Seit dem Start von ChatGPT im Jahr 2022, Claude Code im Jahr 2025 und jüngsten KI-Demonstrationen wie Sonys Tischtennis-Roboter hat es eine Reihe von «Glühbirnenmomenten» in der KI-Entwicklung gegeben. Das rasante Innovationstempo hat die Fantasie der Investoren befeuert. Seit 2022 sind die Bewertungen der «Magnificent Seven» um Billionen gestiegen, getragen von der Erwartung, dass KI eine wirtschaftliche Revolution auslöst.
Diese Markteuphorie könnte grundsätzlich berechtigt sein, was das transformative Potenzial von KI betrifft – aber das bedeutet nicht, dass die aktuellen Bewertungen von Nvidia, Microsoft, Meta und anderen zwangsläufig korrekt sind. Historisch gesehen führen grosse technologische Durchbrüche häufig zu spekulativen Übertreibungen: Eisenbahnen, Internet und andere Revolutionen lösten zunächst Manien und spätere Zusammenbrüche aus, bevor sich die Produktivitätsgewinne breit in der Wirtschaft durchsetzen konnten.
Es ist möglich, dass es diesmal anders ist. Nvidia hat nicht nur eine massive Kursrallye erlebt, sondern auch seine Gewinne deutlich gesteigert. Insgesamt wirken die Bewertungen der «Magnificent Seven» zudem weniger extrem als die der «Vier Reiter» der Dotcom-Blase kurz vor dem Jahr 2000. Trotzdem bleibt das Risiko einer KI-Blase real – möglicherweise als kollektive Fehleinschätzung.
Einzelne Marktbewegungen deuten bereits auf spekulative Übertreibung und Herdenverhalten hin, etwa starke Kursreaktionen auf fragwürdige Unternehmensmeldungen oder Rebrandings in Richtung «KI-Infrastruktur». Gleichzeitig sind die gesamtwirtschaftlichen Produktivitätseffekte bislang begrenzt sichtbar, obwohl Hyperscaler Hunderte Milliarden investieren. Die geringe Transparenz künftiger Gewinne verstärkt die Unsicherheit zusätzlich.
Was bei einem Platzen der Blase passieren würde
Die ersten Verlierer wären Aktionäre, Kreditgeber und Beschäftigte in KI-nahen Industrien wie Modelltraining, Chipproduktion und Rechenzentren. Doch die Effekte würden weit darüber hinausgehen.
Ein Vertrauensschock würde zunächst die US-Aktienmärkte treffen – in einem angenommenen Szenario fällt der S&P 500 um rund 20 Prozent. Die Unsicherheit belastet Konsum und Investitionen, während Kreditspreads steigen und sich die Finanzierungsbedingungen verschärfen. Insgesamt könnten die US-Investitionsausgaben um etwa 3 Prozent sinken, begleitet von geringeren Importen aus Taiwan und Südkorea. In den USA könnte dieser Doppel-Schock aus Aktiencrash und Investitionsrückgang eine Rezession auslösen. Das Wachstum würde laut Modell im Jahr 2027 um etwa 1,5 Prozentpunkte sinken, mit zwei Quartalen negativer Entwicklung.
In Taiwan und Südkorea, deren Wachstum stark von Halbleiterexporten abhängt, wäre der Effekt besonders ausgeprägt. Taiwan könnte einen BIP-Rückgang von rund 4 Prozent erleben, Südkorea über 2 Prozent. China und Europa wären weniger stark exponiert, würden aber ebenfalls leiden – vor allem durch schwächere US-Nachfrage und eine globale Verschlechterung der Stimmung. Weltweit würden die Kosten im ersten Jahr etwa 1,3 Prozent des BIP betragen, rund 1,6 Billionen US-Dollar – mehr als die gesamte Wirtschaftsleistung der Schweiz.
Sind die Bewertungen überzogen?
Die grossen Tech-Konzerne investieren derzeit massiv in KI-Infrastruktur. Damit sich diese Investitionen rechnen, müsste KI schnell breit eingeführt werden und Unternehmen müssten hohe Preissetzungsmacht entwickeln. Beides ist möglich, aber unsicher.
Viele Unternehmen befinden sich noch in Pilotphasen. Die Integration von KI ist kein einfacher Plug-and-Play-Prozess, sondern ähnelt einer umfassenden organisatorischen und technologischen Transformation über Jahre hinweg. Selbst dort, wo KI aktiv eingesetzt wird, sind die Produktivitätseffekte bislang uneinheitlich. Studien zeigen, dass die Mehrheit der Führungskräfte bisher keine messbaren Produktivitätsgewinne feststellen konnte.
Historisch benötigen technologische Durchbrüche oft deutlich länger, um gesamtwirtschaftlich wirksam zu werden, als Märkte erwarten. Dennoch preisen Investoren derzeit schnelle und starke Effekte ein. Gleichzeitig sinken die Kosten für hochentwickelte KI-Modelle stark, was auf intensiven Wettbewerb hindeutet. Open-Source-Modelle holen zudem schnell auf, wodurch die Preismacht proprietärer Anbieter unter Druck gerät.
Wie verwundbar ist das System?
Sollte die KI-Euphorie kippen, wäre der erste Übertragungskanal erneut der Aktienmarkt. Der Vermögensverlust würde den Konsum dämpfen, Unternehmen würden Einstellungen reduzieren, Arbeitslosigkeit würde steigen, und Investitionen würden einbrechen.
Zentralbanken würden vermutlich mit Zinssenkungen reagieren – etwa die Fed mehrfach –, doch der Schock ähnelte eher dem Platzen der Dotcom-Blase als der Finanzkrise 2008: eher ein Realwirtschafts- als ein Systemkrisenereignis.
Global würde der Rückgang der Halbleiternachfrage, schwächerer US-Konsum und sinkendes Vertrauen alle Regionen treffen, besonders Taiwan und Südkorea. Beide Volkswirtschaften sind stark von wenigen Schlüsselunternehmen in der Chipindustrie abhängig und daher besonders verletzlich gegenüber einem Nachfrageschock.
(gekürzte Fassung von Bloomberg)
