Weltfinanzkrise  - Lehman-Absicherungsgeschäfte kommen nach 13 Jahren vor Gericht

Mehr als ein Jahrzehnt nach der Pleite der Lehman Brothers könnten Derivate, welche die Investmentbank vor Zahlungsausfällen bei Hypotheken schützen sollten, endlich ausgezahlt werden.
19.10.2021 05:46
Ein Bild für die Geschichtsbücher: Lehman-Brothers-Mitarbeiter packen in New York am 15. September 2008 ihre Sachen zusammen.
Ein Bild für die Geschichtsbücher: Lehman-Brothers-Mitarbeiter packen in New York am 15. September 2008 ihre Sachen zusammen.
Bild: imago images / ZUMA Press

Die Londoner Lehman-Tochter (LBIE) behauptet, eine Reihe von Kreditausfall-Swaps, die sie erworben hatte, seien 2009 falsch abgerechnet worden. Am Montag beginnt ein diesbezüglicher Prozess: Die Bondversicherungsfirma Assured Guaranty habe nicht Marktpreise zugrunde gelegt, sondern eine "Finanzalchemie". Assured schulde der LBIE mehr als 500 Millionen Dollar

Assured indessen steht auf dem Standpunkt, die Verträge bei der Abwicklung buchstabengetreu befolgt zu haben. Vielmehr sei es Lehman, die zahlen müsse. Die Bank schulde dem Bondversicherer nach ihrem Zusammenbruch 20,7 Millionen Dollar Stornogebühren.

Zusammenbruch vor 13 Jahren 

Dass es 13 Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers noch eine solche Kontroverse gibt, illustriert die Komplexität des Marktes für Kreditausfall-Swaps. Die 28 fraglichen Kontrakte, die an Bündel von US-amerikanischen und britischen Wohnhypotheken sowie an einige Unternehmenskredite gebunden waren, hatten einen Nennwert von 5,6 Milliarden Dollar. Bestimmte Eigenheiten dieser speziellen Swaps erschweren die Ermittlung des Abrechnungspreises.

"Immer dann, wenn die zugrunde liegenden Instrumente ungewöhnlich und illiquide sind, kann es zu dieser Art von Streitigkeiten kommen", erklärt John Williams, der bei der Kanzlei Milbank den Derivatebereich leitet. "Es kann sehr grosse Unterschiede geben zwischen dem, was der eine zum Wert eines Kontrakts annimmt und dem, was der andere glaubt."

Lehman als Käufer der Absicherung argumentiert, die Swaps hätten auf der Grundlage von Marktdaten abgerechnet werden müssen. Assured als Emittent legt dar, dies sei schwer zu bewerkstelligen gewesen, da es keinen Markt gegeben habe, auf den man die Bewertungen hätte stützen können. In einer für die Lehman-Positionen abgehaltenen Auktion habe sich kein Bieter gefunden. Daraufhin schätzte die Versicherungsgesellschaft die künftige Wertentwicklung der Wertpapiere, die den Geschäften zugrunde lagen.

Grosses Interesse

Das Ergebnis des Prozesses wird von Hedgefonds wie King Street Capital Management und Farallon Capital Management ebenso interessiert verfolgt wie von Kreditgebern wie der Deutsche Bank und Barclays. Sie warten auf ein Urteil des Londoner Berufungsgerichts, wo eine Entscheidung über Streitigkeiten zwischen den nachrangigen LBIE-Gläubigern zu grossen Gewinnen führen könnte. Ein Sprecher von Assured Guaranty lehnte eine Stellungnahme ab. 

PriceWaterhouseCoopers als Insolvenzverwalter wickelt seit 2008 den europäischen Zweig von Lehman ab und versucht, Barmittel für die Gläubiger der Bank zu beschaffen. LBIE zugesprochenes Geld würde über die Kapitalstruktur schliesslich an die Inhaber nachrangiger Lehman-Schuldtitel fliessen. Sie sind inzwischen grösstenteils im Besitz von Anlegern, die sich auf den Distressed-Bereich spezialisiert haben. Die Auszahlung für im Segment engagierte Fonds könnte sich drastisch verbessern.

(Bloomberg)