cash.ch: Herr Stucki, der Franken hat im langfristigen Trend aufgewertet, insbesondere zum Euro und zum Dollar. Geht es so weiter oder sehen Sie eine Trendumkehr?
Thomas Stucki: Eine Trendumkehr wird es nicht geben, solange die Inflationsdifferenz zwischen der Schweiz und den anderen grossen Währungsräumen so gross ist. Momentan liegt die Inflationsrate in der Schweiz ja gut 2 Prozent unter der Inflationsrate in den USA und in Deutschland. Das heisst, der Franken wird zum Dollar und zum Euro längerfristig rund 2 Prozent pro Jahr aufwerten.
Ausserdem gilt der Franken als sicherer Hafen...
Diese 'Safe-Haven'-Geschichte kommt hinzu. Immer, wenn irgendwo etwas passiert, das die Märkte bewegt, ist der Franken gefragt. Das ist die Staatsverschuldung in Italien, Frankreich und den USA. Doch es sind auch geopolitische Konflikte, beispielsweise im Nahen Osten. So erfährt der Franken stetig Schub und wertet auf.
Was bedeutet das für die Schweizerische Nationalbank (SNB)? Devisenmarktinterventionen oder den Schritt in die Negativzinsen?
Die SNB befindet sich in einer ungemütlichen Situation, viele Möglichkeiten hat sie nicht. Zinssenkungen sind ein ineffizientes Mittel gegen den starken Franken. Und wenn die SNB die Zinsen wegen des Frankens senken will, müsste sie auf minus 0,75 oder sogar minus 1 Prozent gehen. Die Kosten für die Wirtschaft oder auch für die Pensionskassen wären dann unverhältnismässig hoch.
Eingriffe am Devisenmarkt sind auch heikel?
Solche Interventionen sind ein gutes Werkzeug gegen kurzfristige, oft auch von Spekulationen getriebene Wechselkursausschläge. Eine systematische Währungspolitik wird aber nicht machbar sein. Zum einen möchte die SNB die USA nicht verärgern, was im laufenden Zollkonflikt schlecht ankommen würde. Zum anderen würden die Devisenreserven der SNB und mit diesen die Bilanz wieder so stark anschwellen wie in den Jahren 2015 bis 2021. Das kann nicht die Absicht der Nationalbank sein.
Für Anleger ist der starke Franken ein Hemmnis und bewegt sie oft zu einem starken Engagement im Heimmarkt. Denn in Dollar oder Euro erzielte Kursgewinne und Dividenden werden durch den starken und stärker werdenden Franken geschmälert. Wie können sich Investoren vor solchen Währungseffekten schützen?
Bei der St. Galler Kantonalbank sichern wir die Hälfte der US-Aktien und die Hälfte der europäischen Aktien über Devisentermingeschäfte gegen den starken Franken ab. Das hat verschiedene Aspekte: Die Absicherung kostet, dafür hat man weniger Schwankungen im Portfolio. Zudem ist der Franken typischerweise stark, wenn ausländische Aktien schwach sind. Insgesamt geht das gerade eben auf. Anderen institutionellen Investoren - Vermögensverwalter oder Pensionskassen - wird es gleich gehen.
Wie sieht es für Privatanleger aus?
Devisentermingeschäfte sind für Private meist schwierig. Man braucht ein gewisses Volumen und muss die Geschäfte immer wieder erneuern. Was ich jedenfalls sehe: Stark auf die Schweiz zugeschnittene Produkte in der Vermögensverwaltung sind in der Tat wegen des Frankens enorm beliebt. Durch den starken Fokus auf den Heimmarkt vergeben sich die Anleger aber Chancen. Denn beispielsweise spielt die Musik im Technologiesektor nicht in der Schweiz, sondern in den USA - wir haben hier keine Unternehmen wie Microsoft.
Was können ganz normale private Anleger also tun?
