Ihre Besuche haben allerdings wenig mit der bayerischen Landeshauptstadt zu tun, sondern vielmehr mit den umliegenden Wiesen und Feldern. Im Mittelpunkt steht die schwierige Rettung der BayWa, eines mehr als 100 Jahre alten Konzerns, dessen Name eng mit der Landwirtschaft Bayerns verbunden ist. Das Unternehmen gehört Genossenschaften aus Bayern sowie Österreich und ist seit Langem eng mit den Landwirten verflochten, die teils Aktionäre und Kunden zugleich sind.

Die BayWa wurde 1923 gegründet, um ländliche Regionen mit Agrargütern zu versorgen und landwirtschaftliche Erzeugnisse zu vermarkten. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem der zehn grössten Agrarhändler der Welt und wurde so bekannt, dass es sogar in einem Lied zur Melodie der Bayernhymne satirisch verarbeitet wurde. Zum 100-jährigen Bestehen bezeichnete Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger die BayWa als «zweit wichtigste Institution auf dem Land neben der katholischen Kirche».

Trotz seiner Stellung als grösster Agrarhändler Deutschlands hielt das Unternehmen an seiner regionalen Präsenz fest. Es belieferte bayerische Landwirte weiterhin mit Saatgut und Dünger, vermarktete deren Erzeugnisse, reparierte Maschinen und beriet bei Anbaumethoden.

In den 2010er Jahren entfernte sich die Firma allerdings von ihren Wurzeln. Sie nahm umfangreiche günstige Kredite auf und expandierte in mehr als 50 Länder. Mit einer Reihe von Übernahmen weitete die BayWa ihr Geschäft über Getreide, Landtechnik und Baustoffe hinaus auf erneuerbare Energien in Texas und die Obstproduktion in Neuseeland aus. Dadurch stiegen die Verbindlichkeiten auf mehr als 10 Milliarden Euro, darunter fast 5 Milliarden Euro an Krediten führender deutscher Finanzinstitute wie der Deutschen Bank, der Commerzbank und DZ Bank.

«BayWa hat schlicht zu viele Schulden aufgenommen», sagte Daniela Bergdolt, eine Anwältin, die gemeinsam mit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz nach eigenen Angaben mit einer vierstelligen Zahl von Kleinaktionären des Unternehmens in Kontakt steht. Für Landwirte sei der Kauf von BayWa-Aktien naheliegend gewesen, weil sie das Geschäftsmodell kannten und die Beteiligung als sichere Anlage betrachteten.

«Niemand konnte sich vorstellen, dass das Unternehmen mit Krediten zur Finanzierung seines Auslandsgeschäfts ein derart grosses Risiko eingehen würde», ergänzte Bergdolt.

Der Zusammenbruch im Sommer 2024 erfolgte rasch. Weil BayWa keinen Zugang mehr zum kurzfristigen Fremdkapitalmarkt hatte, der die komplexen Geschäfte des Konzerns finanziert hatte, stand das Unternehmen plötzlich vor einem Berg fälliger Zahlungen. Banker übernahmen die Kontrolle und fanden ein lose zusammengefügtes Geflecht von Gesellschaften mit nur geringer Integration vor. In der Folge wurden Manager abgelöst, zudem rückte der Aufsichtsrat in den Fokus.

Mangels belastbarer öffentlicher Informationen gerieten zunächst auch Geschäftsbeziehungen ins Wanken. Rudolf Eisemann, ein Hopfenbauer, der Brauereien beliefert, verkaufte seine 300 BayWa-Aktien rasch mit Verlust. Martin Thum, ein bayerischer Landwirt, der Bullen hält sowie Raps und Weizen verkauft, hatte als die Finanzprobleme bekannt wurden bereits eine Lieferung an BayWa abgegeben. Mehrere Wochen lang wusste er nicht, ob er vollständig bezahlt werden würde.

Letztlich erfüllte BayWa den Vertrag. Thum arbeitet weiterhin mit dem Unternehmen zusammen, ist jedoch vorsichtiger geworden. «Früher war die BayWa immer ein sicherer Partner», sagte Thum. «Mittlerweile wägt man schon ab und fragt sich, ob nicht jemand anderes das gleiche Angebot macht.»

