Ein möglicher vorzeitiger Abgang von EZB-Chefin Christine Lagarde löst erste Spekulationen über ihre Nachfolge aus. Sollte der Bericht der «Financial Times» (FT) zutreffen, wird sie noch vor den im Frühjahr 2027 anstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich ihren Posten als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) räumen. Sie wolle Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz die Gelegenheit geben, ‌eine neue Spitze ⁠für die Notenbank der 21 Euro-Staaten zu finden. Macron darf nach zwei Amtszeiten zwar nicht erneut antreten. Er könnte aber bei dem von der «FT» beschriebenen Szenario noch bei den politischen Absprachen ⁠in Europa über die Nachfolge Lagardes mitmischen. Ökonomen gehen davon aus, dass dabei auch Länderproporz eine Rolle spielen wird.

«Da Frankreich jetzt schon zweimal den Präsidenten gestellt hat, läuft es auf ein Rennen zwischen Spanien und Deutschland hinaus», ‌meint ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Die Bundesregierung legt sich mit Blick auf die Nachfolge Lagardes, deren Amtszeit regulär erst im Dezember 2027 ‌endet, nicht fest. Es sei «selbstverständlich denkbar», dass Deutschland für diese Position immer eine geeignete Kandidatin ​oder einen Kandidaten vorschlage. Kriterium für jeden Kandidaten müsse Stabilitätsorientierung sein, liess ein Regierungssprecher wissen.

Hier einige Namen, die als mögliche Nachfolger Lagardes gehandelt werden:

Pable Hernandes de Cos

Der Spanier ist Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel - eine Art Zentralbank der Zentralbanken. De Cos war zuvor als spanischer Zentralbankchef von 2018 bis 2024 auch Mitglied des EZB-Rats. Er verfügt somit über internationales Renommee und kennt die Abläufe in der Europäischen Zentralbank bestens. Spanien stellt allerdings derzeit mit Luis de Guindos noch den Vizechefposten der EZB. Dessen Amtszeit läuft im Mai aus. Mit dem kroatischen Notenbankchef ‌Boris Vujcic steht bereits ein Nachfolger fest, der als erster Osteuropäer einen der Schlüsselposten bei der Euro-Zentralbank einnehmen wird. Damit dürfte der EZB-Chefposten mit Blick auf den Länderproporz auch für einen Südeuropäer infrage kommen, wobei die Entscheidung letztlich in der Hand der EU-Staats- und Regierungschefs liegt.

Klaas Not

Der frühere niederländische Notenbankchef ist von Lagarde bereits im vorigen Jahr als ein geeigneter Kandidat für ihre reguläre ​Nachfolge ins Gespräch gebracht worden, wobei sie nach eigenem Bekunden damit keine Präferenz verbindet. Sie verwies auf den reichen Erfahrungsschatz des Notenbankers: ​Er habe «mehr als 5000 Tage» an der Spitze der niederländischen Notenbank gestanden und an mehr als 330 EZB-Ratssitzungen teilgenommen. Knot ​gilt als ein geldpolitischer Hardliner, der unter dem ehemaligen Chef Mario Draghi oft mit der lockeren Geldpolitik der EZB haderte.

Joachim Nagel

Der Bundesbankchef hat sich bislang nicht offen zu möglichen Ambitionen auf den Chefposten der EZB geäussert: «Grundsätzlich dürfte jeder ‌Notenbanker im EZB-Rat die Kompetenz zur Nachfolge für das Spitzenamt im Eurosystem haben. Und auch externe Kandidaturen mit anderen Profilen haben Chancen», sagte er im November dem «Spiegel». Nagel führt seit Januar 2022 die Bundesbank. Er wurde auf Vorschlag der SPD und mit Unterstützung der FDP in sein Amt berufen. Nagel ist wie Bundesfinanzminister Lars Klingbeil Sozialdemokrat. Bei Amtsantritt betonte er, sein Berufsprofil und nicht ​das Parteibuch ​seien ausschlaggebend für seinen Posten.

Jüngst sorgte ein Interview für Aufsehen, in dem er sich für ein ⁠europäisches Safe Asset aussprach - also eine hochliquide, europaweite und besonders ausfallsichere Form einer Anleihe. Der frühere Wirtschaftsweise Lars ​Feld geht davon aus, dass der Vorstoss auch ⁠im Zusammenhang mit einem möglichen Interesse Nagels an dem EZB-Top-Job steht. Dafür benötige er die Unterstützung Frankreichs, schrieb Feld jüngst in einer Kolumne im «Handelsblatt». Vor allem Macron dringt darauf, den Etat ‌der EU auch über die Aufnahme gemeinsamer Schulden der Mitgliedstaaten zu finanzieren. Bundeskanzler Merz hat einer generellen Gemeinschaftsfinanzierung der EU indes eine klare Absage erteilt.

Isabel Schnabel

Schnabel hat wissen lassen, dass sie für den EZB-Chefposten bereitstünde, sollte sie gefragt werden. Die Amtszeit der Dortmunder Ökonomin im EZB-Direktorium läuft bis Ende 2027. Doch dies ist genau ‌der Haken: Laut den Regularien dürfen Mandate von Direktoriumsmitgliedern nicht verlängert werden. Gegen eine Kandidatur spricht auch, dass Spitzenjobs in Europa oft ​unter Gesichtspunkten des Länderproporzes vergeben werden. Daher gilt es als unwahrscheinlich, dass ein deutscher Vertreter den EZB-Chefposten erhält, während mit Ursula von der Leyen eine Landsfrau in Brüssel die EU-Kommission führt. Ihre Amtszeit läuft noch bis 2029.

Bei der EZB wird Ende Mai 2027 allerdings der Posten von Chefökonom Philip Lane frei. Kandidaten im Rennen um den Chefposten, die letztlich leer ausgehen, könnten auch für diesen wichtigen Posten infrage ‌kommen.

(Reuters)