Fast zwei Monate nach Beginn des Konflikts im Iran erleben die globalen Aktienmärkte eine trotzige Rallye. Von den USA über Taiwan bis nach Südkorea hat sich eine Diskrepanz herausgebildet: Während die geopolitischen Spannungen weiterhin hoch sind, steigen die Aktienkurse wieder in Richtung ihrer Allzeithochs.

Nach einem anfänglichen Schock haben die Finanzmärkte den Konflikt weitgehend ausgeblendet und konzentrieren sich auf die Fundamentaldaten der Unternehmen, auch wenn die Ölpreise weiterhin auf hohem Niveau bleiben. Anleger strömen wieder in den Handel mit Aktien aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz und in Aktien aus Schwellenländern, was signalisiert, dass das Schlimmste der Volatilität nun hinter uns liegt. Der US-Dollar hat seine seit Beginn des Konflikts erzielten Gewinne größtenteils wieder abgegeben.

«Die Märkte wenden möglicherweise das 'Transitory‘-Prinzip auf eine Situation an, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg auf das System auswirken wird», sagte Magdalena Polan, Leiterin der EM-Makro-Analyse bei PGIM Fixed Income. «Die Anleger konzentrieren sich weiterhin auf die globale Liquidität und betrachten die Fundamentaldaten aus einer optimistischen Perspektive.»

Hier sind die fünf Gründe, warum es keine negativere Reaktion auf den geopolitischen Konflikt gab:

Höhepunkt der Unsicherheit

Analysten sagen, dass die Märkte das Worst-Case-Szenario bereits eingepreist haben und an einen möglichen Ausweg aus dem Konflikt glauben. Da Vertreter sowohl in Washington als auch in Teheran die Türen für Gespräche offen halten und eine verlängerte Waffenruhe erklärt wurde, sind die Märkte weiterhin zuversichtlich, dass eine Einigung erzielt wird. Mit anderen Worten: Während die geopolitischen Spannungen anhalten, wächst die Überzeugung, dass Diplomatie, und nicht ein vollständiger Zusammenbruch, das wahrscheinliche Endergebnis sein wird.

Die Mentalität des «Dip-Buying»

Schnell aufeinanderfolgende Schlagzeilen und die häufigen Kurswechsel von Präsident Donald Trump haben viele Anleger überrascht. Viele verweisen auf das «Ukraine-Kriegs-Szenario» von Anfang 2022, als sich ein anfänglicher Ausverkauf von Aktien und ein Anstieg der Rohstoffpreise bald wieder normalisierten. Jahrelange, von Schlagzeilen getriebene Volatilität und eine «Dip-Buying»-Mentalität haben die Zurückhaltung der Anleger, zu lange bärisch zu bleiben, weiter verstärkt.

Ölpolster

Der durch den Krieg verursachte Schock bei der Energieversorgung mag zwar die Öl- und Benzinpreise in die Höhe getrieben haben, doch abgesehen von akuten Engpässen in einigen Schwellenländern hat er noch nicht den von vielen befürchteten umfassenden wirtschaftlichen Stillstand ausgelöst. Rekordentnahmen aus strategischen Ölreserven, gewisse Reservekapazitäten bei den grossen Ölproduzenten und ein Nachfragerückgang haben die Auswirkungen bislang abgefedert. Lang anhaltende Störungen in der Strasse von Hormus könnten jedoch immer noch zu schwerwiegenderen wirtschaftlichen Folgen eskalieren.

Robuste Gewinne

Die Unternehmensgewinne haben den Märkten einen dringend benötigten Schub gegeben. Fast 80 Prozent der S&P-500-Unternehmen, die bislang ihre Ergebnisse für das erste Quartal gemeldet haben, haben laut Daten von Bloomberg die Gewinnschätzungen der Analysten übertroffen. Eine Reihe von Brokern hat das Gewinnwachstum für das Jahr bereits nach oben korrigiert, was Analysten dazu veranlasst hat, die Fundamentaldaten positiver einzuschätzen.

KI ist zurück

Technologieaktien waren die treibende Kraft hinter der Aktienrallye, da sich die Gewinne dank der soliden Nachfrage nach künstlicher Intelligenz trotz des Krieges als widerstandsfähig erwiesen haben. Am Donnerstag meldete SK Hynix einen fünffachen Anstieg des Quartalsgewinns, da der südkoreanische Speicherchip-Hersteller seine Pläne bekräftigte, die Ausgaben zu erhöhen. Dies folgt auf die Anhebung der Umsatzprognose für 2026 durch Taiwan Semiconductor Manufacturing sowie auf den achtfachen Anstieg des Quartalsgewinns bei Samsung Electronics. Analysten sagen, dass die bevorstehenden Gewinn- und Ausgabenpläne der Hyperscaler wichtige Katalysatoren für weiteres Aufwärtspotenzial sein werden.

(Bloomberg/cash)