cash.ch: Herr Hartmann, Samstagmorgen, US-israelischer Angriff auf den Iran, was war Ihr erster Gedanke?
Daniel Hartmann: «Ich war ehrlich gesagt einerseits überrascht über den Zeitpunkt. Andererseits hat vieles über kurz oder lang auf einen Militärschlag hingedeutet. Denn wer so viel Militär in einer Region zusammenzieht, nutzt es am Ende meist auch.
Es hiess, es liefen noch Verhandlungen zwischen Washington und Teheran. Und Donald Trump hat versprochen, sich aus Kriegen herauszuhalten. Warum jetzt doch?
Genau das hätte eigentlich noch für ein Abwarten gesprochen. Denn die Risiken sind bekannt, ein Regimewechsel gelingt selten. Zudem steht Trump vor den Midterm-Wahlen. Und nach den ersten Tagen zeigt sich, dass der Konflikt wohl nicht so schnell endet.
Das heisst, je näher die Midterm-Wahlen rücken, desto grösser der Druck, den Konflikt zu beenden. Könnte das die Kriegsdauer begrenzen?
Das ist durchaus möglich. Hinzu kommt: Der Iran ist militärisch schwächer, als man es vor Jahren noch angenommen hatte. Er hat zwar Raketen auf Israel geschossen, aber der Schaden blieb - wie bereits im 12-Tage-Krieg des vergangenen Jahres - begrenzt. Auch seine Verbündeten, die Hisbollah und Huthi-Milizen, sind geschwächt. Israel und die USA haben wohl spekuliert, dass nun trotz allem ein günstiger Zeitpunkt ist.
Ein Krieg gegen den Iran hat die Anleger seit Wochen latent beschäftigt. Dennoch haben die Aktienmärkte mit einem Tag Verzögerung reagiert: Erst am Dienstag kamen die grossen Abschläge, der SMI schloss 3,1 Prozent tiefer. Am Mittwoch notierten sie bereits wieder im Plus. Also doch keine Alarmstimmung?
Nein. Die Panikmache ist in solchen Situationen meist übertrieben. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder erlebt, dass Horrorszenarien an die Wand gemalt werden und am Ende deutlich weniger passiert als befürchtet. Solche Erschütterungen beruhigen sich an der Börse grösstenteils rasch wieder.
Sie denken etwa an den Golfkrieg oder die Terroranschläge vom 11. September 2001, die die US-Märkte hart trafen, während der Ukraine-Krieg bisher verhältnismässig gut verdaut wurde. Womit rechnen Sie beim Iran-Konflikt?
Die Aktienmärkte sind schnelllebig und reagieren auf tägliche Nachrichten. Wenn Szenarien wie eine Schliessung der Strasse von Hormus oder Angriffe auf saudische Ölanlagen in den Vordergrund rücken, schlägt sich das sofort nieder. Daher die stärkeren Verluste in Asien, das von diesen Lieferungen stärker abhängt als die USA. Doch sobald Trumps Ankündigung kam, Tanker militärisch zu begleiten, korrigierte der Ölpreis sofort nach unten und die Aktienmärkte erholten sich.
Das schlimmste Szenario wäre wohl ein Flächenbrand mit dauerhaft hohen Energiepreisen. Wie wahrscheinlich ist das?
Dass alle Länder der Region hineingezogen werden, die Energieversorgung zusammenbricht oder der Ölpreis dauerhaft über 100 Dollar steigt - das ist natürlich nicht ausgeschlossen, aber nicht das Hauptszenario. Doch das Problem ist, dass genau diese Extremszenarien die Schlagzeilen dominieren und das realistischere Szenario verdrängen. Ich gebe dem Negativszenario eines Flächenbrands wie auch dem Positivszenario eines Regimewechsels je etwa 10 Prozent Wahrscheinlichkeit. Das wahrscheinlichste Szenario ist ein begrenzter Konflikt, der in den nächsten Wochen abflaut.
Kurz vor dem Angriff war die Ausgangslage an den Märkten eigentlich gut. Was steht nun auf dem Spiel?