BayWa leitete nach dem Zusammenbruch eine umfassende Sanierung ein, um das Unternehmen zu retten. Nach Angaben einer Unternehmenssprecherin stellten Banken rund 1,3 Milliarden Euro an neuen Krediten bereit. Auch die Aktionäre schossen frisches Kapital ein. Restrukturierungsberater sind zwar normalerweise nicht für besondere Nachsicht bekannt, doch im Fall der BayWa berücksichtigten sie die Lage von Anlegern wie Eisemann, die zugleich Kunden des Unternehmens waren.

Statt die Kleinaktionäre – wie bei Sanierungen häufig üblich – vollständig zu verwässern und damit Reputationsschäden zu riskieren, erhielten sie die Möglichkeit, erneut in das Unternehmen zu investieren. So konnten sie ihre Beteiligungen behalten und auf eine mögliche Erholung setzen. Insgesamt steuerten sie mehr als 50 Millionen Euro bei.

Die Hoffnung auf einen raschen Aufwärtstrend verflog jedoch bald. Bereits ein Jahr nach Beginn der Sanierung verfehlte die BayWa ihre eigenen Prognosen, sodass die Beteiligten erneut an den Verhandlungstisch zurückkehren mussten.

Eine Sprecherin der BayWa wollte sich über die öffentlichen Erklärungen hinaus nicht äussern.

Ende Juni nun einigten sich die Beteiligten auf die Grundzüge einer neuen Restrukturierung. Bis zum Herbst soll ein vollständiger Plan ausgearbeitet werden. Doch das Schicksal der Kleinaktionäre ist nur eine von vielen offenen Fragen der zweiten Sanierung, zudem muss das Unternehmen rund 300 Gläubiger überzeugen. Und schon wenige Gegner könnten den Plan scheitern lassen.

Selbst bei einer Einigung bleibt erhebliche Unsicherheit darüber, wie die BayWa ihre Gläubiger zurückzahlen will. Nach dem Vorschlag sollen Kredite in Höhe von bis zu 700 Millionen Euro in ein nachrangiges Instrument umgewandelt werden und hätten damit geringere Rückzahlungschancen. Zugleich dürften die Grossaktionäre mindestens 220 Millionen Euro neues Kapital einschiessen müssen. Weitere Mittel sollen durch den Verkauf von Unternehmensteilen erzielt werden.

Einer der Knackpunkte ist BayWa r.e., die Sparte für erneuerbare Energien, die BayWa gemeinsam mit dem Schweizer Investor Energy Infrastructure Partners besitzt. Das Unternehmen leidet unter weitreichenden Änderungen der Regulierung für erneuerbare Energien in den USA, höheren Zinsen sowie dem Preisverfall bei Solarkomponenten. BayWa hat den erwarteten Erlös aus dem Verkauf seiner Beteiligung an BayWa r.e. bereits von 1,7 Milliarden Euro auf 900 Millionen Euro reduziert.

Im ungünstigsten Fall könnten die Haupteigentümer Bayerische Raiffeisen-Beteiligungs-Aktiengesellschaft und Raiffeisen Agrar Invest AG die erforderlichen Mittel nicht aufbringen. Dann könnte BayWa verkauft werden, um die Gläubiger zu bedienen.

Trotz aller Unsicherheiten ist das Ziel der Sanierung klar: eine Rückkehr zum Agrarkerngeschäft. Damit wird den früheren Expansionsplänen des Unternehmens und den Finanzierern, die sie in der Zeit des billigen Geldes ermöglichten, indirekt widersprochen.

Während er nahe Augsburg seine Ernte einbrachte, sagte Thum, BayWa arbeite intensiv daran, das Vertrauen der Kunden mit schnelleren Zahlungen und besseren Angeboten zurückzugewinnen. Der 48-Jährige ist weiterhin darauf angewiesen, dass das Unternehmen ihn rasch mit Betriebsmitteln versorgt — von Pflanzenschutzmitteln bis hin zu Milch für seine Kälber. «Die haben alles und das ist der Vorteil», sagte Thum.

«Wir haben einfach die Hoffnung, dass die anderen Sparten abgestossen werden, und die Landwirtschaftssparte bleibt», fügte er hinzu.

(Bloomberg/cash)

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