Am Dienstag ist das Übernahmeangebot der italienischen UniCredit für die Commerzbank abgelaufen. Doch wie das Tauziehen um die Frankfurter Bank letztlich ausgeht, ist noch offen. Die Nachrichtenagentur Reuters gibt einen Überblick über den Stand der Dinge:

HAT UNICREDIT SEIN ZIEL MIT DEM ÜBERNAHMEANGEBOT ERREICHT?

Formal ja. Konzernchef Andrea Orcel hat mit seinem Angebot von 0,485 Unicredit-Aktien je ‌Commerzbank-Papier ausreichend Interessenten ⁠gefunden und die Schwelle von 30 Prozent der Anteile an der Commerzbank deutlich übersprungen. Damit hat UniCredit nun freie Hand, weitere Commerzbank-Aktien zu kaufen, ohne ein Pflichtangebot in bar vorlegen zu müssen, für das ⁠es strikte Kriterien gibt und das deshalb höher ausfallen müsste. Weil die Bedingung für das Zustandekommen der Offerte erfüllt ist, bekommen die Commerzbank-Aktionäre von Freitag an noch einmal zwei Wochen Zeit, das Angebot anzunehmen.

WELCHE COMMERZBANK-AKTIONÄRE HABEN DAS ANGEBOT ANGENOMMEN?

Bis zum Ablauf des ‌Tauschangebots hat sich UniCredit 12,5 Prozent der Commerzbank-Aktien gesichert - zusätzlich zu den 26,8 Prozent, die sie bereits hält. Laut Commerzbank hat aber kaum einer ‌ihrer traditionellen Aktionäre - wie Fondsgesellschaften oder Vermögensverwalter - seine Aktien in UniCredit-Papiere getauscht, geschweige denn eine nennenswerte Zahl von Privatanlegern. ​Die Bundesregierung, mit zwölf Prozent zweitgrösster Aktionär, will das Angebot nicht annehmen, aus finanziellen Gründen und aus grundsätzlichen Erwägungen. Echten Einfluss auf den Ausgang des Tauziehens hat sie damit aber nicht.

Weil sich die Annahme des Angebots finanziell lange für die Aktionäre nicht lohnte, wird vermutet, dass zahlreiche Banken, die mit UniCredit Derivategeschäfte gemacht haben, die damit verbundenen Aktien eingereicht haben. Denn UniCredit hat die Derivate nicht mit den normalen Commerzbank-Aktien verknüpft, sondern mit den eingereichten Aktien, die eine eigene Aktiengattung darstellen. Damit hat Orcel die Banken praktisch dazu gezwungen, Commerzbank-Aktien anzudienen.

WAS SIND DAS FÜR DERIVATE?

UniCredit hält drei Arten von Derivaten auf Commerzbank-Aktien. Einen Teil davon ‌kann sie unmittelbar in ein Aktienpaket von 3,2 Prozent an der Commerzbank tauschen. Ein zweiter, noch grösserer Teil ist ebenfalls an den Wert der Commerzbank-Aktien geknüpft. Vereinbart ist aber, dass sie in Geld und nicht in Aktien abgegolten werden. Das lässt sich jedoch leicht ändern, so dass sich UniCredit auch darüber unter Umständen Aktien verschaffen könnte - bis zu 13,2 Prozent. Mit weiteren Derivaten hat sich UniCredit weitgehend dagegen abgesichert, dass sie mit ​den Commerzbank-Aktien Verluste macht - egal ob sie die Bank am Ende übernimmt oder nicht. Letztere müsste sie eigentlich nicht ausweisen. Nach Beschwerden der Commerzbank über mangelnde ​Transparenz legt UniCredit aber auch diese Positionen offen.

WAS WILL UNICREDIT WIRKLICH MIT DER COMMERZBANK?

Orcel hat längst klargemacht, dass es ​ihm um mehr geht als nur um das Überspringen der 30-Prozent-Hürde. Er hat bereits im April detaillierte strategische Pläne vorgelegt, was er mit der Commerzbank nach einer Übernahme vorhätte - Stellenabbau und mögliche Fusion mit der Münchner Unicredit-Tochter HypoVereinsbank (HVB) inklusive. Der Banker verspricht sich von einem ‌Zusammenschluss der beiden deutschen Geldhäuser grössere Durchschlagskraft auf dem deutschen Markt und Grössenvorteile, die zu Effizienzgewinnen führen sollen.

Der Commerzbank-Vorstand wehrt sich gegen die Übernahme. Er führt an, dass die Bank eigenständig mehr Wert schaffen und den Aktienkurs weiter nach oben treiben könne. Analysten sehen das Kursziel im Schnitt bei mehr als 40 Euro. Der Betriebsrat der Commerzbank befürchtet unter der Ägide der Unicredit einen noch grösseren Stellenabbau als ihn die Commerzbank ​ohnehin plant.

WELCHEN EINFLUSS ​KANN UNICREDIT AUSÜBEN?

Rund 40 Prozent der Anteile könnten schon für eine Mehrheit auf der Hauptversammlung der Commerzbank ⁠reichen, mit der UniCredit die Anteilseignerseite im Aufsichtsrat neu besetzen könnte. Der Bund hat dort für zwei Mandate ein Vorschlagsrecht, kann ​aber überstimmt werden. Der Aufsichtsrat könnte dann ⁠einen neuen, UniCredit-freundlicheren Vorstand einsetzen. Allerdings steht die nächste Hauptversammlung erst 2027 an. Die Hürden für die Einberufung einer ausserordentlichen Hauptversammlung sind hoch.

WAS SAGEN DIE BANKENAUFSEHER DAZU?

Einer Übernahme der Commerzbank müssten die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) noch ‌zustimmen. Widerstand ist von dort aber kaum zu erwarten, weil die Frankfurter Notenbank länderübergreifenden Bankenfusionen in der Euro-Zone wohlwollend gegenübersteht. Grössere Tragweite könnte aber eine Entscheidung der EZB haben, dass UniCredit auch ohne Mehrheit die Commerzbank de facto kontrolliert. Dann müsste die Mailänder Bank dafür deutlich mehr Kapital als Sicherheit für die grössere Bilanzsumme vorhalten, ohne dass sie schon die ‌Früchte eines Zusammenschlusses ernten könnte.

WIE WAHRSCHEINLICH IST EINE FEINDLICHE ÜBERNAHME?

Feindliche Übernahmen sind in der Bankenbranche äusserst selten. Zu gross ist das Risiko, dass Mitarbeiter ​und Kunden der übernommenen Bank dann die Flucht ergreifen - sie aber stellen den eigentlichen Wert eines Instituts dar. Der Käufer hätte dann unter Umständen mit Zitronen gehandelt. Wahrscheinlicher ist, dass sich die Vorstände von Commerzbank und UniCredit doch noch verständigen und beide Seiten Zugeständnisse machen. Bis dahin geht es um die beste Ausgangsposition für derartige Gespräche. Commerzbank-Vorstandschefin Bettina Orlopp betonte stets ihre Gesprächsbereitschaft, fordert aber ein höheres Angebot - jedenfalls mehr als 40 Euro je Aktie - und mehr Rücksicht ‌auf die Strategie der Commerzbank. Mehrere Anläufe zu Verhandlungen blieben ohne ​Ergebnis.

(Reuters)