Das stimmt. Wir sind optimistisch ins Finanzjahr 2026 gestartet. In Europa zeichnete sich eine weitere Wachstumsbelebung ab, Deutschland profitierte Ende Jahr von einem Auftragsschub, das Fiskalpaket beginnt zu wirken. In den USA belebt der KI-Boom die Investitionen, in Asien treibt die Halbleiterindustrie das Wachstum. Und das Zollthema ist zusehends in den Hintergrund gerückt – besonders seit der Supreme Court Trumps Entscheidungsmacht bei Zöllen begrenzt hat. 2026 hat nach wie vor das Potenzial, ein gutes Aktienmarktjahr zu werden. Wie stark der Iran-Krieg belastet, ist noch zu früh zu sagen.
Bei geopolitischen Konflikten rücken immer wieder die Energiepreise in den Fokus. Der Ölpreis schoss nach dem Angriff um rund 20 Prozent hoch, pendelte sich aber wieder um die 80 Dollar ein. Wie lange muss er erhöht bleiben, um wirklich zu schaden?
Ein kurzfristiger Schock ist verkraftbar – wir sehen dann vielleicht im März eine etwas höhere Inflationsrate, danach folgt eine Gegenbewegung. Problematisch wird es erst, wenn der Ölpreis für mehrere Monate um 20 bis 30 Prozent höher liegt. Dann kostet das die Eurozone rund 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum. Unsere Berechnungen zeigen: Ein anhaltender Ölpreisanstieg von 30 Prozent könnte die Inflationsrate um rund 0,5 Prozentpunkte nach oben treiben.
Dazu kommt der Gaspreis. Der niederländische TTF-Future hat sich in wenigen Tagen von knapp 30 auf über 60 Euro pro Megawattstunde mehr als verdoppelt.
Sollte sich der Gaspreis dauerhaft auf diesem Niveau halten und gleichzeitig der Ölpreis zwischen 90 und 100 US-Dollar pendeln, könnte die Inflation in der Eurozone auf 3 Prozent steigen. Aber die entscheidende Frage ist, ob der Iran wirklich in der Lage ist, die Energieinfrastruktur der Region über Monate nachhaltig zu stören. Ich bezweifle das.
Wie meinen Sie das?
Weder die USA noch der Iran haben ein Interesse daran, dass dieser Krieg lange dauert. Die USA wegen der Midterms, der Iran und seine Verbündeten sind zu geschwächt, um längere militärische Gegenschläge durchzuführen oder die Strasse von Hormus zu lange zu blockieren. Auch der Iran will irgendwann wieder Öl verkaufen.
Die USA haben angekündigt, Tanker durch die Strasse von Hormus militärisch zu begleiten. Immerhin passieren rund 20 Prozent des weltweiten Öls und Gases diese Meerenge. Hilft das?
Das hat den Ölpreis bereits sofort gedrückt. Wenn Transporte gesichert und Versicherungen übernommen werden, sinkt das Risiko erheblich. Ausserdem unterstreicht dies, dass die USA ein grosses Interesse an freien Transportwegen und niedrigen Ölpreisen haben. Das grösste verbleibende Risiko wären iranische Raketenangriffe auf Produktionsstätten in Saudi-Arabien oder Kuwait. Aber dass der Iran einen massiven Raketenbeschuss über Wochen aufrechterhalten kann – das halte ich nicht für das Hauptszenario.
Was bedeuten die jüngsten Entwicklungen für die Notenbanken?
Die Notenbanken sind vorerst zum Abwarten verdammt. Es macht keinen Sinn, auf einen Angebotsschock mit Zinserhöhungen zu reagieren. Das würde ein konjunkturelles Umfeld, das durch den Ölpreis ohnehin Gegenwind erfährt, zusätzlich belasten. Solange die langfristigen Inflationserwartungen stabil bleiben, muss die Geldpolitik nicht reagieren. Die SNB ist dabei in einer etwas schwierigeren Lage: Der Franken als sicherer Hafen wertet auf, was den Exporteuren schadet. Aber auch sie wird zunächst abwarten. Die Schweiz ist zudem weniger stark auf Ölimporte angewiesen als andere Länder, weil sie auf grosse Kapazitäten bei der Wasserkraft zurückgreifen kann.
Dollar und Franken haben sich als sichere Häfen bewährt. Was passiert mit dem Euro?
