Wer als Anleger nach sicheren Häfen fragt, wird höchstwahrscheinlich Gold als Antwort erhalten. Sie ist historisch betrachtet nicht falsch. Beispielsweise entwickelten sich der Goldpreis und der Swiss Performance Index (SPI) ab Mitte der 1980er-Jahre in manchen Phasen gegenläufig.

Die Beziehung war zwar nicht dauerhaft sehr stark ausgeprägt, der Tendenz nach galt aber oft: Gold stieg, wenn der SPI fiel, und Gold sank, wenn der SPI stieg. Technisch gesprochen heisst dies: Die Korrelation zwischen Gold und dem Schweizer Aktienmarkt war negativ. Laut Bloomberg-Daten betrug sie zum Beispiel minus 0,270 zwischen Ende 1989 und Ende 1991, minus 0,282 zwischen Ende 2001 und Ende 2003 sowie minus 0,368 zwischen Ende 2015 und Ende 2017.

Anleger konnten also Gold kaufen und es als Anker gegen sinkende Aktienkurse einsetzen. Diese Strategie geht momentan nicht mehr auf. Denn Gold und Aktien haben sich in den vergangenen Monaten - im Allgemeinen, nicht eins zu eins - in die jeweils gleiche Richtung entwickelt.

Zwischen Anfang Januar und Ende Februar legte Gold um 22 Prozent und der SPI 5,5 Prozent zu; seit Ende Februar und dem Ausbruch des Iran-Konflikts sank Gold um 12 Prozent, während der breite Schweizer Aktienmarkt um 6 Prozent fiel. Das Muster gilt auch für die Zeit von April 2024 bis Anfang April 2026, in der die Gold-Aktien-Korrelation 0,131 betragen hat.

An diesem Einhergehen von Aktien und dem Edelmetall wird sich vorerst kaum etwas ändern: «Die Korrelation zwischen Aktien und Gold wird kurzfristig positiv bleiben, sodass Gold nicht gegen Aktienkursrückgänge schützt», sagt Claudio Wewel, Stratege der Bank J. Safra Sarasin im Gespräch mit cash.ch.

Gründe für die positive Korrelation zwischen Aktien und Gold sind laut Wewel: Erstens, «die Volatilität an den Märkten wird erhöht bleiben, sodass sowohl Gold als auch Aktien an einigen Tagen negative Renditen sehen werden.» Zweitens, in Phasen hoher Unsicherheit und erhöhter Risiken würden sowohl Aktien als auch Gold verkauft - Aktien, weil die Anleger die Risiken meiden; Gold, weil die Anleger Liquidität suchen. «Letztlich aber entwickeln sich beide Assets gleichgerichtet nach unten.» Und drittens: Die Unsicherheit, ob die Zinsen nicht doch stärker steigen als bislang angenommen belaste Gold und Aktien zugleich, so der Experte.

Mittel- bis langfristig eignet sich Gold weiter als Sicherheitsanker gegen fallende Aktienkurse, wie Wewel ausführt. Über weit gefassten Zeiträume kann Gold also eher zur Diversifizierung einem Aktienportfolio beigemischt werden.

Gold dürfte wieder weiter steigen

Nach dem jüngsten Preisrückgang des gelben Edelmetalls geht die Bank J. Safra Sarasin von längerfristig wieder höheren Goldnotierungen aus. Ein Grund dafür liegt in den Zinsen. Diese dürften in den nächsten Monaten zwar erhöht bleiben, und zwar speziell den Vereinigten Staaten. Händler sehen die von der US-Notenbank (Fed) bestimmten Zinsen zumindest bis Ende Jahr zwischen 3,5 und 3,75 Prozent, dem schon geltenden Zielbereich der Fed.

Heikel wird die Lage für die amerikanischen Notenbanker, wenn die Energiepreise infolge des Iran-Konflikts derart steigen, dass sie zum einen die Konjunktur bremsen, zum anderen die Inflation antreiben - und somit eine Stagflation bewirken. «Kommt es zu Stagflation, ist die US-Notenbank Fed gefangen», sagt Claudio Wewel. 

Denn senke die Fed die Zinsen, begünstige sie die Inflation. Erhöhe sie die Zinsen, belaste sie den Arbeitsmarkt. Daher: «Wir gehen davon aus, dass die Fed die Zinsen vorerst auf dem aktuell erhöhten Niveau belassen wird.» Es werde aber der Punkt kommen, «ab dem sich die Wirtschaft so stark abgekühlt hat, dass auch die Inflation wieder sinkt. Dann wird die Fed die Zinsen senken», erklärt der Stratege von J. Safra Sarasin.

Tiefere Zinsen sind ein Treiber des Goldpreises. Denn das Edelmetall wirft keine Zinserträge ab, weshalb Anleger das Edelmetall bevorzugen, wenn zinstragende Vermögenswerte aufgrund fallender Raten geringere Renditen hergeben.

Auch von der Währungsseite her gibt es Signale, die für Gold sprechen. Der US-Dollar war seit dem Ausbruch des Iran-Konflikts gefragt, wie der über 4-prozentige Anstieg des Dollar-Index zeigt. Sofern sich Konfliktparteien auf eine Waffenruhe und die Öffnung der Strasse von Hormus einigen, ergebe sich jedoch ein Problem für den globalen Status des US-Dollars, heisst es im aktuellen Marktkommentar von J. Safra Sarasin.

In dem Problem für den Dollar zeichnet ein wiederum positives Szenario für den Goldpreis ab. Denn ein schwächerer Dollar vergünstigt das in der US-Valuta gehandelte Edelmetall für Investoren aus anderen Währungsräumen als den Vereinigten Staaten - und die höhere Nachfrage hievt den Goldpreis nach oben.

Reto Zanettin
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