Sie sollten ein paar Dinge tun: Sie sollten sich bewusst sein, dass Nicht-Investieren auch ein Risiko ist und man sich den Währungen nie komplett entziehen kann. Sie sollten sich dann entscheiden, wo sie ihr Geld langfristig anlegen wollen - ein strategisches Vorgehen, das auch Risiken in Kauf nimmt, ist sinnvoll. Und die Anleger sollten sich überlegen, wo sie trotz der Währungseinflüsse gewinnbringend in Aktien investieren können. Hier ist wiederum der Technologiesektor ein gutes Beispiel. Er lief in den vergangenen Jahren so gut, dass allein die Kursgewinne die Dollarschwäche mehr als aufgewogen haben.
Sehen Sie Alternativen zu diesem Vorgehen?
Nun, es gibt auf Franken lautende ETF, also Exchange Traded Funds. Die darin enthaltene Währungsabsicherung kostet aber - wie viel, ist oft nicht ohne genaues Nachrechnen klar. So wird man nicht einfach auf die Gesamtkostenquote schauen können.
Von welcher Grössenordnung sprechen wir - 1, 2 oder mehr Prozent?
So viel wird es nicht sein. Der Punkt ist eher, dass die Kosten nicht immer transparent sind.
Inwiefern nicht?
Die effektiven Absicherungskosten, also die Zinsdifferenz, bezahlt man. Das ist logisch und richtig. Dazu kommen die Erträge des ETF-Anbieters. Natürlich wollen diese Anbieter nicht gratis arbeiten - völlig legitim, nur: Wie hoch ihre Erträge sind, ist von aussen häufig praktisch nicht nachvollziehbar. Das sollte man wissen, wenn man sich mit solchen Finanzprodukten befasst.
Man kann sich den Effekt des starken Frankens auch anders herum überlegen: Ein schwächer werdender Dollar beziehungsweise Euro bringt Vorteile für exportorientierte US- oder europäische Unternehmen. Wie relevant ist dieser Aspekt?
Das Argument trifft grundsätzlich zu und es wird zu Recht auch immer wieder vertreten. Nach dem Brexit ist das Pfund gegenüber dem Euro massiv unter Druck geraten. Zugleich hat der britische Aktienmarkt geboomt, die Unternehmen sind aufgrund der schwachen Heimwährung wettbewerbsfähiger geworden. Das gilt der Tendenz nach auch für US- und europäische Unternehmen. Doch die Schweiz ist als Markt für sie so klein, dass sie kaum von zunehmenden Exporten hierher ausgehen und profitieren.
Bei Investitionen in Aktien anderer Währungsräume hat man also verschiedene Effekte: Diversifikation, die Vorteile bringt; die Währungsrisiken, mit denen man entweder leben muss oder zu deren Absicherung man Aufwand und Kosten hat. Lohnt sich dieses Paket unter dem Strich erfahrungsgemäss?
Wer in den letzten Jahren nicht im Technologiesektor engagiert war, hatte keine Chance auf wirklich hohe Gewinne, die auch die Währungseffekte deutlich überwogen. So gesehen lohnt sich die globale Diversifizierung in Sektoren, die in der Schweiz nicht oder kaum vertreten sind. Sicher falsch ist es, die weltweite Diversifizierung aufzugeben, weil man das Währungsrisiko nicht tragen will.
Gerade zum Technologiesektor gibt es aber Sorgen, die Bewertung der Aktien sei sehr hoch und es bilde sich eine Blase. Das spricht nicht unbedingt für diese Industrie.
Künstliche Intelligenz wird nicht verschwinden. Die Technologie ist da und verbreitet sich immer weiter. Man muss unterscheiden. Dass manch ein Softwareunternehmen unter Druck steht, ist schon offensichtlich geworden. In die Infrastruktur, Stichwort Datenzentren, wird aber weiter sehr viel investiert, sodass dieser Bereich in den nächsten zwei bis drei Jahren weiter wachsen wird. Die Chancen für Anleger sind hier besser als im Softwarebereich.
Thomas Stucki ist Anlagechef der St.Galler Kantonalbank (SGKB). Er hat einen Abschluss mit Doktorat in Volkswirtschaft der Universität Bern und ist CFA Charterholder. Vor seiner Position bei der SGKB war er als Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank verantwortlich für die Verwaltung der Devisenreserven.