Interessant ist, dass die jüngste Dollarschwäche, bedingt durch Zweifel an der US-Führungsrolle und die Zollthematik, durch diesen Konflikt vorerst unterbrochen wurde. Die USA haben ihre militärische Dominanz und ihre Stellung als Weltmacht demonstriert. Ferner bleibt der Franken einer der letzten wirklich sicheren Häfen. Sollte sich die Lage indes stabilisieren, könnte der Aufwertungsdruck wieder etwas nachlassen. Dann dürfte die Aufhellung des weltwirtschaftlichen Umfelds in den Vordergrund rücken.
Als weitere Krisenwährung gilt Gold, der Preis ist seit Ausbruch des Konflikts aber gefallen. Wie erklären Sie das?
Die jüngste Goldhausse hatte weniger mit geopolitischen Risiken zu tun als mit der Abkehr vom Dollar. Schwellenländer haben Gold als strukturelle Alternative zur Dollarhaltung aufgebaut. Wenn nun der Dollar wieder stärker wird, verliert Gold etwas Rückenwind. Das erklärt den scheinbaren Widerspruch: Gold fällt beziehungsweise zieht bestenfalls moderat an, obwohl Krieg herrscht.
«Kaufen, wenn die Kanonen donnern», lautet eine alte Börsenweisheit. Wann genau ist der richtige Zeitpunkt?
Nicht gleich zu Beginn. Man muss zuerst abschätzen können, wie lange die Kanonen donnern. Und das ist jetzt noch zu früh. Wenn erste Anzeichen für Verhandlungslösungen auftauchen, ist es jedoch meist schon zu spät.
Woran erkenne ich als Anlegerin, ob die Krise bereits eingepreist ist?
Unter anderem könnten zwei Indikatoren helfen: Erstens der VIX, das sogenannte Angstbarometer. Wenn er unter 20 fällt, ist das Schlimmste oft überstanden. Zweitens die Kreditmärkte: Der Spread bei europäischen High-Yield-Anleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen ist von 265 auf knapp 300 Basispunkte gesprungen. Wenn sich diese Spreads wieder einengen, ist das ein Beruhigungssignal. Und generell: Wenn die Nachrichtenlage sich nicht mehr verschlechtert und ein Gewöhnungseffekt einsetzt, dreht die Stimmung oft schnell.
Viele Privatanleger haben in den letzten Tagen gar nicht verkauft. War das die richtige Entscheidung?
Wahrscheinlich ja. Abwarten ist oft die beste Devise. Die Märkte mussten in den vergangenen zwei Wochen gleich drei Grossthemen verdauen: den Gerichtsentscheid zu den US-Zöllen, die KI-Debatte und jetzt den Iran-Krieg. Normalerweise hätte man dafür ein ganzes Jahr Zeit gehabt. Das erklärt die aussergewöhnliche Nervosität. Aber man sollte sich auch in Erinnerung rufen, wie resilient die Weltwirtschaft in den letzten Jahren war – trotz Zollchaos und geopolitischer Konflikte lief der Aktienmarkt 2025 gut. Das ist ein weiterer Grund, jetzt nicht in Panik zu verfallen.
Ihr Rat an Anlegerinnen und Anleger?
Einen Schritt zurücktreten und abwarten. Lieferkettenstörungen, Suezkanal-Sperrungen, Maduro-Entführung, geopolitische Eskalationen: Vieles, was in den letzten Jahren an den Märkten dramatisch aussah, hat sich als vorübergehend erwiesen. Die Weltwirtschaft ist erstaunlich resilient. Wer jetzt nicht ausgestiegen ist, liegt vermutlich richtig. Wer noch nicht investiert ist, wartet auf klarere Signale: VIX unter 20, rückläufige Credit Spreads, nachlassende Nachrichtendichte. Dann könnte der richtige Einstiegszeitpunkt kommen.
Dr. Daniel Hartmann ist seit 2017 Chefökonom des Investmentmanagers Bantleon in Zürich. Er ist verantwortlich für Finanzmarktprognosen bei Anleihen und Aktien sowie für die Analyse der globalen Konjunktur und Geldpolitik. Zuvor war er viele Jahre Senior Analyst Economic Research bei Bantleon.

