telefonnummer oder QR-Code. Er umgeht damit internationale Kartennetzwerke, während er sich als europäische Alternative zu Anbietern wie PayPal positioniert.
In Luxemburg und den Niederlanden wird der Dienst bald verfügbar sein, Zahlungen im stationären Handel sind für Ende 2026 geplant. Zudem arbeitet die Initiative mit Zahlungslösungen in Italien und Spanien sowie weiteren Ländern zusammen, um grenzüberschreitende Funktionen auszubauen. «In den nächsten drei bis vier Jahren ist es wahrscheinlich, dass Wero oder ähnliche Dienste den Europäern eine echte Alternative bieten werden», sagte Jean-Laurent Bonnafé, Vorstandschef von BNP Paribas, auf einer Veranstaltung in Paris im Mai. «Wir gewinnen Autonomie sowohl in Bezug auf Leistung als auch auf Preiswettbewerbsfähigkeit zurück.»
Ein früherer Versuch, eine gesamteuropäische Alternative aufzubauen – das Monnet-Projekt – scheiterte vor mehr als einem Jahrzehnt, weil sich die Banken nicht auf ein tragfähiges Modell einigen konnten. Auch die EPI selbst hat ihre Ambitionen für eine einheitliche Karte zurückgefahren. Ein Hindernis ist die Vielzahl nationaler Systeme, darunter Frankreichs Cartes Bancaires und Deutschlands Girocard. Sie funktionieren gut im Inland, aber nicht über Grenzen hinweg, sodass Verbraucher bei Einkäufen im Ausland weiterhin auf Visa oder Mastercard angewiesen sind. «Die Bausteine für echte Zahlungssouveränität fehlen nicht, aber sie sind seit langem fragmentiert», sagte Yves Tyrode, Chief Digital and Payments Officer bei Groupe BPCE, der zweitgrössten Bankengruppe Frankreichs.
Hinzu kommt, dass Zahlungssysteme starke Netzwerkeffekte aufweisen. Je mehr Händler eine Karte akzeptieren, desto wertvoller wird sie für Verbraucher. Visa und Mastercard haben ihre Netzwerke über Jahrzehnte aufgebaut und Milliarden in Infrastruktur, Betrugsprävention und Händlerbeziehungen in nahezu jedem Land der Welt investiert. «Man muss wirklich um eine Grössenordnung besser sein, um sie zu verdrängen», sagte Eric Grover, ein unabhängiger Zahlungsberater, der früher bei Visa tätig war. «Man kann nicht einfach sagen: ‘Ich bin 5 Prozent sicherer, 10 Prozent sicherer.’»
Anhaltendes Engagement
US-Zahlungsunternehmen nehmen den Wandel dennoch wahr. Mastercard-Vizechef Tim Murphy sagte, geopolitische Entwicklungen seien jahrzehntelang Rückenwind gewesen, doch inzwischen sei die Lage «deutlich gemischter». Visa-CEO Ryan McInerney räumte in einer Analystenkonferenz ein, dass in Europa und anderswo mehr Wettbewerb entstehen dürfte. Gleichzeitig kündigte das Unternehmen neue Investitionen auf dem Kontinent an, darunter ein Rechenzentrum in der Eurozone — ein Signal für das anhaltende Engagement im Markt. Laut der Researchfirma Datos Insights liefen 2025 77 Prozent des digitalen Zahlungsvolumens in Europa über Kartennetzwerke, die Mehrheit davon über Visa oder Mastercard.
Mehrere Länder, insbesondere in Asien, haben bereits Alternativen zu US-Zahlungsnetzwerken entwickelt. Diese basieren häufig auf nationalen «Super-Apps», die Zahlungen mit anderen Dienstleistungen kombinieren. Chinas Alipay ist das bekannteste Beispiel, mit weltweit akzeptierten QR-Code-Zahlungen. In Südostasien hat Grab Holdings ein ähnliches Modell in acht Ländern eingeführt.
Indien hat sein staatlich gefördertes Unified Payments Interface schnell skaliert. Es ermöglicht sofortige Bank-zu-Bank-Überweisungen und verarbeitet jeden Monat Milliarden Transaktionen. Saudi-Arabiens mada-Netzwerk ist zentral für den Übergang zu einer bargeldlosen Wirtschaft, und die Vereinigten Arabischen Emirate haben mit Jaywan ein eigenes Kartensystem neben internationalen Netzwerken eingeführt. Gleichzeitig entstehen Initiativen zur Verknüpfung nationaler Systeme über Grenzen hinweg, etwa Gespräche unter den BRICS-Staaten und ihren Partnern über ein gemeinsames Rahmenwerk für grenzüberschreitende Zahlungen in lokalen Währungen, um die Abhängigkeit von dollarbasierter Infrastruktur zu verringern.
Im Vereinigten Königreich gehören dazu neue, im Besitz von Banken befindliche Zahlungsinfrastrukturen sowie das Wachstum von «Pay by Bank»-Diensten. Diese ermöglichen es Händlern, Kartennetzwerke vollständig zu umgehen. Anbieter wie das in London ansässige Unternehmen TrueLayer arbeiten bereits mit Amazon.com, eBay und anderen grossen Einzelhändlern zusammen, um diese Optionen beim Bezahlvorgang anzubieten. «Solange unsere Wirtschaft auf Schienen läuft, die von zwei US-Unternehmen betrieben werden, Visa und Mastercard, haben wir keine echte Souveränität über unsere wirtschaftliche Infrastruktur», sagte TrueLayer-CEO Francesco Simoneschi.
Höhere Kosten und Vorschriften
Europäische Unternehmen, die einen Anteil am Zahlungsmarkt anstreben, könnten den Wettbewerb erhöhen und Kosten für Unternehmen und Verbraucher senken. Da Händler Visa und Mastercard kaum ablehnen können, ohne Umsätze zu verlieren, verschafft dies den Netzwerken die Möglichkeit, hohe Gebühren zu verlangen. «Europa braucht seine eigene Technologie, um nicht länger von der Preisgestaltung zweier unabhängiger amerikanischer Akteure abhängig zu sein», sagte Pierre Fersztand, Global Head of Cash Management, Payments, Trade Solutions and Factoring bei BNP.
Politische Entscheidungsträger befürchten zudem, dass digitale Zahlungen – einschliesslich an den Dollar gekoppelter Stablecoins, die Kunden die Nutzung von Kryptowährungen für Finanztransaktionen erleichtern – den Einfluss der USA auf eine neue Generation von Zahlungsinfrastruktur ausweiten könnten. Die Europäische Union versucht, diese Risiken durch strenge Vorschriften für Ausgabe und Nutzung von Stablecoins einzudämmen. Gleichzeitig planen einige europäische Banken, eurobasierte Varianten herauszugeben, um schneller konkurrierende Systeme aufzubauen.
Da viele dieser Alternativen noch Jahre von einer breiten Nutzung entfernt sind, muss Guillou improvisieren, um seinen Alltag zu bewältigen – er hat sich sogar ein Scheckbuch besorgt, eine Zahlungsmethode, die im täglichen Leben weitgehend verschwunden ist. Dennoch erkennt er eine Ironie: «Interessant ist am Ende, dass diese Sanktionen in Wirklichkeit vor allem amerikanischen Wirtschaftsakteuren schaden», sagte er. «Diejenigen, die Marktanteile verlieren werden wegen dem, was europäischen Bürgern wie mir passiert, sind Visa und Mastercard. Das ist das Paradox der US-Massnahmen – sie schiessen sich selbst ins Knie.»
(Bloomberg)

